Schlosstheater Celle – Programmvorschau 2017/2018:

Autor:
Meggie Hönig

Aufrichtigkeit! Menschlichkeit, Miteinander hier und heute

„Welche Aufgabe kommt in dieser Welt dem Theater zu, zumal das Bedürfnis nach Aktualiät in Echtzeit das zeitgenössische Theater vor neue Herausforderungen stellt?“ Diese Frage stellt Andreas Döring, Intendant des Schlosstheaters Celle, an den Anfang seines Vorworts des neuen Spielzeit-Programmhefts, das diesmal in abgespeckter Version daherkommt, auf Überflüssiges verzichtet und sich auf die wesentlichen Informationen konzentriert – und dabei wieder sehr bemerkenswert gestaltet ist.

Nach einer facettenreichen Theatersaison, die noch immer im Zeichen der Jubiläen in Celle steht, formuliert Döring nun die Aufrichtigkeit als bekennende Ehrlichkeit in der Gestaltung des Lebens mit anderen als das zentrale Anliegen der kommenden Spielzeit. Was so abstrakt und so absolut klingt, meint etwas ganz Simples: Es geht um einfache, wahre, menschliche Geschichten, wie wir sie tagtäglich erleben können.

Nun ja, ganz so einfach ist das mit der Aufrichtigkeit nicht. Aufrichtigkeit als die philosophische Tugend schlechthin, Liebe zur Wahrheit – das ist weit mehr als das, was wir mit dem fast schon Mode gewordenen Begriff Authentizität subsumieren. Wer schafft es denn schon, Denken, Sprechen und Handeln in Übereinstimmung zu bringen?

So wundert es nicht, dass Lessings nicht nur Schul-Klassiker „Nathan der Weise“, das Plädoyer für Toleranz und eben auch Wahrhaftigkeit schlechthin, zu den Höhepunkten auf der Schlossbühne zählt. Das Stück wird sich in Celle auf die Hauptfiguren konzentrieren und neben der immer aktuellen antwortlosen Frage nach der wahren Religion insbesondere die Utopie der Menschheitsfamilie thematisieren.

Willkommen, bienvenue, welcome – als Auftaktstück der Saison mehr als passend – heißt der wohl bekannteste Song aus dem „Musical Cabaret“, das eigentlich eher eine große Bühne verlangt, gerade aber deshalb für das Celler Theater eine besondere Herausforderung ist. Weniger, aber für gute Unterhaltung gerade genug Glanz und Glitter, heißt es deshalb. „Show weg“! – statt dessen aufrichtige Bekenntnis zur Kunst, damit auch der Brisanz der braunen Politik Raum gegeben werden kann. Aktualitätsbezug, wie bei so vielen Inszenierungen des Schlosstheaters? Möglicherweise hier nur am Rande. Über „die Zeichen der Zeit nachdenken“ aber kann man ganz vortrefflich in Max Frischs Lehrstück „Biedermann und die Brandstifter“. „Aufrichtigkeit ohne Konsequenz ist nicht viel wert“, erklärt Döring, und kann – trotz aller Vorhersehbarkeit – in die Katastrophe führen. Es brennt lichterloh. „Das Spiel ist aus.“ In dieser, nach dem 1948 verfilmten Drehbuch Jean-Paul Sartres erarbeiteten Bühnenfassung wird es spannend, poetisch und nachdenklich zugleich. Pierre und Eve, zwei Menschen aus völlig unterschiedlichen sozialen Verhältnissen, begegnen sich erst im Totenreich, verlieben sich ineinander, können sich aber nicht berühren. Sie bekommen eine ultimative zweite Chance und dürfen ins Reich der Lebenden zurückkehren, wenn sie es schaffen, vierundzwanzig Stunden nicht an ihrer Liebe zu zweifeln. „Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein”, schrieb Sartre seinerzeit, “verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für all das verantwortlich ist, was er tut”. Ob sie ihre Handlungsfreiheit für ihre Liebe nutzen, wird – es handelt sich schließlich um einen Krimi – nicht verraten.

Und noch ein Krimi, ein Psychothriller, wieder ein Lehrstück, wieder eine Parabel in der Nähe von „Biedermann und die Brandstifter“ ist „Foxfinder“, ein Bühnenstück der britischen Autorin Dawn King und – nach der deutschsprachigen Uraufführung im Jahr 2014 – auf diversen anderen deutschen Bühnen aktuell im Spielplan. Es geht um die perfiden Mechanismen, Menschen in einen permanenten, irrationalen Angstzustand zu versetzen, um sie manipulierbar zu machen.

Weniger düster ist die Welt der „Drei Männer im Schnee“, eine als Film bekannte Kömodie nach dem Roman von Erich Kästner, den er bereits 1934, also im Jahr der Entstehung unter dem Pseudonym Robert Neuner herausbrachte. Luxus mit seinen vordergründigen Attributen und moralische Fragen nach Aufrichtigkeit, Kästners Lebensthema schlechthin, werden in einem grotesken, humorigen und vor allen Dingen unterhaltsamen Verwechslungsspiel verpackt.

Auf zwei Klassiker darf man sich außerdem noch freuen: Gerhardt Hauptmanns „Die Ratten“ und Anton Tschechows „Der Kirschgarten“. Hauptmanns Stück ist eine mehr tragische als komödiantische Tragikömodie um das Thema Mutterschaft. Denn auch hier wird wieder gelogen, getäuscht und verletzt. Spannend dürfte sein, wie die Inszenierung mit der zerhackten, naturalistischen Sprache – das Stück spielt im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts – umgeht. „Komisch, unbedingt komisch“ wünschte sich Tschechow sein 1901 entstandenes, heute nur noch selten aufgeführtes Stück. Vergeblich, der „Kirschgarten” ist ein leises Stück der Missverständnisse und des Abschieds geworden. Der elterliche Kirschgarten, das Symbol todgeweihter Schönheit, wird verkauft, abgeholzt und parzelliert. Was macht Heimat aus? Wer stellt sich diese Frage gerade heute in unserer globalisierten Welt denn nicht?

Drei lustige Pinguine, die sich gerade noch vor der Sintflut auf das Kreuzfahrtschiff Arche Noah retten können, streiten über alles Mögliche und dann auch über Gott und das Leben: entstanden nach dem Kinderbuch „An der Arche um Acht” von Ulrich Hub, das nicht nur Kinder, sondern die ganzen Familie lieben wird. Sicherlich ebenso wie das zweite Kinder- und Weihnachtsstück „Die kleine Hexe“, dem bekannten Klassiker des Kindertheaters.

Ein Sommertheater gibt es auch. Man muss nicht nach Österreich fahren, der Innenhof des Schlosstheaters verwandet sich in das Weiße Rößl am Wolfgangsee. Die musikalische Komödie „Im Weißen Rößl“, die österreichische Antwort auf Frank Sinatra, kommt mit viel Swing und Jazz daher und wird ganz bestimmt ein herrlicher Sommerspaß, bei dem – so lässt sich hoffen – auch ein Blick hinter die Idylle geworfen wird, die ohnehin nur eine rissige Fassade der fröhlichen Gesellschaft ist.

Besonderes bieten auch die anderen Bühnen. In „Soul Kitchen“, einer Großstadtkomödie mit Tiefgang, in der es einmal mehr um die Frage nach Heimat geht, wird die Halle 19 zum Szene-Schuppen. Die Kult-Komödie von Faith Akin wird sich mit viel Lokalkolorit und Live-Musik von Sister Soul and the Blaxperts, einer Soulband um die in Celle bestens bekannte Sängerin Tiana Kruskic, präsentieren.

Die „Blechtrommel“ in einer Theaterfassung für einen Schauspieler, „1984“ von George Orwell und „Kelly Bastian“, ein Stück über das so gegensätzliche Paar Petra Kelly und Gert Bastian dürfen als Highlights einer Reihe weiterer, sehenswerter Inszenierungen auf den Studiobühnen Halle 19, Malersaal und Turmbühne genannt werden.

Ein Theaterprogramm, das viel Tiefgängiges verspricht, dennoch ausreichend Unterhaltsames bietet, um für ein breites, vielleicht auch jüngeres Publikum attraktiv zu sein, und – so scheint es – auch Dörings eigene hohe menschliche Ansprüche offenbart. Wir schauen auf eine Theatersaison mit vielen bekannten, großartigen Ensemble-Mitgliedern, freuen uns auf einige neue Darsteller und bedauern sehr den Weggang von Maurizio Micksch, Josephine Raschke, Gerold Ströher und – vorübergehend – Eva-Maria Pichler. Und ganz sicher bestaunen wir wieder ganz ungewöhnlich fantasiereiche Bühnenbilder, die allein – so war es in der laufenden Saison – schon einen Theaterbesuch wert sind.

Auf den Fotos sind von links nach rechts zu sehen:
Mona vom Dahl (Dramaturgie), Sarah Pertermann (Öffentlichkeitsarbeit), Ralph Blase (Leitender Dramaturg), Andreas Döring (Intendant), Stephan Bruhn (Geschäftsführer), Christina Behre (Leiterin Theaterkasse) und Aline Bosselmann (Theaterpädagogin)

Fotos: Jörg Grünhagen

Weitere Informationen und alle Termine finden sie hier:
http://schlosstheater-celle.de/programm-17-18/schlosstheater.html

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