Steve Jobs: iGod oder „visionäres Arschloch“?

Autor:
Meggie Hönig

Nachdenklich machende Studioproduktion im Malersaal des Schlosstheaters Celle: „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“ von Mike Daisey

In diesen Tagen wäre Steve Jobs 60 Jahre alt geworden, und auch gut drei Jahre nach seinem Tod im Oktober 2011 widmen ihm, dem „iGod“, dem Visionär und charismatischen Frontman der millardenschweren Weltfirma Apple, einige der einschlägigen Computermagazine einen Rückblick. Spricht man von Apple, denken auch heute nicht nur Computerfreaks an Steve Jobs. Die Verehrung für Steve Jobs ist ungebrochen, noch immer mehrt sich die Zahl seiner Jünger. Ja, sie ist voller Wunder, die Apple-Welt und der gezielt provozierte Hype um neue Produkte.

„Wenn in der heutigen Zeit, wo ein so großer Teil mittels Technologie erlebt wird, sage ich euch, wenn du da das Konstrukt kontrollierst, durch das die Menschen die Welt betrachten, dann kontrollierst du die Welt an sich.“ Das ist ein Satz aus Mike Daiseys Monodram „Die Agonie und die Ekstase des Steve Jobs“, das als Studioproduktion im Malersaal des Celler Schlosstheaters Premiere feierte.

Mike Daisey, 1976 in Fort Kent, Maine, geboren und Autor von inzwischen über 20 Bühnenstücken, von The New York Times „the master storyteller“ genannt, hat dieses Stück im Jahr 2010 selbst uraufgeführt und danach immer wieder als Monolog performed. Er erzählt die Geschichte eines Apple-Verehrers, eines Freaks, und dessen vergötterten Helden Steve Jobs – er erzählt seine eigene Geschichte, wie er sich und sein Denken von Steve Jobs und dessen Zauberwelt hat dominieren lassen. „Wir haben hier ein Gerät, dass so Teil unserer intimsten Privatsphäre ist, als wäre es Teil von uns, in uns eingebaut, Teil unserer Körper. … Die Geräte sind ein untrennbarer Bestandteil unseres Blicks auf unsere Existenz“ (aus dem Interview, das die Dramaturgin der deutschen Erstaufführung Anne-Kathrin Schulz 2012 mit Daisey geführt hat).

Zufällig entdeckt Daisey irgendwann auf einem neuen iPhone vier Testphotos – vier Bilder, die eigentlich gar nichts Besonderes zeigen, nämlich „nur“ Bilder aus der Fabrik, Paletten und eine Arbeiterin bei Foxconn in Shenzhen in China. Und er fängt an nachzudenken. „Ich fing an nachzudenken. Und das ist immer ein Problem, bei jeder Religion. Der Moment, in dem man anfängt nachzudenken.“

Daisey beginnt zu recherchieren, erst per Internet, schließlich im Jahr 2010 wirklich vor Ort. Hochemotional beschreibt er seine Eindrücke, ist schockiert von den alle Menschenrechte missachtenden Zuständen in der unvorstellbar riesigen Fabrik, in der Schichten von 12, 14, ja sogar 16 Stunden angeordnet werden, um neue Produkte rechtzeitig auf den Markt bringen zu können. Dass Daisey in seiner ersten Fassung des Stücks persönliche Erlebnisse und möglicherweise übertriebene, nicht authentische Berichte von Journalisten und Foxconn-Arbeitern vermischt, hat dazu geführt, dass er einige Textpassagen korrigieren und als Lügen entlarven musste. Aber es lohnt sich, ihm zuzuhören. Hier spricht jemand, der von seinem Gott enttäuscht worden ist – und klagt an. Dass Foxconn-Mitarbeiter in den Selbstmord getrieben werden und anstatt Hilfe und Gehör zu bekommen, Fangnetze zwischen die Fabrikhallen gespannt werden. Dass Verantwortung für Mitarbeiter dort ein Fremdwort ist. Dass Apple als Auftraggeber nicht nach den Arbeitsbedingungen fragt. Und dass es auch uns als Benutzer nicht kümmert, wie die Geräte hergestellt werden.

Daisey lässt seine ganze Wut und seinen Hass, der inzwischen der Bewunderung gewichen ist, an Steve Jobs aus. „ Steve Jobs hatte viele Eigenschaften, aber vor allen Dingen hatte er zwei, die untrennbar miteinander verbunden waren: Er war ein visionäres Arschloch.“

Spätestens hier hätte deutlich werden müssen, dass nicht nur Apple-Geräte in Shenzhen hergestellt werden, sondern dass Foxconn als weltgrößter Elektonikhersteller in seiner größten Fabrik der Welt mit 420.000 Mitarbeitern nicht nur Apple beliefert, sondern auch Firmen wie Sony, Hewlett-Packard, Dell, Nokia und viele andere. Denn damit bekommt das Stück eine andere, einen weitere Dimension, die nicht nur von Steve Jobs handelt, sondern von der Skrupellosigkeit ausländischer Firmen, die Shenzhen in China als Sonderwirtschaftszone nutzen und Steuer- und andere Vergünstigungen „einstreichen“. Damit wirft das Stück weit über das Unternehmen Apple hinausgehende, nämlich das gesamte Thema Wirtschaftsethik betreffende Fragen auf. Und der moralische Appell des Abends lautet denn auch „Sollte es uns kümmern?“

Wann wird aus einem Monodram oder aus einem Monolog, wie Daisey selbst dieses Stück nennt, Theater? Wenn man es so spricht, so ekstatisch anklagt und den Text gekonnt pantomimisch in Szene setzt wie Rasmus Max Wirth (seit 2014 festes Ensemble-Mitglied des Schlosstheaters Celle). Wenn man so rastlos durch den Raum rennt und hin und her springt, dass die kultigen Sneakers auf dem glatten Theaterboden quietschen und man fürchtet, er könne sich in den endlosen Kabeln der Bühne verheddern. Wenn man so hyperaktiv gestikuliert und so trance-gleich breakdanced. Wenn man sich bis zur Erschöpfung nahezu eineinhalb Stunden – nur selten ein bisschen zu nervös – „die Seele aus dem Leib“ spielt, immer in direktem Blickkontakt und direkter Ansprache an die Zuschauer.

Auf der an einen Mac erinnernden, von Birgit Bott gestalteten Bühne, mit teils psychedelischen Lichteffekten und einem unüberschaubaren Kabelgewirr entsteht unter der Regie von Agnes Oberauer – übrigens als ihre erste Inszenierung am Schlosstheater – ein dichtes, sehr nachdenklich machendes Studio-Theater, das mit großem Applaus im kleinen Raum belohnt wurde.

PS: Dieser Text wurde auf einem MacBook Pro, 15 Zoll, mit Retina-Display, unter OS X Yosemite, Version 10.10.2 geschrieben.

 

Alle Fotos: Benjamin Westhoff
Alle Fotos zeigen Rasmus Max Wirth.

Weitere Termine: 11.3., 12.3., 14.3., 18.3., 20.3., 26.3., 27.3 jeweils um 20.00 Uhr im Malersaal

Themen:
Malersaal

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