Junge Wienerin am Schlosstheater Celle

Autor:
Redaktion

– Ankunft und Aufbruch

Seit Sommer 2014 ist Agnes Oberauer, 1993 geboren in Wien, fest am Schlosstheater Celle engagiert, führte Regie und machte Jugendarbeit. Im nächsten Monat bricht sie hier ihre Zelte ab, um zu reisen und andere Projekte in Angriff zu nehmen. Im November kommt sie als Gast für eine Uraufführung zurück. LANDLUFT- Celle, die Online-Ausgabe des Cellerland Magazins interessiert, was eine junge Wienerin nach Celle trieb, was zieht sie wieder in die Welt hinaus und was nimmt Agnes Oberauer von hier mit. Das Interview führte LANDLUFT-Autorin Aneka Schult-Fietz

LANDLUFT: Wie kamen Sie von Wien nach Celle? Und warum?

Oberauer: Dazu muss ich weiter ausholen. Ich bin in Wien geboren, ja. Aber als Kind, mit vier Jahren, zog ich mit meiner Familie nach Moskau, beruflich bedingt. Mein Vater arbeitete für eine österreichische Bank, meine Mutter als Dolmetscherin für die österreichische Botschaft vor Ort, beide haben Russisch und Französisch studiert. Ich lernte Russisch, weil ich drei Mal die Woche abends in einer russischen Theatergruppe mitspielte, sozusagen als einzige Ausländerin. Damals wollte ich noch Schauspielerin werden. Als ich zehn Jahre alt war, gingen wir zurück nach Wien. Mit 13 Jahren zogen wir nach Kiew (Ukraine) bis ich 18 war. Dort ging ich auf eine internationale Schule. Die Schüler und Lehrer dort kamen aus aller Welt. Immer aber hatte ich das Vertrauen, dass man den anderen schon irgendwie versteht. Ich hatte nie Angst vorm Nicht-Verstehen.

LANDLUFT: In diesem kurzen Rückblick werden Aspekte bereits deutlich, die Sie später im Theateralltag sehr beschäftigen werden: die kulturelle Vielfalt und ein unkomplizierter Umgang mit Fremdheit und Kommunikation. Wie setzt sich das fort?

Oberauer: Für mein Studium ging ich nach England. An der Royal Holloway University of London studierte ich Philosophie und Theater, sehr praktisch ausgerichtet, mit Fächern wie interaktives Theater, Regie und Tanz. Bereits in Kiew wurde Theater als Schulfach unterrichtet. Ab da wusste ich, ich mache Regie. Drei Jahre dauerte der Bachelor of Arts. Währenddessen absolvierte ich Praktika und Regiehospitanzen in der Schweiz, in Großbritannien und Österreich. Anschließend bewarb ich mich an mehreren Orten in Deutschland. Als ich aber hier in Celle mein Bewerbungsgespräch hatte, war mir klar, das passt: Intendant Andreas Döring ist jemand, der wirklich arbeitet. Er möchte junge Leute ans Theater holen und fördern. Zudem gab es gerade einen Intendantenwechsel und man startete mit einem frischen Team. Für mich mit meinen 20 Jahren war das spannend, auch die Umstellung vom En-suite-Spielbetrieb auf einen Repertoire-Betrieb neben dem Kinder- und Jugendtheater.

LANDLUFT: Wurden Ihre Erwartungen im Laufe der Zeit erfüllt? Welches war Ihr erstes Projekt?

Oberauer: Ja, ich durfte gleich im ersten Jahr auch als Regisseurin arbeiten. Das ist sonst erst möglich im zweiten oder dritten Jahr. Mein erstes Stück war das Monodram „Die Agonie und Ekstase des Steve Jobs“ mit Rasmus Max Wirth, einem Schauspieler, mit dem ich sehr gerne arbeite. Bisher habe ich hier in Celle vier Stücke inszeniert, darunter „Eine Sommernacht“ und „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“ zur Spielzeiteröffnung von Halle 19. Zudem erarbeitete ich das Projekt „Theater im Bus“ und das Zusatzprojekt „Romeo& Julia“ – eine vielsprachige Fassung mit Laiendarstellern.

LANDLUFT: Was reizt Sie an Regie, was faszinierte Sie speziell am letztgenannten Stück?

Oberauer: Als Regisseur ist man für das Ganze, die Richtung eines Theaterstücks zuständig und muss ein Arbeitsumfeld schaffen in dem jeder kreativ und frei sein kann, aber alle trotzdem an einem Strang ziehen und auf ein gemeinsames, einheitliches, aussagekräftiges Ergebnis hinarbeiten. An der Regie reizt mich vor allem die Arbeit mit unterschiedlichen Menschen und dass man versucht, Texte, Ideen und Fragen in einem gemeinsamen Phantasie-Raum zum Leben zu erwecken. Diese Lebendigkeit entsteht in einem Raum zwischen Text, Schauspieler und Zuschauer. Ich erinnere mich an ein Ereignis in London, eine Macbeth-Inszenierung einer polnischen Shakespeare-Company ohne Untertitel. Es war Open-air, es regnete, alle Zuschauer blieben. Sie konnten kein Wort Polnisch, aber das Stück war da, es berührte. Das hat mich beeindruckt. Wenn etwas stark gespielt wird, muss man nicht alles sprachlich verstehen. Mich interessieren Themen wie Mehrsprachigkeit und Kommunikation. Nachdem ich in verschiedenen Ländern lebte, war ich neugierig, wie mehrsprachige Interaktion auf der Bühne funktioniert.

LANDLUFT: Ging Ihr Konzept, die Geschichte in die heutige, globalisierte Welt zu übertragen, auf? Wie wichtig sind für Sie generell klassische Stücke?

Oberauer: In unserer Welt existieren Kulturen und Sprachen nebeneinander und miteinander. Die Übersetzung der Shakespeare Texte in unterschiedliche Sprachen setzt einen neuen Blick auf die Geschichte frei und erfordert eine klare Umsetzung, genaue Gestik und pointierte Bilder. Die Sprache kommt auf neue Weise zur Geltung, vermehrt werden aber auch alle anderen Sinne geschärft. So arbeite ich gern körperlich mit Schauspielern. Für mich müssen die Ebenen Sprache, Bilder, Körpersprache und Räumlichkeit ineinandergreifen. Opernhospitanzen haben mich in dieser Offenheit und Durchlässigkeit noch bestärkt, im interdisziplinären Arbeiten auch mit Musik und Tanz. Die Themen des Stückes sind zeitlos. Ein klassisches Shakespearestück ist immer eine Herausforderung durch die Vielschichtigkeit der Sprache und die gleichzeitig sehr konkreten Situationen. Da gibt es einen qualitativ hochwertigen Text, aber viel Freiheit zur Interpretation. Auch wenn „Romeo & Julia“ schon häufig gespielt wurde, besitzt der Text eine sehr gute Dramatik. Überhaupt liebe ich englische Autoren wie beispielsweise David Greig.

LANDLUFT: Wie sieht es mit anderen Klassikern aus?

Oberauer: Ich mag sehr gern „Die Dreigroschenoper“ von Berthold Brecht. Das Stück stellt wichtige Fragen, kritisiert unsere Gesellschaft, ist politisch, aktuell und gleichzeitig komisch. Bei Brecht merkt man oft erst bei den Proben wie lustig die Texte sind. Es würde mich sehr interessieren, das mal zu machen. Mit Goethe oder Schiller hatte ich bisher kaum Berührungspunkte gehabt. Obwohl ich bislang vor allem neue Dramatik inszeniert habe, interessieren mich auch klassische, zeitlos-aktuelle und sprachlich-dichte Stoffe, wie zum Beispiel Shakespeares „Macbeth“.

LANDLUFT: Was hat Theater für Sie überhaupt für eine Funktion?

Oberauer: Ich denke, wenn Theater es schafft, wachzurütteln, hat es schon viel vermocht. Was es im besten Fall kann, ist eine direkte Begegnung zwischen Schauspieler und Besucher herzustellen in einem Raum, konzentriert an einem Ort, vor allem in der heutigen Welt, wo alles digitalisiert wahrgenommen wird. Ein Stück entsteht ja nicht nur durch das Spiel des Akteurs, sondern auch durch die Phantasie des Publikums. Es geht mir um den Phantasieraum, um direkte Kommunikation. Ich mag Theater, bei dem der Kontakt zu den Zuschauern gewollt ist, auch stiller Kontakt im Gegensatz zu einem Theater, das vorgibt, was gedacht oder gefühlt werden soll. In bin für ein Theater nicht nur als Sender, sondern als Ort des gemeinsamen Erlebens.

LANDLUFT: Gibt es Themen, die ein Theater ansprechen sollte?

Oberauer: Ja, klar. Zum Beispiel die Frage nach Verantwortung und wie wir mit dem Rest der Welt verbunden sind. In unserer globalisierten und internationalisierten Welt sind wir durch schwer durchschaubare Produktionsketten miteinander verbunden. Gleichzeitig sehen wir täglich im Fernsehen Bilder, die uns Kriege und Armut zeigen. Wie kann man als Mensch damit umgehen, dass man, wenn auch nur indirekt, mit dem Großteil des Weltgeschehens verwickelt ist? – Viele Themen sind in den Medien sehr präsent, es findet aber trotzdem kein echter Diskurs statt. Zum Beispiel war in Österreich vor kurzem die Bundespräsidentenwahl, in welcher die rechtspopulistische FPÖ nur um 0,3% verloren hat. Um Ängste und Vorurteile abzubauen, ist vor allem notwendig, dass man mehr miteinander und weniger übereinander redet, da letzteres nur zu weiteren Vorurteilen und Missverständnissen führt. Das gilt natürlich für alle Seiten. Ich glaube das Theater zeigen kann, dass die Dinge im direkten zwischenmenschlichen Kontakt oft ganz einfach sein können. Zumindest kann es unterschiedliche Perspektiven darstellen.  Hier wären wir wieder bei der Kommunikation.

LANDLUFT: Was haben Sie denn nun in den nächsten Monaten vor?

Oberauer: Ich möchte etwas Abstand gewinnen, neue Erfahrungen sammeln, mich neu orientieren, neu öffnen. Vor allem aber ging es alles so schnell. Schule, Studium, Arbeit. Ich möchte meinen Horizont erweitern, eine kleine Mutprobe bestehen. Ich werde allein Südostasien bereisen. Mich interessiert die dortige Kultur, der Buddhismus, weniger spirituell, eher möchte ich andere Denkweisen kennenlernen. Ich möchte herausfinden, wo meine Art zu denken, gerade auch philosophisch, an der anderen clashed. Nicht  zuletzt möchte ich mehr über mich selbst erfahren, über meine eigene Identität. Im November komme ich dann als Gast nach Celle zurück, um „Noras Welt“, eine Buchadaption zum Klimawandel zu inszenieren. Die Premiere wird am 1. Dezember sein. Andreas Döring hat mir das Stück angeboten, da er die Schwerpunkte seiner Regisseure gut kennt.

LANDLUFT: Und was wäre längerfristig Ihr Traum?

Oberauer: Irgendwo in einer großen Stadt zu leben, dort Wurzeln zu schlagen, Freundschaften endlich auch mal zu pflegen. Ich hätte gern einen Heimatort und einmal im Jahr ein sechs- bis achtwöchiges Theater-Projekt, egal ob in Polen, Russland oder Südamerika.

LANDLUFT: Eine letzte Frage: was nehmen Sie für sich aus Celle mit?

Oberauer: Die zwei Jahre haben mich stark geprägt und die Zeit war sehr intensiv, da ich hier mit sehr vielen unterschiedlichen und spannenden Aufgaben betraut und immer wieder neu herausgefordert wurde. Viel geschlafen habe ich nicht, aber dafür viel erlebt. Vor allem die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Menschen aus Celle war für mich unendlich inspirierend, da ich dabei viele Dinge ausprobieren konnte und neue Impulse bekommen habe. Auch habe ich gelernt, dass es sehr wichtig ist, immer wieder Abstand zur eigenen Arbeit zu gewinnen, indem man sich auch mit anderen Dingen als Theater beschäftigt und Kontakt zu Menschen sucht, die nicht am Theater arbeiten. Denn dann bleibt auch die Theaterarbeit lebendig. Deswegen bin ich nicht nur Andreas Döring, der mich sehr gefördert hat, sondern auch den vielen Menschen, die ich innerhalb und außerhalb des Theaters kennengelernt und die mich inspiriert haben, dankbar.

LANDLUFT: Wir danken fürs Gespräch, wünschen alles Gute und freuen uns auf Ihr „Come-back“.

Fotos: Hubertus Blume, (C) www.landluft-celle.de, 2016

 

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