Königlich: „The King’s Speech” im Schlosstheater Celle

Autor:
Meggie Hönig

Der sprachlose König hat eine Stimme

Sensationelle Bühne, grandiose Regieeinfälle, supergute Schauspieler … oder besser alles noch einmal in umgekehrter Reihenfolge. So könnte man den jüngsten Premierenabend im Schlosstheater Celle kurz und knapp zusammenfassen. Bejubelt, beklatscht, mit Bravo-Rufen und -pfiffen, begeistertem Füßegetrampel – Standing Ovations! Das erlebt man in Celle selten.

Aus dichten Nebeln löst sich allmählich die Gestalt eines nur mit einer Unterhose bekleideten Mannes, vor Angst zitternd, vor Verzweiflung stöhnend, in Schweiß gebadet. Unter einer Rampe – eine die Bühne über die gesamte Breite waagrechte teilende Ebene – kriecht eine Bedienstete über den Boden und reicht verschiedene Kleidungsstücke an. Sie wälzt sich wieder zurück und wieder hervor, mit immer neuen und immer mehr und immer prachtvolleren Kleidern. Die sich der Mann überzieht. Festliche Musik! Diffuses Licht auf den Spiegel hinter ihm, in dem sich die Umrisse erneut verzerren! „Ich seh’ aus wie ein Weihnachtsbaum”, sagt Albert jetzt in die Stille hinein, Albert, der Herzog von York und der zweitälteste Sohn von König George V. Das alles ist so surreal und so spannungsreich, dass im Publikum jedes Hüsteln und Räuspern verstummt.

Wir befinden uns im Stück „The King’s Speech”, dessen Filmversion aus dem Jahr 2011 (Deutschlandpremiere) vielen der Zuschauer sicher noch in bester Erinnerung geblieben ist. Doch das Theaterstück war vorher. Schon in den frühen 80er Jahren begann der Autor David Seidler, aufgrund eines traumatischen Ereignisses als Kind selbst ein Stotterer, mit den Recherchen, die er auf Wunsch der damals noch lebenden „Queen Mum unterbrach und sie erst nach ihrem Tod im Jahr 2005 wieder aufnahm. Das Theaterskript wurde dann zu der bekannten für drei Oscars nominierten und mehrfach prämierten Filmversion unter der Regie Francis Ford Coppolas umgearbeitet. Erst nach diesem Erfolg und nachdem Seidler im Jahr 2011 für das Drehbuch 2011 den Oscar erhielt, wurde auch das Theaterstück inzwischen auf verschiedenen Bühnen aufgeführt.

Die dramatische Geschichte ist bekannt: Sie beginnt mit dem verzweifelten Versuch Herzog Alberts, eine vom Hörfunk, damals noch ein Wunderwerk der modernen Technik, übertragene Ansprache zu halten. Der Versuch endet wegen seines Stotterns in einem furchtbaren Fiasko. Es dienen sich eine Reihe herkömmlicher, ebenso erfolgsüchtiger wie erfolgloser Ärzte an. Schließlich sucht Elizabeth, Alberts Frau, den Sprachtherapeuten Lionel Logue auf, der auch als Gelegenheitsschauspieler arbeiten muss, um überhaupt „über die Runden zu kommen. Lionels unkonventionelle Methoden irritieren anfangs sowohl den Herzog als auch seine Frau. Wie kommt Lionel denn auch dazu, den Herzog einfach „Bertie” zu nennen? „Sein oder Nichtsein”, das hier ist die Frage. Und das ist der Monolog, den Lionel Albert sprechen lässt und dabei auf einer Schallplatte aufzeichnet, während dieser unter einem Kopfhörer laute Musik hört.

Als sich Bertie in einer wieder einmal verzweifelten Situation dann doch diese Aufnahme mit dem nahezu fehlerfrei gesprochenen Monolog anhört, ist er über sich selbst erstaunt und nimmt die Arbeit mit Lionel wieder auf. Lionel und Bertie sitzen zusammen auf dem Boden oder hier – beide auf gleicher Ebene – auf der Rampe, sie reden, lachen, arbeiten miteinander. Machen Atem- und Sprechübungen. Großartig, mit welch einhämmernder Rhythmik und Präzision schwierigste Zungenbrecher mit Zischlauten, rrrollenden Rs und Alliterationen auf der Bühne zum atemlosen Sprechgesang werden.

Lionel erzählt von seiner be- und erdrückneden Kindheit, in der er von seinem älteren Bruder Edward als Stotterer gehänselt wurde. Lionel bringt Albert dazu, endlich einmal aus sich „rauszugehen” und – gottverdammt – mit den übelsten und obzönsten Ausdrücken, die Lionel aus Albert hervorlocken kann, zu fluchen. Scheiße, Scheiße, Scheiße! Und das ganz ohne ein einziges Mal zu stottern! Die Therapie zeigt Erfolge.

Der König stirbt. Der neue König wird Edward – was Bertie-Albert als große Erleichterung empfindet. Weil aber Edward die Liebe zu seiner unstandesgemäßen Liaison Wallis Simpson wichtiger ist als die Königsehre, dankt er ab. Bertie soll den Thron besteigen. Da steht er da, der König, der sich fürchtet, König zu werden, allein auf der dunklen, jetzt hintergrund- und perspektivlosen Bühne. Und stottert. „Ich bin kein König”, sagt er. „Er stottert so wunderschön”, sagt seine Frau.

Dank Lionels Unterstützung wird die Krönungszeremonie zum persönlichen Befreiungsschlag Berties. Obwohl: Wiegt der überdimensionierte, prachtvolle Königsmantel (ein Extralob für Aleksandra Kica, Kostüme) nicht doch etwas zu schwer auf Berties Schultern?

Auch des neuen Königs wichtigste Rundfunkansprache, als das Vereinigte Königreich dem Hitler-Deutschland den Krieg erklärt, gelingt dank Lionel Logues Hilfe. „Ich habe eine Stimme.” Applaus!

Applaus für die überragende schauspielerische Leistung der beiden Protagonisten. Gintas Jocius stottert so „wunderschön”, er ringt so authentisch nach fehlenden Worten (sicher auch dank der Beratung des Sprachtherapeuten Daniel Hirschligau), er arbeitet dabei mit seinem ganzen Körper. Er lebt diese Rolle. Dirk Böther gibt den unkonventionellen Lionel Logue nicht weniger überzeugend, sympathisch, menschlich – und ein bisschen englisch. Verena Saake als Elizabeth und Katrin Steinke-Quintana als Lionels Frau Myrtle (und weiteren Rollen) geben auch diesen beiden so unterschiedlichen Frauentypen Kontur und einen jeweils eigenen Charakter. Applaus auch unbedingt für Thomas Wenzel, der fast übergangslos von einer Rolle in die nächste schlüpft und einmal mehr seine große Wandlungsfähigkeit beweist. Das kann Johann Schibli auch – und zwar genauso gut und wunderbar, besonders als Winston Churchill.

Die schlichte und doch so einfallsreiche Bühne (Philip Rubner)ermöglicht ganz und gar ungewöhnliche Regieeinfälle (Sebastian Sommer). Die den Raum in der Höhe teilende Ebene trennt in oben und unten, bildet und überwindet Hierarchien, ist Stuhl und Thron, Wohn- und Behandlungszimmer und Tanzboden, ein Symbol für Raum und Zeit. Der verspiegelte und subtil beleuchtete Hintergrund schafft Nähe und Ferne, verzerrt und zeichnet weich.

Applaus für zwei pausen- und atemlose Stunden mit hohem Unterhaltungswert und ebenso viel Ernsthaftigkeit und Anlass zum Nachdenken.

AlleFotos:Benjamin Westhoff

Foto 1: Gintas Jocius als „Bertie, Herzog von York“. Foto 2: Thomas Wenzel als „Doktor“. Foto 3: Katrin Steinke Quintana als „Myrtel, Lionels Frau“ und Dirk Böther als „Lionel Logue“. Foto 4: links Gintas Jocius als „Bertie, Herzog von York“, rechts Johann Schibli als „König Georg V.“. Foto 5: Verena Saake als „Elizabeth, Herzogin von York“. Foto 6: v.l.n.r. Thomas Wenzel als „David, Prince of Wales“, Katrin Steinke Quintana als „Partygast”, Verena Saake als „Elizabeth, Herzogin von York“, Gintas Jocius als „Bertie, Herzog von York“. Foto 7: links Gintas Jocius als „Bertie, Herzog von York“, rechts Dirk Böther als „Lionel Logue“. Foto 8: Gintas Jocius als „Bertie, Herzog von York“.

alle Termine und weitere Infos: www.schlosstheater-celle.de

 

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