banner

Papierfabrik Drewsen, Lachendorf, Landkreis Celle

Autor:
Redaktion

Ein Bericht von Stefan Dietrich

Papier aus Lachendorf

hat jeder schon mal in der Hand oder sogar auf der Zunge gehabt. Ob Sie in Ihrem Reisepass blättern, eine Bahnfahrkarte lösen oder eine Zigarettenschachtel aufreißen – die Seiten im Pass, das Ticket und die Steuerbanderole auf dem Päckchen sind garantiert von Drewsen gewesen. Und egal wo auf der Welt eine Briefmarke angeleckt wird –, die Chance, dass sie „Made in Lachendorf“ ist, steht fifty-fifty. Was genau dem Weltmarktanteil der hiesigen Fabrik an Briefmarkenpapier entspricht. Sogar bei Wattestäbchen haben Sie oft Papier aus der Südheide in Ohr oder Nase, denn statt aus Plastikröhrchen würden die Stäbchen heute zunehmend aus Papierröllchen gefertigt, erzählt Carsten Gatz. „An denen kann man sich nicht verletzen. Und das ist vor allem in Amerika ein sehr wichtiges Argument.“ „Weltmeister im Verbrauch von QTips sind übrigens die Italiener“, erwähnt Gatz beiläufig. „Kein Mensch weiß warum –, aber die Italiener verbrauchen allein so viele wie der Rest Europas zusammen. Gut für uns“, sagt der Technische Manager des Betriebs, „weil wir relativ nah an Italien dran sind.“ Es beschäftigt Gatz, was die Italiener so alles mit den Dingern anfangen. Putzen die vielleicht ihre Espressomaschinen mit Wattestäbchen? „Wär’ mal interessant, das herauszufinden.“ Mehr als die Hälfte seines Lebens hat der 53 Jahre alte Hannoveraner schon in Lachendorf verbracht. Nach dem Studium in München – Fachrichtung Verfahrenstechnik für die Papier- und Zellstoffherstellung – fing er 1983 als Praktikant bei Drewsen an. Heute ist er für die Qualitätssicherung der Firma verantwortlich.

Die Räume der Geschäftsleitung der Drewsen Spezialpapiere GmbH & Co. KG vermitteln nicht das Flair eines Global Players. Ohne Führer würde man sie kaum finden. „Warten Sie an der Brücke, Sie werden abgeholt“, sagt der Sicherheitsmann am Haupteingang. Unter dem schmalen Steg fließt träge, aber klar, das Flüsschen Lachte hindurch, das im zwölf Kilometer östlich gelegenen Celle in die Aller mündet. Carsten Gatz, dunkler Pulli über hellblauem Hemd, kommt über den weitläufigen Fabrikhof. An einem alten Klinkerbau nehmen wir die hölzerne Außentreppe zum ersten Stock und sind schon im Allerheiligsten. Kopierer surren, Sekretärinnen wuseln, das Konferenzzimmer ist hergerichtet mit dem üblichen Gedeck für zwei. Hier will niemand mit Äußerlichkeiten imponieren.

„Mithalten kann man nur mit Qualität“, sagt Gatz. Selbstbewusst fährt er fort: „Drewsen gehört nicht zu den ganz Großen auf dem Markt, aber auch nicht zu den ganz Kleinen.“ Die Herstellung von Zeitungs- und Zeitschriftenpapier, Verpackungen und Hygienepapieren überlässt Drewsen den Konzernen. Dafür hat man sich einen ansehnlichen Marktanteil an sehr vielen anderen Produkten gesichert, die beschrieben und bedruckt werden können – vom Schulheft über Formulare bis zur feinblättrigen Bibel. „Für Israel machen wir auch koscheres Papier“, sagt Gatz schmunzelnd, „zertifiziert von einem Rabbi aus Hannover.“ Eine weitere Spezialität sind technische Papiere, die nicht bedruckt werden, sondern bestimmte Funktionen erfüllen: als Trägerbahn für Papiertapeten etwa oder als Stiele für Bonbonlutscher – ebenfalls ein Produkt, das tonnenweise nach Amerika verschifft wird. Auf diesen Feldern kann Gatz die Konkurrenten an einer Hand abzählen. Sie sitzen in den Niederlanden, in Frankreich, in Tschechien, Polen und der Slowakei – nicht in Deutschland.

Auf dem Fabrikhof herrscht reger Betrieb. Staplerfahrer greifen sich Zellstoffpakete, die ein Sattelschlepper gebracht hat, und bauen in der Eingangshalle fünf Meter hohe Türme daraus. Lars Marwedel übernimmt die Führung. Vor 25 Jahren ist er bei Drewsen in die Lehre gegangen. Akademische Weihen erhielt er anschließend in Altenburg und Dresden. Eigentlich wollte er nie wieder ins heimische Lachendorf zurück. Doch nach drei Anstellungen in anderen Betrieben der Branche war er froh, als sein alter Meister ihn fragte, ob er nicht wiederkommen wolle. „Es geht hier familiärer zu als anderswo“, sagt Marwedel. „Die Hierarchien sind flacher.“ Und als Mitverantwortlicher für Service und Qualität ist er natürlich auch stolz auf die Produkte von Drewsen. „Sicherheitsfäden in Rollenpapier einlegen – das kann in Deutschland außer uns nur noch die Geldscheindruckerei Giesecke & Devrient in München.“

Banknoten kommen schon lange nicht mehr aus Lachendorf. Für unzählige andere geldwerte Papierprodukte ist Fälschungssicherheit aber ebenso gefragt. Da haben sich die Papiermacher vieles einfallen lassen: Marwedel hält ein Stück Papier mit Wasserzeichen unter UV-Licht. Im Dunkeln leuchten darauf verschiedenfarbige feinste Fasern auf. „Wir können genau festlegen, wie viele Fasern pro Quadratzentimeter verteilt sein sollen“, erklärt er dem staunenden Gast. Und das auf tonnenschweren, kilometerlangen Bahnen. „Wir sind den Fälschern immer einen Schritt voraus“, beteuert Marwedel. „Wie sicher das Produkt vor Nachahmung ist, ist letztlich nur eine Frage des Preises, den der Kunde zu zahlen bereit ist.“

Erstaunlich, was aus den farblosen Zellstoffmatten, die sich in der Eingangshalle stapeln, alles werden kann. „Wir sind ein bisschen wie die Bierbrauer“, sagt Carsten Gatz. „Wir haben vier, fünf Rohstoffe, aus denen viele Hundert Sorten Papier gemacht werden.“ Eukalyptusholz aus Südamerika, Nadel- und Birkenholz aus Kanada und Skandinavien sind die Grundbestandteile, die per Schiff, Lastwagen und Bahn angeliefert werden. Alles aus ökologisch zertifiziertem Anbau, versteht sich. Als Zutaten werden Baumwolle, Kreide, Talkum, Stärke, Baumharze, synthetische Leime beigemischt. Letztlich sind es immer die gleichen Rohstoffe, die nur unterschiedlich verarbeitet werden, je nachdem, ob das Papier glatt oder rau, fest oder weich, dick oder dünn sein soll.

In der Liga der GroSS konzerne spielt das Lachendorfer Unternehmen – mit seinen 420 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber im Kreis Celle – zwar nicht mit. Dafür ist es das älteste dieser Branche in Deutschland. Ein Jahr älter war nur die Patentpapierfabrik zu Penig in Sachsen, deren Nachfolger aber nach diversen Umstrukturierungen und unter neuem Namen heute auf ihrer Homepage 1992 als Gründungsjahr angeben. Drewsen dagegen begeht 2013 in ungebrochener Tradition das 475. Firmenjubiläum. „Es gibt zahlreiche Lachendorfer Familien, deren Mitglieder in dritter oder gar vierter Generation in der Papierfabrik arbeiten“, schreibt Florian Friedrich in seiner 2007 erschienenen Firmenchronik. Darin berichtet er auch von dem 1972 geborenen Maschinenführer Jens Bergmann, dessen Urururgroßvater schon im 18. Jahrhundert hier sein Geld verdiente.

Der Welfenherzog Ernst der Bekenner (1497–1546), ein glühender Anhänger Luthers, ließ 1538 an der Lachte eine Papiermühle errichten, um die Ausbreitung der Reformation in Wort und Schrift zu fördern, aber auch um den Bedarf seiner Schreiberlinge in der Celler Residenz zu decken. In dieser Zeit – und noch bis ins 19. Jahrhundert hinein – gab es Hunderte von Papiermühlen in Deutschland. Nur wenige überlebten die industrielle Revolution. Die bescherte der Papiermacherzunft nicht nur die Ablösung der Handarbeit durch Maschinen, sondern zugleich die Umstellung auf einen ganz neuen und unbegrenzt verfügbaren Rohstoff: Viel billiger und einfacher als aus Leinen- und Baumwolltextilien konnte man nun Papier aus Holz herstellen. Was nicht heißt, dass diese Entwicklung so glatt verlaufen wäre wie eine Papierbahn von der Walze. Weit war der Weg vom handgeschöpften Bütten aus zerstampften Lumpen zum High-Tech-Produkt, das auf fünf Meter breiten Bahnen mit 60 Stundenkilometern im Endlosbetrieb auf Rollen gewickelt wird. Marwedel fährt mit der Hand über die Riesenwalze am Ende der Papiermaschine, die P5, und blickt zufrieden. Für das Auge scheint die weiße Rolle stillzustehen. Unter der Handfläche aber vibriert das sich rasend drehende heiße Papier. In der schallgeschützten Steuerungszentrale herrscht gelassene Routine. Die drei diensthabenden Techniker haben das 150 Meter lange lärmende Ungetüm voll unter Kontrolle. Zwölf Monitore zeigen ihnen Bilder aus dem Inneren der Maschine und Daten von den Messinstrumenten am Ende. Selbst kleinste Fehlstellen werden von Detektoren geortet und aussortiert.

Elgar Drewsen

Neben den technischen Herausforderungen waren in der langen Firmengeschichte Großbrände, Überschwemmungen, wirtschaftliche und kriegsbedingte Tiefschläge zu bewältigen. Wie viel Energie und Unternehmergeist notwendig war, um aus der klappernden (und stinkenden) Papiermühle in der Südheide einen hochmodernen, ökologisch mustergültigen und weltweit agierenden Spezialhersteller zu machen, hat Florian Friedrich festgehalten. Und da die Firma seit genau 299 Jahren in den Händen der Familiendynastie liegt, deren Namen sie trägt, ist aus seiner Firmengeschichte mit Hilfe des Familienoberhaupts Elgar Drewsen (gestorben am 19. Juni 2013) auch eine Familienchronik entstanden.

Das reetgedeckte Haus hinter der Fabrik ähnelt mehr einem Heidschnuckenhof als einer Fabrikantenvilla. Im Süden fließt die Lachte durch den Garten, nach Westen blickten Elgar und Marie-Luise Drewsen auf eine weitläufige Wiese. Von jedem Baum, der sie säumt, kannte Elgar Drewsen das Alter. Viele waren jünger als er; sogar die stattliche Eiche im Hintergrund, die nur vom Fabrikschornstein überragt wird. Männer seines Jahrgangs (1926) haben viel erlebt. Elgar blieben weder Kriegseinsatz noch Gefangenschaft erspart. Doch war er danach noch jung genug, um ein Ingenieurstudium zu absolvieren – Fachrichtung natürlich Papiermacher – und sich anschließend den Wind der weiten Welt um die Nase wehen zu lassen. Mit einem Auswandererpass arbeitete Drewsen zwei Jahre lang für die West Virginia Pulp & Paper Company in Pennsylvania.

Als er nach Lachendorf zurückkehrte, war seine Familie schon nicht mehr im Alleinbesitz der Firma. Der enorme Investitionsbedarf der Nachkriegszeit hatte seinen Vater gezwungen, einen zahlungskräftigen Teilhaber zu suchen. Man fand ihn in dem Hamburger Papiergroßhändler Gustav Schürfeld, dessen Nachkommen mittlerweile 75 Prozent der Anteile an der Kommandit-Gesellschaft halten. Elgar Drewsen, der schon in den Siebzigerjahren von der Geschäftsleitung in den Beirat der Gesellschaft wechselte, war der letzte seines Stammes in der Unternehmensleitung. Von den vier Kindern des Ehepaars wollte keines mehr in die Fußstapfen der Ahnen treten.

Unauflöslich verbunden mit ihrem Namen und mit dem Ort, der die halbe Welt mit Spezialpapieren versorgt, bleibt das Logo der Fabrik: die zwei gekreuzten Papierrollen mit den stilisierten Pferdeköpfen, die an den Giebelschmuck niedersächsischer Bauernhöfe erinnern. Tief verwurzelt in niedersächsischer Tradition.

Elgar Drewsen

Fotos: Hubertus Blume, Portrait Elgar Drewsen: Martin Jehnichen

(C) landluft-celle.de

Schlagwörter:
· · · · ·

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hauptnavigation