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Schlosstheater Celle: Grandioser Start in die Theatersaison 2015/2016

Autor:
Meggie Hönig

Der große Gatsby – and the livin’ is easy!?

 

„Ich mag keine Partys”, sagt Gatsby, als er endlich da ist. Der große Gatsby, die Lichtgestalt, lackbeschuht und im glamourösen nachtschwarzen Smoking. Fast zu lang hat das Publikum auf ihn warten müssen.

Schon eine halbe Stunde vor Beginn wird ausgelassen gefeiert, getrunken, getanzt, getanzt, getanzt. Alles im Stil und in buntglitzernden Kostümen der „Roaring Twenties” – atemlos, ekstatisch, mitreißend. Es verspricht ein kurzweiliger, unterhaltsamer Abend zu werden. „Summertime, and the livin’ is easy”! George Gershwins berühmtes Lied aus Porgy and Bess, eigentlich ein Wiegenlied, aber überwiegend in h-Moll komponiert, zerreißt – zunächst nur vorübergehend – die fröhliche Stimmung und lässt die abgrundtiefe Traurigkeit und die Tragik dieses Sommerabends erahnen.

Es ist die Geschichte von Aufstieg und Erfolg, den gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen nach dem Ersten Weltkriegs, und es ist die Geschichte von der Sehnsucht nach Liebe, die F. Scott Fitzgeralds gleichnamiger Roman erzählt – 1925 erstmals veröffentlicht, mehrfach verfilmt und auch in jüngster Vergangenheit immer wieder auf Theaterbühnen gezeigt. Schlosstheater-Intendant Andreas Döring hat seine eigene Theaterfassung als Auftaktpremiere der neuen Theatersaison erarbeitet.

Aus der Rückschau erzählt der Nick Carraway vom geheimnis- und gerüchteumwobenen Emporkömmling Jay Gatsby, dessen wichtigste Eigenschaft offensichtlich das Ausrichten ausschweifender Partys ist und der an der IIlusion festhält, seine frühere Geliebte Daisy nun, da er reich und einflussreich ist, zurückzugewinnen. Daisy ist inzwischen mit Tom verheiratet, einem „riesengroßen, klobigen Koloss von Mann” und genießt das mondäne Leben der Reichen und Schönen – und vergeht vor Langeweile. Tom –großartig gespielt von Ulrich Gall – gibt sich wenig Mühe, sein Verhältnis zur exaltierten, ebenfalls verheirateten Myrtle zu verheimlichen, das so selbstverständlich zu sein scheint wie seine rechtsextremen Parolen. Durch die Vermittlung von Jordan lernt Nick Jay Gatsby kennen, der ihn bittet, in seinem Haus ein Treffen zwischen Gatsby und Daisy zu arrangieren. Und es scheint, als ob die alte Liebe zwischen diesen beiden wieder entflammt. Oder ist Daisy nur beeindruckt vom Reichtum des großen Gatsby mit seinen maßgeschneiderten Hemden und Anzügen in Silberblau, Weiß und grellem Pink? It’s Party Time. Mit Tanz, Musik, zu viel Alkohol, Glamour und Glitzer! Kann man sich mit Geld alles kaufen?

Das Treffen der beiden wird als romantischer und dramatischer Höhepunkt zugleich inszeniert, mit unzähligen Kerzen auf glänzenden Kandelabern. Man begreift, dass nicht mit einem Happy End zu rechnen ist. Tom und Daisy erscheinen nach dem ersten Treffen zusammen auf einer der berühmten Gatsby-Partys. Nach einer Auseinandersetzung zwischen Tom und Gatsby zwingt Tom Daisy und Gatsby, in dessen Auto zurückzufahren. Myrtle läuft nach einem Streit mit ihrem Mann George Wilson verzweifelt auf die Straße, direkt vor ein fahrendes Auto – und ist sofort tot. Myrtles Mann erfährt, dass das Unfallauto Gatsby gehört, weiß aber nicht, dass Daisy am Steuer saß. Gatsby wird erschossen im Swimmingpool gefunden.

„Summertime …” Die Sängerin Tiana Kruskic, die bis dahin mit ihren Liedern Champagnerlaune erzeugt hat, haucht, krächzt diesen Song noch einmal in die atemlose Stille hinein. Längst ist die Party-Stimmung purem Entsetzen gewichen. Das Lachen ist vergangen. „Menschen sind leichtfertige Lebewesen. Sie zerstören Dinge und Menschen.”

Döring inszeniert mit viel Live-Musik, bestens arrangiert von Billy Ray Schlag, und grandiosen, ausdrucksstarken Tanzeinlagen (Choreographie Jennifer Helm), unterstützt von Tänzern der Celler Tanzschulen. Er arbeitet mit Schwung, Hochgeschwindigkeit und abrupten Stopps, mit Oben und Unten, mit gleißendem Licht, mit tiefdunklem Schatten. Die Drehbühne ist in vollem Einsatz und erzeugt auf der kleinen Celler Bühne Räumlichkeit und Tiefe (Bühne und Kostüm: Martin Käser). Mehrfach versetzte Spiegel und raffinierte Lichteffekte im Hintergrund potenzieren, vergrößern und verzerren zu einer surrealen Nicht-Wirklichkeit.

Mit unbändiger Spielfreude und differenzierter Ausdrucksfähigkeit treiben alle Akteure die Handlung voran, bis zum bitteren Ende. Dirk Böther als Gatsby ebenso wie Johanna von Gutzeit als Daisy, Regina Vogel als Myrtle, Eva-Maria Pichler als Jordan, Gintas Jocius als George Wilson und Malte Fischer. Sie singen und tanzen, als hätten sie nie etwas anderes getan. Rasmus Max Wirth als der Ich-Erzähler bringt Ruhe ins Geschehen und zwingt zum Zuhören. Einige Nebenhandlungen bieten allen Schauspielern, die mehrere Rollen übernehmen, die Möglichkeit, ihr Können und ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen.

Trotz einiger Längen, die durch ein wenig mehr Destillation des Essentiellen aus den vielen komplexen Handlungssträngen des Romans hätten vermieden werden können, und trotz Vernachlässigung der Kraft der Sprache, die gutes Theater ausmacht, war es – wie anfangs versprochen – ein Theaterabend mit allerbester Unterhaltung und gleichzeitig mit viel Anregung zum Nachdenken. Ohne Zweifel ein perfekt gelungener Start in die neue Theatersaison. Das Publikum dankte mit viel Szenen- und lang anhaltendem, wohl verdientem Schlussapplaus.

Alle Fotos: Benjamin Westhoff

Die Akteure auf den Fotos (von links nach rechts):
Bild  1 – Malte Fischer, Gintas Jocius, Ulrich Gall, Rasmus Max Wirth
Bild 2 – Tiana Kruskic, Eva-Maria Pichler, Regina Vogel, Johanna von Gutzeit, Ulrich Gall, Gintas Jocius (vorne)
Bild 3 – Eva-Maria Pichler, Gintas Jocius, Billy Ray Schlag (im Hintergrund)
Bild 4 – Tiana Kruskic (im Hintergrund), Johanna von Gutzeit, Dirk Böther
Teaserfoto: Gintas Jocius, Eva-Maria Pichler, Tiana Kruskic, Johanna von Gutzeit, Dirk Böther, Regina Vogel, Malte Fischer, Rasmus Max Wirth

Alle Termine siehe: http://schlosstheater-celle.de/

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