Wildland – Insel für die Seele

Autor:
Redaktion

Ein Bericht von Ralf Eibl

Das schönste Reservat für Häuptlinge liegt am Moorberg in Hornbostel. Der Chief dort ist Harald Hasse und er spürt genau, was Führungskräfte täglich opfern, um zu funktionieren. Er war ja selbst einer von ihnen. Doch hier an den Schleifen der Aller zählt der Alltag nicht mehr, hier suchen sie nach einer ganz anderen Rendite. Im Wald zum Beispiel, wenn Häuptling Hasse seine Seminarteilnehmer nach Sonnenuntergang um sich schart. Man glaubt es ja kaum: „Aber bereits eine Nachtwanderung durch den Wald mit Fackeln tut Top-Performern gut. Spätestens, wenn ich bei Vollmond draußen stehe und ein Manager mir sagt, so einen großen Mond habe er noch nie gesehen, dann weiß ich, wie weit er weg ist, wie lange er nachts nicht mehr draußen war.“ Es ist schwierig, den Wildland-Gedanken von Harald Hasse in einem Satz zusammenzufassen. Aber einer ist sicher, zurück in die Spur zu finden, wo immer sie auch hinführen mag.

Also nichts wie raus. „Es ist schon teilweise ernüchternd, wie hilflos der moderne Mensch sein kann, wenn er in seine natürlich Umgebung gestellt wird. Denn da draußen liegen unsere Wurzeln, da kommen wir her.“ Hasse nimmt seine Gäste gerne auf eine nächtliche Kanutour über die Aller. „Dabei spürst du deren Ängste – vor Dunkelheit und vor Wasser.“ Moskitos? Gibt es. Schlangen? Sowieso. Wölfe? Ja, auch. „Was willst Du noch hören?“, fragt Hasse grienend. „Dann gehe ich vor und dann wird auf einer Sandbank zusammen gekocht. Nichts ist jedoch vorbereitet. Wir machen alles selber. Fleisch marinieren, Fleisch tranchieren. Gewürze sammeln. Da siehst du dann so Typen, die 500 000 Euro aufwärts verdienen, wie sie mühsam an einer Kartoffel herumschaben. Dann wird da draußen zusammen gegessen. Und irgendwann in der Nacht geht es auch wieder zurück.“

Der sicherste Weg ist immer auf dem Fluss. „Durch den Wald bekommst du die Herde nicht. Da ist es stockdunkel. Die Reflektion des Restlichtes ist immer auf dem Fluss. Immer. Das sind Erfahrungen, welche die Gäste im Wildland sammeln können. Die sind dann stolz auf sich und das Team. Das ist kein Survival, aber für viele doch eine Erfahrung, die über ihre bisherigen Grenzen geht.“ Die Reizpunkte, die Hasse für seine Gäste setzt, finden meistens draußen statt: ob an der Bogenschießanlage oder mit den Kanus. „Wir können auf der Wiese Trommelsessions machen oder auch eine Meditation. Das ist die Art von Wellness, wie ich sie anbiete. Den anderen Krempel können sie anderswo ohnehin viel besser haben.“

Der 66-jährige Harald Hasse hat den Seminarort in den vergangenen zwanzig Jahren mit dem Bewusstsein aufgebaut, dass Brainstorming alleine, dass nur Kärtchen an irgendwelche Metaplanwände kleben, nicht das Leben sein kann. Entstanden sind so über die Jahre acht Häuser, die auf baubiologische Weise liebevoll mit Artefakten der Region renoviert wurden, und sich in vier Gästehäuser, Tagungshäuser sowie ein Restaurant mit Gewölbekeller aufteilen. Als er das Gelände kaufte standen hier mehrere halbfertige Häuser rum, andere waren Ruinen. Der Vorbesitzer hatte sich hier ruiniert. Aber das ist eine andere Geschichte.„Mich gibt es ja eigentlich nicht. Ich bin in keinem Hotel- oder Restaurantführer. Ich habe hier 22 Zimmer. Mehr wird es nicht geben.“ Die Küche ist biologisch, saisonal und regional. Hasse selbst ist Vegetarier. „Bloß eine rein vegane Küche halten sie im Hotelbetrieb nicht lange durch“, sagt er.

Zusammengefasst ist Wildland die Summe der Erfahrungen aus Hasses eigenem Managerleben als Berater und Kommunikator. Die positiven genauso wie die negativen. Seine Anteile an einer Beratungsagentur hat er verkauft, seine Erkenntnisse hat er mitgenommen. „Bei Kellogs beschäftigte mich zum Beispiel die Frage: Was ist gutes Essen und was nicht? Bei Reemstma das Thema: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Kraft eines Ortes und dem Wohlbefinden und der Arbeitsleistung eines Menschen?“ Hasse hatte für den Zigarettenhersteller einmal ein „tolles Seminar konzipiert, nur dieses leider an den falschen Ort gebracht. Das Ergebnis war: kein Ergebnis. „An einem anderen Ort, bekam ich dann eines. Ich habe mich daraufhin viel mit Feng-Shui, Geomantik und Naturarchitektur beschäftigt. Aus all diesen Einflüssen ist im Prinzip auch der Wildland-Gedanke entstanden.“

Ein wesentlicher Aspekt dabei sei: Wie gehen wir miteinander um? Ist der Ort für die Menschen, die hier arbeiten, genauso gut wie für die Gäste, die kommen? Ich habe alles gelesen, was zum Thema einer vernünftigen Lebensführung zu lesen ist. Ob Zen-Buddhismus oder Shintoismus, Reiki oder Yoga – alles.“ Hasse selbst ist in den alten, indianischen Ritualen zu Hause. Er lebt sehr reduziert. 38 Quadratmeter reichen ihm. Zwei Matten, ein Tisch, ein Bett und eine Gartendusche. Harald Hasse wäscht sich jeden Morgen draußen, bei vier, fünf Grad Wassertemperatur. „Wenn es einfriert, dann habe ich ein Problem.“ Er beginnt den Tag mit einem alten, indianischen Ritual. Ein Gruß an die Himmelsrichtungen, an die Bäume, die Tiere, die Pflanzen, die Steine und die Menschen. Aber auch dies sei nur ein Baustein eines größeren Ganzen.

„Die Indianer machen eine gute Arbeit, aber es ist nur ein Teil. Die Zen-Buddhisten machen eine gute Arbeit, aber es ist nur ein Teil. Ich habe mir alles angeschaut und mir mein eigenes Ding gebaut. Ich möchte den Leuten zeigen, was Natur für eine Qualität hat.“ Die kann man im Wildland übrigens auch wunderbar genießen, wenn man gerade nicht an einem Burn-Out oder einer Selbstreflexion laboriert. Man schläft in den nach geomantischen Gesichtspunkten konzipierten Räumen wie ein kleines Kind, man isst hervorragendes Biofleisch, der Rotwein mundet, die gute Luft sowieso, dann die nahe Aller …, kurz: Hier lässt es sich leben. Und auch wunderbar warm duschen.

Wenn abends dann das Kaminfeuer prasselt, kreisen die Gespräche zwanglos aber doch fast immer zwangsläufig um die großen Fragestellungen des Lebens. „Bist du ausgestiegen?“, wird Harald Hasse dann von seinen Häuptlingen oft gefragt. „Ich bin nicht ausgestiegen, ich erweitere mich nur. Ich kann das, was ich in der Industrie gemacht habe, auch hier machen.“ Nur anders.

„Mensch, Harald, Du hast doch da diesen Meditationsraum mit dem großen Gong. Meditierst du?“ – „Ja den ganzen Tag.“ – „Ist das nicht eine Technik.“ – „Nee, das ist keine Technik, das ist ein Bewusstseinszustand, in den auch Du einfach kommen kannst.“ Was so einfach klingt, kann für Menschen, die ständig am Limit sind, unendlich schwierig sein. Bereits eine Runde Bogenschießen sei häufig selbst erklärend: „Wie gehen die eigentlich mit sich selbst um, wenn es darum geht, ein Ziel zu erreichen? Was ist eigentlich mit mir los, wenn ich daneben schieße? Und warum flattert ein Pfeil? Und warum bricht er? Am Bogenschuss kann man den Zustand seines Schützen wunderbar ablesen.“ Eine wunderbare Übung sei dies, sagt der Hausherr.

Doch tiefer schürfen will Hasse nicht, obwohl er ständig mit Führungskräften zu tun hat, die eigentlich am Ende sind. „Wer hier als Therapeut rangeht, dem ich kann ich nur sagen: Seien Sie vorsichtig. Die Leute fühlen sich in dem Hype, in dem sie funktionieren, gut aufgehoben. Sie gehen nur permanent über ihre rote Linien. Sie passen nicht auf sich selbst auf.“ Das Wildland möchte seinen Gästen die Achtung zurück geben: vor sich und vor der Natur. Das ist wenig und manchmal doch ganz viel.

Fotos: Hubertus Blume

(C) landluft-celle.de 2017

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