Peter Basseler im Kunstmuseum Celle – Sammlung Robert Simon

Autor:
Meggie Hönig

Die Welt im Kasten

„Nicht ein Leben lang in ständiger Erneuerung und Veränderung sein und bis ins hohe Künstleralter nur ironisieren, irritieren, provozieren, kritisieren – auch einmal erwachsen werden und einen eigenen Standpunkt einnehmen …”

Erwachsen werden? Groß werden? Machen wir uns lieber klein und schrumpfen wir uns hinein in die kleine Welt des Peter Basseler. So wie er selbst es auch tut. „Wenn ich die Kästen baue – schrumpfe ich zur Größe der Insassen und arbeite in ihrem Umfeld als selbstverantwortlicher Maurer, Schneider, plastischer Chirurg und Frankenstein, Architekt und Anstreicher, Friseur, Zufallsregisseur oder Zeitmaschinist in Richtung Vergangenheit oder Zukunft. Mittendrin werde ich mir wieder meiner Übergröße bewußt …”

Peter Basseler baut also Kästen, „Schaukästen“ nennt er sie selbst. Kunst, zeitgenössische Kunst, einmal ganz anders. Dem Zufall (?) mag es zu verdanken sein, dass Robert Simon, der Künstlerische Leiter des 24-Stunden-Kunstmuseums, 1981 Peter Basseler auf einer öffentlichen Veranstaltung begegnete und von seinen „Kästen“ so begeistert war, dass er „Basseler-Freak“ wurde und im Jahr 1995 seine Werke in den Mittelpunkt der ersten Präsentation seiner Sammlung in Celle stellte. Fast alle der anlässlich dieses 20-jährigen Jubiläums in dieser Ausstellung gezeigten über 30 Schau- und Leuchtkästen sowie Reliefbilder gehören heute zur Sammlung des Querdenkers Robert Simon, der immer wieder mit ungewöhnlichen kreativen Ideen nicht nur die Kunstwelt verblüfft. Beide Quer- und Andersdenker; Robert Simon und Peter Basseler, sitzen zur Ausstellungseröffnung in der ersten Reihe nebeneinander und schmunzeln während des launigen und intelligenten Frage-Antwort-Spiels über Peter Basselers Kunst, das sich die Kulturdezernentin Susanne MacDowell und Kuratorin Dr. Julia Otto statt der üblichen Ansprachen ausgedacht haben. Alle andere als normal …

Ebenso verblüffend sind bei genauerem Hinein-Sehen Peter Basselers kleine Welten in Listen und Kästen, die so gar nichts mit niedlichen Modelleisenbahnwelten oder hübschen Puppenstuben gemein haben. Obwohl er selbst „Spielzeug-Modellstände, Eisenbahnmodellanlagen, Kinderpost, Kaufmannsladen …, Plastikfiguren, Baukästen“ als formale Einflüsse nennt, Spielzeug, das er, 1947 im völlig zerstörten Nachkriegs-Hannover geboren, wohl nie selbst besessen hat, sondern als Kind durch Schaufenster hindurch bestaunt hat. Inhaltlich geprägt haben ihn eher die dunklen Hinterhöfe mit Schutt und Gerümpel, die trostlosen Straßen, feuchte Keller, zwielichtige Kneipen, schließlich der Wiederaufbau der Stadt mit gesichtslosen Hochhäusern. In Peter Basselers Welten „ist immer Nacht, herrschen Finsternis und psychische Beklemmung. …. Hier regieren Frost, Einsamkeit und Fremdheit.“ (P. Winter in: Künstler – Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 41, Heft 1, 1989)

Basseler baut seine Schaukästen mit geradezu obsessiver Genauigkeit. Es entstehen Szenerien, die wir wiederzuerkennen glauben – die aber bei genauerem Hineinsehen Verwunderung auslösen und Fragen aufwerfen. Er nimmt sich Zeit für jeden Kasten – schafft maximal zwei pro Jahr – und er braucht diese Zeit auch. Denn, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen, „Es handelt sich nicht um Objektkästen (nichts Gefundenes, vorher Vorhandenes ist darin), sondern um auf eine Idee hin maßgestaltete Teile, Figuren, Szenerien“, die aus „verschiedenen Materialien und Immaterialien” bestehen wie „Holz, Ölfarbe, Wasserfarbe, Leim …, Pappe, Papier, Plastillin, Plexiglas, Draht, Holzmehl, Sand, Erde, Kunststoffe, … Sauerstoff, Textilstoffe, Stecknadeln, Zahnstocher, Nähgarn, Wolle, Staub, Sonnenlichtreflexe, Kunstlichtreflexe, … Salmonellen, Polyester, Pinselhaare …, Moleküle, Atome, … Kohlendioxyd, Kohlenmonoxyd, … Schweiß, szenarische geronnene Über-Ichs, Halluzinationen, Tatsachen, Zeitdokumente, inhaltliche Außenreize …“, wie Basseler selbst einmal zusammenfassend formuliert hat.

So wie Basseler seine Kästen mit akribischer Präzision und „geradezu zärtlicher Feinarbeit“ konstruiert, so genau sollte auch der Betrachter versuchen, jedes Detail dieser Szenerien zu erfassen. Es ist verlockend, die Szenen für realistische Darstellungen zu halten. Aber immer dann, wenn wir als überdimensionaler Voyeur glauben, irgendwo angekommen zu sein, verlieren wir den Halt und die Orientierung. Oben ist unten, vorne ist hinten, die Perspektive kippt, Fußbodenbretter werden zu Hochhäusern umgedacht, „Schnee auf dem Tannenbaum erscheint nun wie schwarzer Ruß“, ein Schäferhund im Sprung gefriert in einem blau angemalten Eisblock in Autoform, Unmögliches wird als Realität gezeigt – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschwimmen und überschneiden sich. Schattenreiche, Zwischenreiche, Niemandsland … Basseler stellt die Seh- und Denkgewohnheiten auf den Kopf, wirft sie über den Haufen und schafft neue irreale, erdachte Welten. Basselers Werke sind „hinterhältige Denk-Falltüren, doppelbödige Bedeutungskonstruktionen und schonungslose Enthüllungen,“

Basseler, sonst eher wortkarg, stellt vielen seiner Schaukästen nüchterne „Gebrauchs–anweisungen“ daneben, die untrennbar Teil seiner künstlerischen Arbeit sind. „Wir trainieren angesichts von Horror das Gefühl von Unterhaltung und Wohlbefinden ein. Man kann so beruhigt in die Zukunft sehen, gewiss, dass man alles getan hat, um zukünftige Belastungen leichter zu nehmen.“, sagt Basseler und zeigt damit einen Weg, mit diesen Grusel-Szenarien und „Nachtstücken“ voller Tristesse umzugehen und den Humor nicht zu verlieren.

Einen ganz neuen Kasten hat Peter Basseler mitgebracht, extra mit unglaublichem Zeitaufwand für diese Ausstellung erdacht, zusammengeklebt, gebastelt, konstruiert. „Wir sehen auf das neue Erziehungsministerium für Toleranz. Der Neubau war notwendig geworden, seit  ‚Toleranz‘ nicht mehr freiwillige Privatsache ist, sondern gesetzliche Pflicht wurde. Die Regierenden blicken hier auf die reale Welt dort unten herab. Sie ist inzwischen schon sehr weit entfernt. … “ (P.B.) „Von oben herab“ nennt Basseler ihn, oder auch „Zukunftskasten“. Hier gibt es keine staubige Hinterhof-Abrisswelt mehr, sondern blitzsaubere, wenn auch dunkle Häuserfassaden mit hell erleuchteten Fenstern, hinter denen offensichtlich die verordnete Toleranz ein Gefühl der Kälte und Leblosigkeit, der Entindividualisierung erzeugt hat. Ist das die Zukunft, unsere Zukunft?

Die unbedingt sehenswerte und mit viel Überlegung und Kompetenz kuratierte Ausstellung ist bis zum 20. September 2015 zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.30 bis 17.00 Uhr

Führungen: sonntags 11.30 Uhr

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Themen:
Museen

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