Tschick, Wolfgang Herrndorfs Kultroman, als atemlos-rasantes Roadmovie

Autor:
Meggie Hönig

Ambitionierte Studioproduktion des Schlosstheaters Celle in Halle 19

„Wir wollten in die Walachei.” „Wohin?” „In die Walachei.” Wer schon immer einmal in die Walachei wollte, kommt jetzt einfach mit auf die abenteuerlich-wilde Fahrt und begleitet Maik und Tschick auf ihrer sommerlichen Reise durch Dunkel-Deutschland, die man nun in der Halle 19 als Studioproduktion des Schlosstheaters Celle erleben kann. Tschick, die vielgespielte Theaterversion des gleichnamigen „schlechterdings wundervollen” Buchs von Wolfgang Herrndorf, erntete nach der nicht ausverkauften Premierenvorstellung beim Celler Publikum jedenfalls viel Beifall.

Es ist die Geschichte zweier Jungs, so wie es sie an jeder Schule gibt: Maik Klingenberg ist 14 Jahre alt, sein Vater hat Geld und eine Geliebte. Seine Mutter ist Alkoholikerin und hält sich häufiger auf einer Beautyfarm auf, wie die Entzugsklinik genannt wird, als zu Hause. Tschick heißt eigentlich Andrej Tschischaroff und ist der Neue in Maiks Klasse – Russlanddeutscher, intelligent, arm, ohne Eltern, unangepasst … und sieht ein bisschen älter aus 14. Beide, Maik, der Langweiler mit dem Spitznamen „Psycho”, und Tschick, der Assi, sind Außenseiter in der Klasse und werden nicht zur Geburtstagsfeier der schönen Tatjana, in die Maik heimlich verliebt ist, eingeladen. So steht Maik zu Beginn der Sommerferien im Garten am Swimmingpool und sprengt – gelangweilt – den Rasen, als ein klappriges Auto die Straße runtergefahren kommt. Die Fahrertür ging auf, Tschick stieg aus. … “Macht das Spaß?” fragte er. Und: „Steig ein, Mann”. Und dann, nach anfänglichem Zögern, steigt Maik ein, und los geht die Fahrt ins Nirgendwo, in die Walachei, wo angeblich ein Onkel von Tschick wohnt, querfeldein, getrieben von der Angst, erwischt zu werden, permanent auf der Flucht vor der Polizei. Sie überfallen eine Tanke, begegnen allerlei merkwürdigen Menschen und einem Mädchen, das auf einer Mülldeponie lebt, rasen durch Landschaften, Felder, namenlose Mondlandschaften … und landen nach einem katastrophalen Unfall „vollgeschifft und blutig” auf der Station der Autobahnpolizei.

Atemlos, (fast) ohne Punkt und Komma und den nur drei Schauspielern das Äußerste abverlangend, inszeniert Adnan Taha auf einer nachgerade genialen Bühne, die Andreas Döring persönlich verantwortet. Drei übergroße Rollcontainer sind Badezimmer, Schulklasse, Swimmingpool, Garten … und vor allem – bestückt mit mehreren Einkaufswagen, die sich zwischendurch regelrecht selbständig machen – das Auto, dieser alte klapprige Lada. Atemlos rasen die Container über die Bühne, lautlos oder gegeneinander krachend, wirbeln, rotieren um die eigene Achse, schneller, schneller, immer schneller. Bedrohlich fast, nicht nur für die erste Zuschauerreihe, wenn man sich vorstellt, dass die Zentrifugalkraft zu stark werden könnte und das „Auto” ins Publikum kracht.

Faszinierend ist dieses temporeiche Spiel allemal, beeindruckend sind ganz ohne Zweifel sowohl die darstellerischen als auch die regelrecht sportlichen Leistungen der Akteure. Amüsant und voller Situationskomik reiht sich Szene an Szene, Episode an Episode. Johanna von Gutzeit ist Tatjana, ist Mona, ist Frau Klingenberg, ist Lehrer Wagenbach, ist eine po-wackelnde, sexy Krankenschwester, ist Isa, das Mädchen vom Müll, macht Donner und Blitz (genialer Einfall!) … Sie schlüpft ununterbrochen in neue Rollen, glaubwürdig, authentisch, extrem wandlungsfähig. Manches aber, wie zum Beispiel die Begegnung mit Friedemann, dem Jungen auf dem Holzfahrrad ohne Pedale und seiner merkwürdigen Familie, die ihre Lebensmittel nicht im Supermarkt „einholt” und Maik und Tschick zum Risi-Pisi-Reis-mit-Pampe-Essen einlädt, gerät zum Klimbim, Klischee, Slapstick. Rasmus Max Wirth, über weite Strecken überzeugend als Tschick und unaufgesetzt im Jugendjargon zu Hause, steigert sich zum Ende hin in eine zu hastige und undifferenzierte Artikulation. Klar, die Spannung steigt, die Lautstärke auch, aber die Stimme überschlägt sich, in derselben Tonlage, ganz gleich ob als Tschick oder schließlich als wütender, brutaler Vater von Maik. Schade, Wirth kann es besser, das hat er oft genug bewiesen. Lukas von der Lühe spielt den Langweiler Maik zu keiner Zeit langweilig, sondern gekonnt als pubertierender, verliebter Jugendlicher, unsicher hin- und hergerissen zwischen übermütigem, unbeschwertem Kindsein und den Problemen des Erwachsenwerdenwollens.

Für diejenigen, die Herrndorfs Buch nicht gelesen haben, bot der Abend sicher großartige Unterhaltung und reichlich Gelegenheit zum Lachen. Diejenigen aber, die das Buch kennen, die sich haben verzaubern lassen von dieser sensationellen einfachen Sprache Herrndorfs, die schwerelos dahinfließt, so unaufdringlich eindringlich das ausspricht, wonach wir alle uns sehnen, nach Liebe und Freundschaft und die Gedanken an Tod und Sterblichkeit nicht ausspart, diejenigen vermissen die zarten, sanften, abgrundtief traurigen Zwischentöne, die anrühren und zum Nachdenken zwingen.

Einige wenige Male spürt man diese Sehnsucht und so was wie ein unbändiges, ganz großes Glück auch heute an diesem so nervösen Abend. Als die Jungs im Auto Schutz suchen vor Blitz, Donner und Regen und sie die Naturgewalten auf durchnässter Haut spüren. Oder als sie sich zusammen mit Isa in einen See stürzen. Zauberhaft wie die blauen Müllsäcke der Müllhalde sich nun in Wellen und Wasser verwandeln, eine Flut von schwerlosen blauen Luftballons entladen, in dem Tschick, Maik und Isa, das Mädchen vom Müll, übermütig plantschen und baden.

Eine Studioproduktion des Schlosstheaters, die Herrndorfs Vorlage nur zum Teil gerecht wird, aber durch überaus engagierte schauspielerische Leistungen und einige geniale Regie- und Bühneneinfälle durchaus sehenswert und nicht nur einem jugendlichen Publikum zu empfehlen ist.

Die nächsten Termine und weitere Infos siehe http://schlosstheater-celle.de

alle Foto: Benjamin Westhoff

Foto 1: vorne Rasmus Max Wirth als „Tschick“, hinten Johanna von Gutzeit als „Isa“ und Lukas von der Lühe als „Maik“.
Foto 2: von links nach rechts Johanna von Gutzeit als „Isa“, Lukas von der Lühe als „Maik“ und Rasmus Max Wirth als „Tschick“.
Foto 3: von links nach rechts Lukas von der Lühe als „Maik“, Rasmus Max Wirth als „Tschick“ und Johanna von Gutzeit.
Foto 4: Rasmus Max Wirth als „Tschick“ und Lukas von der Lühe als „Maik“ im Hintergrund.
Foto 5: v.l.n.r. Lukas von der Lühe als „Maik“, Johanna von Gutzeit als „Isa“ und Rasmus Max Wirth als „Tschick“.
Foto 6: Rasmus Max Wirth als „Tschick“ und Lukas von der Lühe als „Maik“ im Hintergrund

 

 

Themen:
Halle 19

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