Die Turmbühne des Schlosstheaters mit OMEN

Autor:
Meggie Hönig

Einsames Solo des genialen Gintas Jocius: einsame Spitze!

Wie einsam muss man sein, um gute eineinhalb Stunden ganz und gar hineinzukriechen in so eine abgrundtiefte Einsamkeit wie es Gintas Jocius bzw. sein Alter Ego in vielerlei Gestalten an diesem Abend tut? Wie einsam muss man sein, um der Einsamkeit ein ganzes Stück lang Raum und Zeit zu geben?

OMEN heißt das große Stück auf der kleinen Turmbühne, OMEN groß geschrieben. Und wenn wir, bevor es losgeht, auf die – trotz leicht plüschiger Wohnzimmerstaffage – seltsam leere, dunkle Bühne starren, befällt uns eine Vorahnung, dass wir vielleicht ein bisschen weniger fröhlich nach Hause in eine immer noch viel zu kalte Nacht gehen werden, als wir hergekommen sind. Ein heiterer, unterhaltsamer Abend wird das nicht!

In einer unbekannten Sprache, leise und in leicht wiegendem Sing-Sang beginnt er vor sich hin zu erzählen, eindringlich, rhythmisch – hart unterbrochen von wenigen deutschen Vorboten-Wörtern wie „tolle Leistung” – „Tod”. Er hüllt sich ein in diese nur für ihn selbst verständlichen Worte, der Sing-Sang wird zum zarten Lied. Und dann wirft er sich mit einem dumpfen Schlag auf den Boden, geschüttelt wie von einem epileptischen Anfall. Der Körper verkrampft sich, die Mimik verzerrt zur Grimasse. Er spricht von einem versunkenen Schiff mit verkohltem Mast, entwirft dunkelste, bedrohliche, ausweglose Visionen.

Nur das Diktiergerät hört ihm zu, wie er einen Brief diktiert, um sechs Uhr morgens. „Es gibt so vieles, was mich nicht mehr schlafen lässt.” „Ich glaube, mir ist nicht mehr zu helfen.” „Ich bin aber müde”. Wir sind mittendrin im Sog der Einsamkeit. Und allein gelassen … „walking alone”.

Es gibt keine nachvollziehbare und nacherzählbare Handlung, Gintas Jocius spielt nicht die EINE Rolle. Dirk Böther, selbst Schauspieler, der hier eine überzeugende Regiearbeit zeigt, und er haben Texte verschiedener Autoren zusammengestellt, die im „Programmzettel” ungenannt bleiben. Dort lesen wir einige wenige programmatische Texte von Anna Achmatova, ein Sonett von Shakespeare, oft Zitiertes von Tennessee Williams, Antoine de Saint-Exupéry und Christoph Schlingensief. „Man muss nicht immer alles verstehen.” Wer sich nicht in der regionalen Presse vorinformiert hat, erfährt nicht, dass Gintas Jocius von Michail Bulgakovs Erzählung „Psalm”, in der es um die Hoffnung auf Liebe zwischen einem einsamen Schriftsteller und einer von ihrem Mann verlassenen Frau geht, nachhaltig beeindruckt, vielleicht sogar betroffen war, dass ihn das Thema Einsamkeit nicht mehr loslies. Man erfährt nicht, dass Texte von Ingeborg Bachmann, der großen unglücklich liebenden expressionistischen Dichterin, und von Heiner Müller, des allem Unken zum Trotz unvergessenen Dramatikers unserer Zeit, für dieses Stück verwendet wurden – und schon gar nicht welche.

Man muss nur zuhören, der Geschichte (ja, so etwas wie eine Geschichte gibt es auch) von der unglücklichen, betrogenen Liebe zur untreuen Geliebten, die ein Blut spritzendes tragisches Ende findet. Man muss nur zuhören, all den Worten und Sätzen, die Gintas Jocius wispert, haucht, schreit, herauswürgt, stammelt. „Vergangenheit kündigen”, „frei sein”, „Menschen und Wände wechseln”. „Sie hat ihn gebraucht, und er war nicht da.” „Die Nacht ist einsam.” „Lieben ist einsam sein.” „Wenn es etwas Göttliches in uns gibt, dann ist es die Einsamkeit.” Und wenn in die dunkle Stille eine glasklare helle Kinderstimme fragt „Darf ich reinkommen?” und dann alles auf den Punkt bringt– „Du bist einsam” –, dann zieht sich das Herz zusammen. Man muss nur zuhören, auch der grandios gewählten Musik, die man vielleicht schon einmal gehört hat, an die man sich erinnert, die emotional zutiefst berührt.

Und man muss zusehen, man muss Gintas Jocius sehen! Wie er sich auf dem Boden windet. Wie er sich in sich selbst verkriecht. Wie er sich übergroß aufbäumt. Wie er das hohe Fenster zum erleuchteten Schlosspark mit den bizarren, noch blattlosen Bäumen aufreißt, so dass uns die kalte Nachtluft frösteln lässt. Wie zart und behutsam er dem Kinderpuppenkopf Gestalt und Körperlichkeit einhaucht (ein Puppenspieler ist er auch!). Wie er die vielen Facetten der Einsamkeit in ebenso facettenüberreiche, bis ins Groteske reichende Mimik und Gestik umsetzt, immer wieder anders, überraschend, immer übertreibungslos passend.

„Nichts ist mehr furchtbar.” „Es ist alles egal.” „Ich bin der immerzu Sterbende.”

Einsamkeit zeigt sich als erschreckender Zustand, als schicksalhafte Unabänderlichkeit. Wie einsam sind wir manchmal selbst – obwohl wir Freunde und Menschen um uns haben?

Wer welche Ideen zur Umsetzung dieses unerschöpflichen Themas Einsamkeit hatte, Gintas Jocius oder Dirk Böther, ist Nebensache. Wir sehen ein perfektes Zusammenspiel zweier faszinierender (Schauspieler)Persönlichkeiten. Der Applaus, der lange auf sich warten lässt, nachdem das Telefon auf der einsamen Bühne schmerzhaft laut schrillt und die alten Stehlampen längst dunkel sind, gehört unbedingt beiden. Ein berührender, faszinierender, sehr nachdenklich machender Theaterabend, der einmal mehr zeigt, zu welchen ungewöhnlichen Leistungen und Ideen das Schlosstheater Celle in der Lage ist.

Alle Fotos von Sarah Pertermann. Alle Fotos zeigen Gintas Jocius.

Weiter Infos und alle Termine unter http://schlosstheater-celle.de/

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