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Noch eine gelungene Premiere im Schlosstheater Celle: Strindbergs Fräulein Julie

Autor:
Meggie Hönig

Mittsommernacht – Fest der unschuldigen Spiele

Eine verrückte Nacht ist das. Die Nacht, in der es nicht Nacht werden will. Die „weiße” Nacht, die Nacht ohne Schlaf, die Mittsommernacht, in der die Natur so nahe ist, das sie alles verrückt und alle verrückt macht. Die Nacht, in der die Welt auf dem Kopf steht.

Nicht nur Strindberg, dessen naturalistisches Trauerspiel „Fräulein Julie” wir heute als Premiere im Schlosstheater Celle erleben dürfen, ließ sich durch dieses nordische Naturschauspiel inspirieren. Lange vor ihm schon Shakespeare und auch in zeitgenössischer Literatur passieren in dieser Nacht immer wieder abstruse, lustvolle und eben völlig verrückte Dinge.

Auftritt mit Nebelschwaden und Rauch, schwerelos langsam, untermalt von hämmernder, psychedelischer Musik, die Köchin Kristin. Auf eine dunkle Bühne mit dunklen Wänden mit dunklen Türen (eindrucksvolle Bühne: Marina Stefan). „Heute Abend ist Fräulein Julie wieder verrückt, total verrückt!„ sagt Jean der Diener. Und dann steht sie oben: Julie, das adelige Fräulein, überdimensional, festtäglich gekleidet, strahlend hell, blendend, betörend.

Das Spiel mit dem Feuer nimmt seinen Lauf: Julie will sich Jean für diesen Abend „ausleihen”. Denn „tanzen kann er gut”. Jean ziert sich, er will ja nicht unhöflich sein, er habe schließlich den Tanz seiner verlobten Kristin versprochen. Julie aber ist die Herrin, sie befiehlt, sie hat die Macht zu befehlen, mit ihm zu tanzen, ihr die Füße zu küssen, mit ihr zu trinken …

Doch wie behaglich fühlt sich es sich wirklich „da oben” auf dem Thron an? Und wie demütigend ist es „da unten” zu leben? Alles ist merkwürdig, „alles ist ein einziger Matsch, der auf dem Wasser weiter treibt, bis er versinkt.” Julie erzählt ihren Traum: „Ich bin auf einen Pfahl geklettert, sitze oben drauf … und ich sehne mich danach, hinunterzufallen.” Sie kann keine Ruhe finden, „bevor ich nicht unten angekommen bin, auf dem Boden …”. Jean dagegen will in seinem Traum hinauf, „wie auf einer Leiter bis in die Spitze (eines Baumes) steigen”. Julie und Jean flirten miteinander (würde man heute sagen), sie reizen sich, sie demütigen sich gegenseitig, sie verspotten sich, sie trinken miteinander, sie berauschen sich. Und weil die Nacht eben so verrückt ist, kommt es zum Liebesakt.

„Denn bei allem, was wir tun, denken und fühlen, möchten wir manchmal bis zum Äußersten gehen. Der Wunsch wird in uns wach, die Grenzen zu überschreiten, die uns gesetzt sind.” Ein zutiefst menschlicher Wunsch, losgelöst offensichtlich von allen zeittypischen Konventionen. Denn das sagt Ingeborg Bachmann ein gutes Jahrhundert nach der Entstehung des Theaterstücks. (Ein extra Lob verdient im Übrigen immer die Textauswahl für das Programmheft!)

Jasper Brandis, der mit „Fräulein Julie” seine zweite beachtliche Regiearbeit am hiesigen Theater zeigt, gelingt es, diesen desaströsen, schicksalhaften „Höhepunkt”, der bei Strindberg nur gedacht wird, ohne Kitsch und Pathos, ohne Peinlichkeit und Fremdschämenmüssen zu inszenieren. Indem Julie und Jean sich entblößen, legen sie für diesen Moment ihre Standesunterschiede ab. Da stehen sie einfach voreinander als zwei zutiefst verwirrte Menschen, und „es gibt keine Schranken mehr.” Hemmungslos breiten beide nun auch ihr Seelenleben vor uns aus. Da ist Verzweiflung nach der Verzückung, Liebe und Hass, Traurigkeit und Wut, Schuld und (verlorene) Unschuld, Schande und Ehre, Sucht nach Macht und Geld und Sehnsucht nach dem Tod – und da sind Mann und Frau, die unterschiedlicher nicht sein können und doch irgendwie eins sind. Wenn Jean sich Julies Festtagsrock überstreift, wird die ganze Perversion der Situation und die Erbärmlichkeit der menschlichen Kreatur überdeutlich.

Die Inszenierung, die sich über viele Passagen erstaunlich eng an den Originaltext hält, erwartet von den Darstellern, dass sie diese scheinbar unüberwindlichen Gegensätze herausarbeiten. Sie erwartet ein in Gestik, Mimik und Ausdruck hochgradig differenziertes, obendrein ein unglaublich rasantes, atemloses Spiel. Und das können sie alle drei: Josephine Raschke als Köchin in dieser Hexenküche, duldsam und traurig, entrückt und zugleich mit Bodenhaftung – weit mehr als eine Nebenrolle! Felix Meyer als Jean, der anfangs fast wie ein Troll aus Shakespeare-Zaubernächten über die Bühne tänzelt, verwandelt den unterwürfigen Knecht zu einem verliebten Verführer zum berechnenden Unhold. Und natürlich Regina Vogel. Sie zieht alle Register. „Sag, dass du mich liebst!” Von zirpend über flehend bis hysterisch kreischend. Mal Hexe, mal scheues Mädchen. Flüsternd und schreiend.

„Moderne Charaktere”, wie Strindberg in seinem Vorwort zur Erstausgabe schreibt, allesamt, „In einer Übergangszeit lebend, die zumindest hektischer und hysterischer als die vorhergehende ist.” Befinden nicht auch wir uns heute, mehr als 125 Jahre später, in einer Übergangszeit?

Ein Theaterstück, das im übertragenen Sinn nie an Aktualität eingebüßt hat, in einer sehenswerten Aufführung, die in jedem Fall noch viel mehr Applaus verdient hätte.

Alle Fotos: Benjamin Westhoff

Foto 1: links: Josephine Raschke als „Kristin“, rechts: Regina Vogel als „Fräulein Julie“. Foto 2: links: Felix Meyer als „Jean“, rechts: Regina Vogel als „Fräulein Julie“. Foto 3: v.l.n.r.: Josephine Raschke als „Kristin“, Felix Meyer als „Jean“ und Regina Vogel als „Fräulein Julie“. Foto 4: links: Felix Meyer als „Jean“, rechts: Regina Vogel als „Fräulein Julie“. Foto 5: vorne: Regina Vogel als „Fräulein Julie“, hinten: Josephine Raschke als „Kristin“. Foto 6: links: Felix Meyer als „Jean“, rechts: Josephine Raschke als „Kristin“. Foto 7: Regina Vogel als „Fräulein Julie“

Alle Termine und weitere Informationen unter www.schlosstheater-celle.de

 

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