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Wieder ein Shakespeare im Sommertheater im Celler Schlosstheater

Autor:
Meggie Hönig

Da habt ihr, was ihr wollt: einen sehr unterhaltsamen Theaterabend!

Es rauscht und tost und tobt. Sturmböen reißen die Fenster in den oberen Schlossetagen auf, erschrockene Schlossbewohner brauchen ihre Kräfte, um sie wieder zu schließen. Blaue (Vorhang)Wellen wölben sich, türmen sich dramatisch auf zwischen den Bühnenstufen (Bühne und Kostüm: Manfred Kaderk) und werfen sie schließlich an Land: Viola weint verzweifelt um ihren Zwillingsbruder Sebastian, den sie in den Wellen untergegangen glaubt. Der Kapitän, der sie gerettet hat, in Wind-und-Wetter-Seemannskluft, zieht sich die Stiefel aus und wringt mit Hingabe seine ollen, nassen Socken aus. Die ersten Lacher sind auf seiner Seite.

Und schon sind wir mittendrin im Sommertheater, draußen – das Wetter spielt mit – im Innenhof des Celler Schlosstheaters. Viola, die Gestrandete, findet sich wieder in Illyrien, verkleidet sich zum Selbstschutz als Mann, nennt sich Cesario und tritt in die Dienste des Herzogs Orsino. Orsino liebt die schöne Olivia, obwohl oder gerade weil er sie noch nie gesehen hat. Olivia verzehrt sich in Trauer um ihren verstorbenen Bruder und schwört Welt und Liebe ab. Cesario-Viola wird im Auftrag von Orsino als Liebesbote zu Olivia geschickt. Statt Orsinos Liebesschwüre zu erhören, verliebt sich Olivia in den Boten. Dieser, d.h. diese, nämlich Viola, ist aber längst ihrem Herrn Orsino mit Haut und Herz verfallen. Oh weh! Und noch mehr Liebe, hin und her, vor und zurück: Sir Toby Rülp, Olivias Onkel, hat’s auf Olivias propere Kammerzofe abgesehen, Malvolia, der Haushofmeister Olivias, auf seine Herrin (ach, du Schreck), und Kapitän Antonio vergnügt sich mit Violas Zwillingsbruder Sebastian, der halt doch nicht tot ist. Dieser Sebastian wird, weil sie ihn für Orsinos Boten hält, von Olivia verführt – sein Widerstand ist ja auch gar zu gering. Was für ein turbulentes Verwirr-, Verkleidungs- und Verwechslungsspiel! „Nichts ist so, wie’s ist.”

„Was ihr wollt”, heißt die Shakespeare-Komödie, die hier in der Übersetzung von Thomas Brasch gegeben wird und die aber im Kern gar nicht so komisch ist. Handelt sie doch weniger von vergnüglichen, leichtfüßigen Liebeleien als vielmehr von der Selbstverliebtheit, von der durch Befriedigung der Eigenliebe getriebenen Liebesjagd. Das aber soll der Zuschauer gar nicht sehen, er soll sich amüsieren und am besten nicht so viel nachdenken in dieser verrückten Welt.

Und es gibt viel zu lachen: Über Sir Toby Rülp(s), in Schottenrock und karo-bestrumpft, mit wirrem Haar und affigem Grinsmaul, kalauernd, vorwiegend volltrunken, ordinär, vulgär, überhaupt mehr Tier als Mensch, hüpfend, springend, tanzend, über den Boden rollend – großartig gespielt von Gintas Jocius. Er kann halt einfach alles in Perfektion!

Über Sir Andrew Bleichenwang, ein wenig weltfremd, in absonderlichen, zunehmend lächerlichen Kostümen, ein Ritter der traurigen Gestalt. Johann Schibli gibt ihn herrlich staksig, naiv, Unsicherheit überspielend, gockelhaft eitel bis zum Abwinken – diese Rolle macht ihm selbst offensichtlich großen Spaß.

Über die wirbelige Marie, die immer einen kecken Spruch auf den Lippen hat. Josephine Raschkes unbändige Energie ist kaum zu toppen. Sie schreit und quiekt vor Lust und Wonne und mischt die ganze Gesellschaft auf. Starke Mimik, riesiges Augenrollen, Armefuchteln und Rennen, Rennen, Rennen … sie kann die Rolle – und überzeugt mit Charme und gerade eben nicht zu viel an Frivolität.

Und über Malvolio! Ach, Malvolio, der arme Schlucker, dem in einer üblen Intrige so arg mitgespielt wird, ist die Lachnummer schlechthin. Wie er sich da in den gelben Strümpfen mit gekreuzten schwarzen Strumpfbändern und verkrampft-unnatürlichem Grinsen einbildet, die wunderschöne, eiskalte Olivia sei in ihn verliebt. Was für eine Herausforderung für Felix Meyer, der zur Hochform aufläuft. „Im Theater hätte ich abgewunken, weil ich’s übertrieben gefunden hätte”, stellt selbst Marie fest.

Naheliegend, dass man auch über den Narren lachen kann und soll! Der taucht immer dann aus einer Luke in den Bühnentreppen auf, wenn’s irgendwie was zu kommentieren gibt. Mit roter Nase, Frack und Zylinder, spielt Jürgen Kaczmarek ihn als singenden, Mandoline und Gitarre spielenden Zirkusclown. Grandios, vordergründig witzig, hintersinnig ernst! Er hat die Fäden in der Hand und lässt sogar das Publikum machen, was er will, nämlich mitsingen bei so überstrapazierten Gassenhauern wie „Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd”, „Oh, du lieber Augustin” und „Meine alte Kuh hat Bahauchweh”.

Da ist es für Johanna von Gutzeit alias Cesario/Viola trotz ihrer Hauptrolle schwer, dagegenzuhalten. Als einzige gibt sie sich nicht der Lächerlichkeit preis, baut eben nicht auf’s simple Amüsement. Mit Ernsthaftigkeit jongliert sie überzeugend zwischen Mann-sein-müssen und Frau-sein-wollen hin und her, mal burschikos, mal verletzlich zart. Schmerz, Verzweiflung, Liebe und Sehnsucht, geliebt zu werden zeigt sie ebenso überzeugend wie jungmännliche Burschikosität. Und wenn sie dann noch so wunderschön-traurige Melodien auf ihrer Bratsche spielt, wünscht man sich mehr von ihr. „Liebe ist Schönheit”.

Überhaupt die Musik! Wenig gefordert in seiner Rolle als Orsino wäre das Stück nur halb so emotional ohne Dirk Böther am Klavier. Er ist ein begnadeter Musiker – und ihm gebührt ein vielleicht zarter, aber extra intensiver Applaus.

Schön und kalt und unnahbar ist Eva-Maria Pichler als Olivia, ein bisschen blass bleibt Maurizio Micksch als Sebastian. Warum Ulrich Gall als schwuler, verliebter und zum Schluss zutiefst enttäuschter Antonio in Rocker-Outfit mit dem Motorrad auf die Bühne knattern muss, erhellt sich nicht. Sein einsamer Abgang allerdings gehört zu den ernsthaftesten, nachdenklichsten Momenten des Stücks.

Markus Knopf inszeniert – nach anfänglichen kurzfristigen Längen – fast atemlos, mit reichlich Tempo, derbem Witz, viel Situationskomik und ­– Klamauk. Zuviel davon? Das Publikum meint nein: dankbarer Schlussapplaus und Füßegetrampel. Da habt ihr, was ihr wollt!

Alle Fotos Benjamin Westhoff

Foto 1: Johanna von Gutzeit als „Viola“. Foto 2: v.l.n.r. Jürgen Kaczmarek als „Narr“ und Josephine Raschke als „Maria“. Foto 3: v.l.n.r. Maurizio Micksch als „Sebastian“ und Ulrich Gall als „Antonio“. Foto 4: v.l.n.r. Johann Schibli als „Sir Andrew Bleichenwang“, Gintas Jocius als „Sir Toby Rülp“ und Josephine Raschke als „Maria“. Foto 5: v.l.n.r. Dirk Böther als „Orsino“ und Johanna von Gutzeit als „Viola“. Foto 6: Im Vordergrund Felix Meyer als „Malvolio“; im Hintergrund v.l.n.r. Gintas Jocius als „Sir Toby Rülp“, Josephine Raschke als „Maria“, Johann Schibli als „Sir Andrew Bleichenwang“. Foto 7: v.l.n.r. Johann Schibli als „Sir Andrew Bleichenwang“, Josephine Raschke als „Maria“, Gintas Jocius als „Sir Toby Rülp“, Ulrich Gall als „Antonio“ und Johanna von Gutzeit als „Viola“. Foto 8: v.l.n.r. Gintas Jocius als „Sir Toby Rülp“, Josephine Raschke als „Maria“ und Felix Meyer als „Malvolio“. Foto 9: v.l.n.r. Eva-Maria Pichler als „Olivia“ und Maurizio Micksch als „Sebastian“. Foto 10: v.l.n.r. Gintas Jocius als „Sir Toby Rülp“ und Eva-Maria Pichler als „Olivia“.

Alle Fotos Benjamin Westhoff

Alle Termine und weitere Informationen unter http://schlosstheater-celle.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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