Celler Schlosstheater: neue Spielzeit 2015/2016

Autor:
Meggie Hönig

Andreas Döring stellt den zweiten Spielplan unter seiner Intendanz vor: ein Programm der Gegensätze mit wechselnden Perspektiven

Mit insgesamt 23 Neuproduktionen hat sich das Team für die kommende Saison 2015/2016 viel vorgenommen. Ebenso wenig leichtgewichtig gibt sich die Schwerpunktthematik. „Wir wollen mit verschiedenen Einzelgeschichten den politischen und medialen Überschriften dieser Zeit eine menschliche Stimme entgegenhalten, um mit Offenheit für das Fremde um und in uns das Theater als Begegnungsort bereichern zu können. Die meisten Stücke zielen mit Sehnsucht auf den Reichtum der Toleranz“, sagt Döring.

Barockes Ambiente auf der Hauptbühne mit neun verschiedenen Produktions-Welten und dem Weihnachtsstück

Auch diesmal startet die Saison mit einem Theaterfest am 5. September und ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen. Im Auftaktstück „Der große Gatsby“ (ab 11. September) nach dem Roman des US-Amerikaners F. Scott Fitzgerald, mehrfach verfilmt, zuletzt im Jahr 2013, geht es um Dekadenz, Ausschweifungen, maßlose Träume, Liebe, Eifersucht und Tod. Döring inszeniert selbst – mit viel Live-Musik, passend zu den „Roaring Twenties“.

In der deutschen Erstaufführung des Stücks „Der Boxer“ – ab 25. September – wird die Bühne zum Boxring. Basierend auf Tatsachen erzählt der österreichische Autor Felix Mitterer in diesem bewegenden Stück, das gerade in Wien uraufgeführt wurde, die Lebens- und Leidensgeschichte des in Gifhorn geborenen und in Hannover aufgewachsenen Sinto „Rukeli“ Trollman, der nach der Machtübernahme der NSDAP systematisch ausgrenzt, 1942 verhaftet und ins KZ Neuengamme gebracht wird. Das Schlosstheater arbeitet hier mit dem Isernhagener Verein Rukeli Trollmann zusammen, stellt das Thema Ausgrenzung in den Mittelpunkt und zeichnet ein Stück regionaler Geschichte nach.

Mit „Terror“, dem ersten Theaterstück von Ferdinand von Schirach, erwartet die Zuschauer der Juristenstadt Celle ein Gerichtskrimi, bei dem sie selbst Einfluss auf den Ausgang der Gerichtsverhandlung nehmen können.

„Räuber Hotzenplotz“ (nicht nur für Kinder) wird als Weihnachtsstück mit viel Musik gegeben, mit „Schöne Bescherungen“ inszeniert Andreas Döring die bereits 1983 als deutschsprachige Erstaufführung am Schlosstheater gespielte Komödie von Alan Ayckbourn, die den alljährlich „wiederkehrenden Familienwahnsinn zur Weihnachtszeit” thematisiert.

Das neue Jahr 2016 beginnt mit Strindbergs Klassiker „Fräulein Julie“ unter der Regie von Jasper Brandis, der in dieser Saison mit der Inszenierung von Tracy Letts’ „Eine Familie“ überzeugt hat. Mit der Schaubühnenfassung des „Der Volksfeind“ von Henrik Ibsen, dem zweiten Klassiker auf der Hauptbühne, setzt Caro Thum ihre Regiearbeit in Celle fort und setzt die stets aktuellen Fragen „Wieviel Kritik braucht bzw. verträgt eine Gesellschaft, und wann wird aus Widerstand Fanatismus?“ in Szene.

„The King’s Speech“ feierte als Film im Jahr 2011 auf der Berlinale seine Deutschlandpremiere, die Geschichte wurde aber bereits in den frühen 80er Jahren von Georg Seidler recherchiert, der auf Wunsch der damaligen Königsmutter Elisabeth „Queen Mum“ die Drehbucharbeiten zurückstellte und den Stoff erst nach ihrem Tod als Theaterstück vorstellte. Es geht um Überforderung, um die Überwindung eines Handicaps, nämlich des Stotterns, um Toleranz, um Freundschaft zweier Menschen aus zwei Welten und natürlich auch um die Royals.

Von den Royals, allerdings in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts, handelt das Sommertheater – bei hoffentlich gutem Wetter als Open-Air-Aufführung im Innenhof des Schlosses vorgesehen, die Königliche Affäre „Caroline Mathilde“. Es erzählt von der Herzogin Caroline Mathilde von Hannover, ihrer unglücklichen Ehe mit König Christian VII., ihrer Liebesbeziehung zu Johann Friedrich Struensee und ihrer Verbannung nach Celle. Andreas Döring hofft mit solchen eher unkomplizierten Stücken (in diesem Jahr „Ein Sommernachtstraum“) und dem Ambiente des Schlossinnenhofs auf einen „Magnetismus“ über das Celler Publikum hinaus auch auf Touristen. Und vielleicht soll Theater so auch einfach einem breiten Publikum Spaß machen.

Einen besonderen Höhepunkt garantiert die Zusammenarbeit mit dem freien Autor Peter Schanz. Für die Recherchen zu seinem neues Stück „Fluchtpunkt Celle“, das am 18. März 2016 uraufgeführt wird und den Untertitel „… vom vertrieben Werden und Ankommen“ trägt, ist der Autor derzeit im Landkreis mit dem Fahrrad unterwegs und unterhält sich mit Flüchtlingen, die hier ein neues Zuhause suchen. „Sich zusammensetzen und ins Gespräch kommen, vom Leben erzählen und Lieder singen – die traurigen und die fröhlichen“ – das ist das Ziel dieses aktuellen Stücks Celler Geschichte.

Theater zum Anfassen, Mitmachen und Experimentieren in der HALLE 19

Seit Januar 2015 steht dem Schlosstheater die HALLE 19 auf dem Gelände der CD-Kaserne als neue Hauptspielstätte des Jungen Theaters Celle zur Verfügung und bildet mit den flexiblen Nutzungsmöglichkeiten eines modernen Raumtheaters einen spannenden Kontrast zum barocken Schlosstheater. Sechs Neuproduktionen sollen nicht nur das junge Publikum, sondern Menschen aller Altersstufen ansprechen, vier davon werden auch speziell für Schulen an Vormittagen angeboten. Die Termine sind so geplant, dass es keine zeitlichen Überschneidungen zu den auf der Hauptbühne gespielten Produktionen gibt.

Neben einigen Wiederaufnahmen wie „Woyzeck“, ”Flasche leer“ und „Nathans Kinder“ wird Agnes Oberauer die Bühnenfassung von Simon Stephens des in England zum Kultbuch avancierten Romans „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ von Mark Haddon als Seelenportrait eines jugendlichen Autisten auf die Bühne bringen. Als eine Mischung aus Alice im Wunderland und Huckleberry Finn bezeichnet Andreas Döring die Bühnenfassung von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ und lädt Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen ein auf einen spannenden Road-Trip. Klassiker wie „Dantons Tod“ von Georg Büchner dürfen als Pflichtlektüre für Abiturienten nicht fehlen, werden aber in der Halle 19 „unheilig“, also eher mit aktuellem Bezug und Raum für individuelle Interpretation sowie unter Einbeziehung der Zuschauer umgesetzt.

In „Wir alle für immer zusammen“ – unter der Regie von Aline Bosselmann, der Leiterin Junges Theater Celle – erzählt der preisgekrönte Kinder- und Jugendschriftsteller Guus Kuijer von Patchwork-Familienproblemen, die Komödie „Frau Müller muss weg“ von Lutz Hübner, erst kürzlich von Sönke Worthmann verfilmt, von der tagtäglichen Realität an deutschen Grundschulen.

Der Bühnenwagen der von der Muse geküssten Handwerkertruppe, die sich in Shakespeares „Sommernachtstraum“ zusammengefunden haben, um Musik zu machen und Theater zu spielen, hält in HALLE 19 und als Theater-Landpartie an ausgewählten Stationen im Landkreis. In einem Linienbus (CeBus), der mit den Schauspielern auf den jeweiligen Schulhof fährt, wird das Stück „ Über die Grenze ist es nur ein Schritt“ von Michael Müller spielen, ein Stück über Liebe, Heimat und Zukunft für Schülergruppen ab 11 Jahren, und gehört neben einem Kinder- und einem Jugendclub zu den neuen theaterpädagogischen Formaten.

Turmbühne und Malersaal

Die Studiobühnen im Erdgeschoss, der Malersaal und die Turmbühne, werden als Orte für intime Aufführungen genutzt, die Turmbühne in der kommenden Spielzeit als Werkstatt für Kinder mit „Ein Schaf fürs Leben“ nach dem Bilderbuch der niederländischen Illustratorin und Autorin Maritgen Matter und mit dem Grimm’schen Märchen „Froschkönig“.

Für den Malersaal wird „Alte Liebe“ erarbeitet, ein Stück von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder, Gedanken über Fremdheit in einer langjährigen Partnerschaft, außerdem „Eine Sommernacht“ von David Greig und Gordon McIntyre. Hier geht es mit Witz, Poesie und Live-Musik um eine erotische, sommernächtliche Liebelei. Einen kulinarischen Abend – für Auge und Ohr – verspricht Michael Herls Satire „Wer kocht, schießt nicht“, ein Muss für alle Gourmets und Gourmands, für Hobbyköche und für Profiköche… – und für alle mit Sinn für gutes Essen und bösem Humor“, wie der Autor selbst sagt.

Sicher schwerer im Magen liegen wird der Theaterabend über das Märchen von der gescheiterten Integration „Kein schönes Land in dieser Zeit“ nach dem gleichnamigen Buch von Mehmet Gürcan Daimagüler (Premiere am 24.Oktober), ein „spannender und durchaus selbstkritischer Blick in das Innenleben eines türkischstämmigen Mannes in Deutschland“. Adnan Taha, inzwischen als Hausregisseur des Jungen Theaters Celle bekannt, wird sich die Regiearbeit mit Andreas Döring teilen, der hier einmal mehr das Theater als Begegnungsort für Menschen unterschiedlichster Herkunft aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten sieht.

Preis- und Serviceangebote

So bietet das Schlosstheater in der kommenden Spielzeit für alle Theaterinteressierte und die es werden wollen, eine interessantes, abwechslungsreiches, fröhliches und auch nachdenklich machendes Programm und viel Anlass zum Nachdenken. Dazu einige neue attraktive Preisangebote für die Spielstätten HALLE 19 und die Studiobühnen sowie ein Schüler-Spezial, außerdem das besondere Serviceangebot für Hörsystemträger, sich kompetent über die für sie geeigneten Plätze beraten zu lassen.

LANDLUFT wird rechtzeitig auf die Premierentermine hinweisen und dann darüber berichten.

alle Fotos: Schlosstheater Celle

Foto 1 vordere Reihe (v.l.n.r.): Christina Behre (Leiterin Theaterkasse), Andreas Döring (Intendant), Petra Schiller (Dramaturgin), Aline Bosselmann (Leiterin Junges Theater Celle/Theaterpädagogin); hintere Reihe (v.l.n.r.): Stefan Hartung (Referent des Intendanten/Betriebsbüro), Ralph Blase (Leitender Dramaturg), Stephan Bruhn (Geschäftsführer)

Foto 2 v.l.n.r.: Ralph Blase (Leitender Dramaturg), Aline Bosselmann (Leiterin Junges Theater Celle), Andreas Döring (Intendant), Stephan Bruhn (Geschäftsführer), Christina Behre (Leiterin Theaterkasse), Petra Schiller (Dramaturgin)

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