Schlosstheater Celle mit Shakespeares „Viel Lärm um nichts”

Autor:
Meggie Hönig

Hallelujah, endlich wieder Sommertheater

Es sollte ein vergnüglicher Sommerabend werden. Man spürte es schon, bevor man in den Innenhof des Celler Schlosses gelangt war, man spürte es, man hörte es – und man sah es.

Dort tummelte sich bereits eine bunte Gesellschaft, entspannt an Biertischen sitzend, in kleinen, fröhlichen Grüppchen plaudernd und – in herrlich schwingenden Ballkleidern tanzend, ausgelassen und schon leicht beschwipst (so schien es), die Sektflasche am Mund. Und die Damen himmeln ihn an, den heißblütigen, spanischen Sänger und Gitarrenspieler. Wo sind wir denn hier? Welche Party geht hier ab?

„Viel Lärm um nichts“ erwartet uns – und dies zunächst in der Casa Leonato im Schlossinnenhof. Don Pedro, der Prinz von Arragon, und seine beiden aristokratischen Begleiter Benedikt und Claudio und auch Don Pedros illegitimer Halbbruder Don John, dem schon zu Beginn der dunkelschwarze Schnauzbart leicht schief sitzt, treffen dort ein. Der Krieg ist aus (zumindest in Shakespeares Stück), und jetzt wird übermütig gefeiert, getanzt, gesungen, ganz nah dran an einem Saufgelage. Und das mitten zwischen uns, den Zuschauern, die wir ebenfalls das Weinglas noch in der Hand halten. Applaus!

Die Festgesellschaft schlendert heiter weiter, vorbei an den Tribünen, auf denen wir nun langsam Platz nehmen, auf die kunstrasengrüne Bühne vor der imposanten Kulisse des mehrgeschossigen Schlosses. Bunte Lampions schmücken die Sommerszene: Rasen, Palmen, ein Pool (mit echtem Wasser), rechts und links zwei Holzterrassen mit rot gepolsterten Deckchairs, die Festgesellschaft gekleidet in edle, ans Mittelalter erinnernde Stoffe. Manfred Kaderk (Bühne und Kostüm) ist es wahrlich gelungen, ein mediterranes Sommergefühl zu erzeugen.

Nun nimmt die Handlung seinen Lauf. Claudio verliebt sich in Hero, Leonatos Tochter. Auf einem Maskenfest wirbt Don Pedro für Claudio und gewinnt die Zustimmung zur Hochzeit von Leonato und auch von Hero selbst. Die Hochzeitsvorbereitungen laufen, und eigentlich könnten alle glücklich sein – wenn es da nicht diese dunkle Gestalt des Don John gäbe, dessen Hauptvergnügen es ist, Intrigen zu sähen. Die ersten Zweifel, Don Pedro habe Hero für sich selbst geworben, können mit Hilfe von Benedikt ausgeräumt werden. Benedikt ist ein ausgewiesener Gegner der Ehe und liefert sich mit Beatrice, der schöne Nichte Leonatos, eine spitzzüngige Kritikerin der Männer im Allgemeinen, herrlich ironische Wortscharmützel. Die Intrige Don Johns, ein aufrechter Bösewicht mit einer gefährlichen Sehnsucht nach Zerstörung, lässt Hero als untreue Braut erscheinen, so dass Claudio sich von ihr abwendet. „Bye bye, love. Bye bye, happiness. Hello, loneliness.” Unter Claudios Schmähungen fällt Hero in eine todesähnliche Ohnmacht. Unterdessen wettet Don Pedro, dass es im gelinge, noch vor der Hochzeit die widerspenstige Beatrice und den spröden Benedikt ineinander verliebt zu machen, eine Nebenhandlung die dank der geistreichen Wortgefechte, die sich beide liefern, nun im Mittelpunkt steht. Natürlich gibt es schließlich ein Happy End mit zwei Hochzeiten.

Markus Kopf inszeniert dieses Stück von Liebe und Intrige, Glück und Verzweiflung, Licht und Schatten mit einer ungeheuren Dynamik. Er setzt gekonnt und publikumswirksam auf Emotionen, spielt mit einem ganzen Reigen von Bissig- und Gehässigkeiten und einer guten Handvoll Anzüglichkeiten. Mit nahezu sportlichen Herausforderungen für die Schauspieler – und ganz viel Tanz und noch mehr Musik, die ohne Oliver Giles so großartig nicht zu denken wäre, Giles, der – in Celle als Mitglied der Celler Rockmusik Initiative bekannt – die musikalische Leitung übernimmt, Gitarre spielt und singt. Populäre Musik und Songs von eingängigen Sommerhits über Rock’n Roll und Gottlieb Webehals’ „Polonaise Blankenäse” bis hin zu Leonard Cohens Hallelujah, in das sogar das Publikum gerne mit einstimmt.

Eine gelungene, beschwingte Inszenierung, spritzig von Anfang bis Ende – Letzteres übrigens im wahrsten Wortsinn. Denn das Wasserbecken auf der Bühne geriet zum Planschbecken mit quietschgrünem Plastikkrokodil, jeder der männlichen Protagonisten tappte oder plumpste mindestens einmal hinein (wie bei „Dinner for One” fragte man sich sich, wann es denn wieder einmal so weit ist), Don John (nun ja, er hatte es verdient) wurde hineingestoßen und lag platterdings eine ganze Szene lang im Wasser. Okay, okay, manchmal wäre möglicherweise ein wenig mehr zu Shakespeare passende Sprache nicht „blöd” gewesen, aber „boah ey”, diese Party geht doch heute ab.

Dass all das den Schauspielern Spaß machte, war nicht zu übersehen. Mit vollem Einsatz agierte das gesamte Ensemble, nuancenreich, pointiert und ganz einfach mit einer beinahe nicht zu überbietenden Spielfreude. Fast jeder spielte – wie in einer eingespielten Musik-Band – im Verlauf einmal kurz die Hauptrolle: Eva-Maria Pichler als Beatrice und Felix Meyer als Benedikt, wortgewandt und herrlich streitsüchtig, Regina Vogel als Hero, kokett und emotional diffenzierend, Ulrich Gall als Don Pedro, Pilipp Leenders als Claudio, Jürgen Kaczmarek in der Rolle des Leonato und Christoph Türkay als Don John. Und singen können sie außerdem, allen voran Regina Vogel.

Großartige Unterhaltung also, viel Zwischen- und überschwenglicher, verdienter Schlussapplaus. „Ein toller Abend“ mit einer einzigartigen Atmosphäre an diesem lauen Sommerabend vor einer grandiosen Kulisse, das war das Fazit der überwiegenden Mehrzahl der Besucher. Hoffentlich wird’s ein schöner Sommer, das Stück wird noch viele Male bis zum Ende der laufenden Spielzeit gegeben, natürlich möglichst im Freien.

Termine unter http://schlosstheater-celle.de

Fotos: Benjamin Westhoff

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hauptnavigation