Wasa-Lauf in Celle

Autor:
Redaktion

Knäcke-Ralley: Der 30. WASA-Lauf in Celle

 Von Aneka Schult

CELLE. Drei Minuten Adrenalinrausch. Die Sonne schickt ihren Segen vom Himmel. Schnaubend können es Menschen wie Rinder kaum erwarten, durch die Gassen zu jagen. Über eine Million Besucher sind gekommen, das blutige Spektakel unzähliger Wagemutiger, die traditionelle Stierhatz in Pamplona, live zu sehen.

Drei Monate vorher, rund 1700 Kilometer nördlich, in Celle: ungeduldige Sohlen auf ähnlich ehrwürdigem Kopfsteinpflaster. Der Atem tausender Läufer steigt zwischen den Fachwerkhäusern auf. Die drängende Enge heizt sie noch an. Am 11. März, dem traditionellen zweiten Sonntag im Monat, wiederholte sich zum 30. Mal das sportliche Großereignis mit Volksfestcharakter: der Celler Wasa-Lauf, liebevoll Knäcke-Ralley genannt. Lauffreudige notieren sich den Termin schon ein Jahr vorher im Kalender, um an dem Massenereignis nicht zu fehlen.

Bereits die Kleinsten wagen sich an den 2,5 Mini-Wasa-Lauf – ein Highlight, wenn Tausende Luftballons über den Dächern der historischen Altstadt am Rande der Lüneburger Heide ins Blaue steigen, um den Start des Kinder-Laufes einzuleiten. Zig motivierte junge Beine preschen voran. Anschließend stehen die Distanzen 5 km, 10 km, 15 km und 20 km an. 11.30 Uhr donnert erstmals der erlösende Böllerschuss, eine wohldosierte Schwarzpulvermischung mit gehörig Pulverdampf, gezündet von Schützenbrüdern in historischem Kostüm. Eine Meute Sportbegeisterter stürzt in die eng-romantischen Häuserschluchten. Lauert im feurigen Spanien der Tod, drohen in Niedersachsen höchstens ein paar Blessuren.

Eine halbe Stunde vor dem Schuss ist im Innenstadtbereich längst Hochbetrieb. In Dreierreihen stehen die Zuschauer an den Absperrungen, sehen dem nervösen Treiben der Läufer, dem Aufwärmen im Startbereich zu. Angefeuert vom Publikum laufen die Jogger und Trimmer los, unter lautem Gejohle trudelt der Trimmschwanz des 5-km-Feldes später auch ins Ziel. Gegen 12 Uhr erschallt auf dem Marktplatz das Donnern ein zweites Mal, das Signal für das 2-Runden-Rennen, den 10-km-Lauf. Die „Elite“ begibt sich um 13 Uhr auf die 15- und 20-km-Strecke. Nach dem Schuss startet, wie in Pamplona, die allgemeine Hatz, bis jeder Läufer sein Tempo findet und sich die Meute auseinanderzieht, die Spreu vom Weizen trennt. „Das ist jedes Mal ein „unbeschreibliches Gefühl, ein ganz erhebender Moment“, gesteht Holger Pieper, Chef der Leichtathletikabteilung und Vizepräsident des Männer-Turn-Vereins Celle (MTV). Gemeinsam mit sieben Mannen leistet er die organisatorische Knochenarbeit beim Wasa-Lauf.

Knapp 9.200 Läufer spurteten beim Wasa-Lauf – längst größter deutscher Volkslauf mit differenziertem Streckenangebot – im Vorjahr mit. Top-Ergebnis waren 11.490 Läufer 2005. Nur die Städte-Marathons Berlin und Frankfurt weisen mehr Teilnehmer auf. In Niedersachsen ist der Celler Wasa-Lauf die Nummer eins, lockt Massen Sportbegeisterter aus allen Winkeln Deutschlands und dem Ausland an. In diesem Jahr war der Andrang nicht geringer. Einige 10.000 Zuschauer tummelten sich am Rande der Zick-Zack-Runde durch die Innenstadt und fieberten den Startschüssen entgegen. Die Anziehungskraft des Laufes ist seit 1983 explosionsartig gestiegen. Das Flair der malerischen Strecken im Herzen der Herzogstadt, vorbei am Residenzschloss und pittoresken Fachwerkhäusern, tragen die Gäste mit in alle Winde – ein prima Aushängeschild sowie ein Wirtschaftsfaktor ersten Grades für die 75.000-Einwohner-Stadt.

Die Idee für den Stadtlauf schlug ein Schwede vor: Christer Nilsson, seines Zeichens lange Jahre aktiver Freizeitläufer und Celler Chef des Knäckebrot-Herstellers Wasa, der sich seinen Namen wie der Wasa-Lauf beim Schwedenkönig Gustav Wasa lieh. Nilsson fing gleich drei Fliegen mit einer Klappe, als er 1983 sein Knäckebrot mit sportlicher Betätigung und seinem Bekenntnis zur Stadt verband. Am ersten Sonntag im März findet auch in Schweden ein alljährlicher 90-Kilometer-Wasa-Lauf statt. „Als mich 1981 der schwedische Geschäftsführer fragte, wie man den Wasa-Lauf nach Celle bekäme, bot ich mich an, den Kontakt zum MTV herzustellen“, erinnert sich der damalige Produktleiter und PR-Mann Achim Meinecke. Es galt, Rat und Verwaltung von der Stadtlauf-Idee zu überzeugen. „Es fand dann das legendäre Treffen in der Celler Union statt, mit Eckhard Völzke, Sportbeauftragter der Stadt (später Präsident des MTV) und Helmut Prüße, erster MTV-Vorsitzender“, so Meinecke. „Der Funke sprang schnell über. Alle waren sich einig, das Breitensportereignis im Kerngebiet der Stadt durchzuführen“. Man wusste: Läufer wollen sich zeigen. Nur so sind hohe Teilnehmerzahlen möglich. Ein Alleinstellungsmerkmal war geboren. Nicht umsonst hat sich der Lauf unter Kennern als L`Auftakt der Saison eingeprägt.

„Lassen enge Straßenverhältnisse, begeisterte Zuschauer und ehrgeizige Läufer immer wieder kritische Situationen entstehen, ist doch nie etwas Ernstes passiert“, so Pieper. Von Anfang an funktionierte die Zusammenarbeit der 400 Helfer reibungslos. Sämtliche Hilfsorganisationen und die Not-Funk-Dienste aus Burgdorf und Lüneburg übernehmen im 7000-Arbeitsstunden-Einsatz die Ordnungs- und Leitfunktion in der Innenstadt. „Die Stadtverwaltung hat uns vom ersten Tag an optimal unterstützt“, so Pieper. Die Sperrung der Innenstadt, Verlegung von Haltestellen oder das Versetzen von Blumenkübeln seien da nur Kleinigkeiten. Pieper selbst habe oft die Nacht zum Tage gemacht.

Auch die Celler Bevölkerung empfängt die Sportler stets aufnahmebereit und hilft mit Privatquartieren. „Das wurde besonders deutlich 1990, nach der Grenzöffnung zur DDR“, meint Pieper. Damals hatte man allgemein für die Teilnehmer aus den neuen Bundesländern gesammelt, um ihre Startgelder zu bezahlen“. Auch Meinecke fand es großartig, „als kurz nach der Grenzöffnung bereits Läufer aus Quedlinburg dabei waren, mit späteren Gegenbesuchen und Kontakten, die seit Jahrzehnten bestehen.“

Längst kommen die Teilnehmer aus über 20 Nationen, von Australien bis Afrika, Belgien bis Amerika, um beim Celler Volkslauf dabei zu sein oder um auf der 11-km-Wanderstrecke entlang der Aller eine ruhigere Kugel zu schieben. Von 8 bis 88 schlüpfen Lauf-Fans in ihre Turnschuhe, Männer wie Frauen. Manch Greis läuft die Jugend schon mal in Grund und Boden. Die Startgelder bewegen sich zwischen vier und acht Euro. Siegprämien oder Antrittsgagen gibt es nicht. „Starläufer kaufen wir nicht ein“, betont Pieper. Das sei Verrat an den anderen. „Dafür mischen allerhand prominente Leichtathleten mit“, denkt Pieper an Sylvia Schenk aus Frankfurt, die in Celle zur Schule ging. Die 10-fache Deutsche Meisterin und Olympiateilnehmerin, die 1971 Mitglied der 4×800 m-Weltrekordstaffel des DLV war, belegte in ihrer Gruppe (30 bis 39 Jahre) beim ersten Wasa-Lauf den zweiten Platz. Unter den Volkslauf-Wahnsinnigen befinden sich auch immer wieder Lauf-Gruppen der Bundeswehr.

Topfit oder schleppend winden sich die Läufer durch die Gassen, mehr und mehr ermüdend vom Kopfsteinpflaster der Altstadtstrecke. An den Straßenrändern feuern die gar nicht norddeutsch unterkühlten Zuschauer teilnahmsvoll an. Die Innenstadt ist an diesem Ausnahmetag vollständig abgesperrt. Gestärkt wird sich an Bier- und Würstchenständen, mit Erbsensuppe aus der Gulaschkanone und bei Jazzmusik. Ganz Celle ist auf den Beinen. Es herrscht Volksfeststimmung.

Auch am Ziel. Nach mehreren Überrundungen winkt das verlockende Transparent. Bei vielen Läufern ist zur Freude des Publikums trotz Kampfes- und Leidensspuren in den Gesichtern ein Endspurt drin. Schließlich winkt allen Teilnehmern Knäckebrot, isotonische Getränke und Tee. „Der Wasa-Lauf ist kein Olympia, nichts Goldenes, Silbernes oder Bronzenes wird vergeben“, sagt Pieper. „Der Lohn für die Teilnahme ist die Lust an der Bewegung.“ Zudem wird das Amateur-Festival live im Fernsehen übertragen. Die Auswertung erfolgt seit 1984 per EDV. Die Ergebnisse können kurz nach Zieleinlauf abgerufen werden. „Damit die Hände der Volkssportler nicht ganz leer bleiben, bekommt jeder einen Porzellanteller mit Celler Kolorit – eine Beliebt- und Berühmtheit neben den anderen Ehrenpreisen mit Breitensport-Charakter. Auch die Pedes-Jünger können sich nach den gemeisterten elf Kilometern ihren verdienten Erinnerungsteller abholen. Kurz: Der Wasa-Lauf Celle ist ein Magnet für Jogger und Trimmer, eine Abwechslung für geübte Langstreckenläufer, „Sprungbrett“ für Sieger von morgen und beliebtes Ausflugsziel für international erfahrene Renner.

Nach einer Verschnaufpause laufen die Vorbereitungen für den nächsten Wasa-Lauf nicht nur beim Orga-Stab schon wieder auf vollen Touren. Auch die Läufer trainieren. Ab Anfang des Jahres sieht man Celler vermehrt durch die Innenstadt joggen, Lauftreffs animieren sich zum Fitness-Plan. So wie Achim Meinecke und seine Lauf-Kumpanen Uwe Galda und Dr. Josef Fulenkamp. Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter zieht es sie hinaus ins Freie. Kein November-Nebel kann sie stoppen. „Sie ist ein Labsal, die 7-km-Strecke entlang der Aller“, sagt Meinecke. „Oft laufen wir zwei Mal am Wochenende, ein Mal ist Pflicht. Sonnabend 9 Uhr.“ Immerhin galt für alle Drei im März, auf zehn Kilometern eine gute Figur zu machen. „Diesmal liefen meine Frau und meine Tochter mit“, verrät Meinecke. „Und auch sie wurden getragen von dieser herrlichen Euphoriewelle. Die Erschöpfung danach ist ein gewollter Genuss.“

Der nächste Celler Wasa-Lauf findet am 8. März 2015 statt. Die Ausschreibung und Anmeldung sind nun wieder online.

https://www.celler-wasa-lauf.de/cgi-bin/wasa/pages.pl

Fotos: Hubertus Blume

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Raum Celle

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