Lange Nacht der Celler Museen und Galerien

Autor:
Meggie Hönig

Tanz, Musik, Theater, Geschichte im Hier und Heute und ganz viel Kunst

Lang war die Nacht – und heiß, so heiß wie lange nicht. Und das im doppelten Sinn. Fünf Museen und vier Celler Galerien hatten ihre Türen auch nach den üblichen Öffnungszeiten geöffnet und warteten – selbst ein wenig hitzegeschädigt – auf interessierte Besucher. Einige kamen, noch einige weniger nutzten die Möglichkeit, mit dem Bus-Shuttle stündlich und bequem von Ort zu Ort zu fahren.

Die aber kamen, hatten glückliche, erwartungsvolle Gesichter. Zum Auftakt bot das „ExCellente Barocktheater” eine „künstlerische Collage zur Geschichte des Hoftheaters”. Vor zwölf Jahren gründete Ilona Harf den Verein Pas Cour, um historische Bühnenprojekte zu fördern. In Zusammenarbeit mit Juliane Schmieglitz-Otten, der Leiterin des Residenzmuseums, und Andreas Döring, Intendant des Schosstheaters, sowie mit Unterstützung des Fachbereichs Kultur konnten nun erstmalig authentisch basierte Tanzaufführungen an einem geschichtsträchtigen Ort aufgeführt werden. Denn wir alle wissen: Das Schlosstheater Celle, 1674 als eines der frühestens Theaterhäuser Norddeutschlands gebaut, gehört zu den ältesten Hoftheatern Deutschlands.

Dank der profunden und gleichzeitig unterhaltsamen Moderation durch Juliane Schmieglitz-Otten war es ein Vergnügen, sich zusammen mit den TänzerInnen des „Ensemble Zeitgeist”, den Musikern, Sängern und Schauspielern entführen zu lassen, hinein in ein Stück Kulturgeschichte und zurück zu den Wurzeln des Barocktheaters: der Oper in Italien, dem Tanz in Frankreich und dem Theater in England.

Schnell und mit eher flachen Sprüngen, in festgeschriebenen Schrittfolgen, elegant distanziert oder ausgelassen komödiantisch, derb-komisch à la Commedia dell’arte, gesellschaftskritisch-typisierend, als höfisches Zeremoniell, als Menuett oder Contredanse: In loser Folge und in immer wieder anderen Kostümen ließen die TänzerInnen leichtfüßig, schwerlos und lautlos schwebend, entzückend-graziös und elegant die jeweilige historische Zeit lebendig werden.

Andreas Döring rezitierte Shakespeare-Sonette, in denen es fast immer um Liebe und, ach ja, um Liebesleid geht. Das in Celle gut bekannte Duo „Le tour d’Amour” mit Irina Gankema und Sabine Rahn erzählten Amüsantes und durchaus Wissenswertes über das Schlosstheater.

Und nur viel zu selten haben wir Celler die Gelegenheit, einen der führenden Countertenöre zu erleben. Denis Lakey, dessen Metier insbesondere die barocken Opern sind und der seit 1992 in Bargfeld lebt, trat – begleitet von Bettina Ihrig (Violine) und Gràinne Dunne (Klavier) – mit einer Arie aus Vivaldis „Gloria” auf, überzeugte und faszinierte mit zwei Arien von Georg Friedrich Händel, intensiv, stimmvirtuos und mit einer für einen Countertenor eher dunklen, bestechend warmen Stimme.

Er, der Wert legt auf „einfühlsamen Gesang”, auf Gestik und Mimik, konnte Letzteres auch bei der Fledermaus-Quadrille wunderbar unter Beweis stellen, was ihm offensichtlich einen besonderen Spaß bereitete. Dieser Tanz, der traditionell fester Bestandteil des Wiener Opernballs ist, wird hier zum Abschluss dieses heißen Tanztheater-Sommernachmittags mit allen Beteiligten getanzt, bevor das Publikum in tosenden, verdienten Applaus ausbricht.

Und weiter ging’s mit der „Langen Nacht”. Wer wollte, hatte nun während verschiedener Führungen die Möglichkeit, Interessantes über das Schloss und den Schlosspark zu erfahren. Aber wohin bei dieser großen Auswahl? Gegenüber im Bomann-Museum wurde mit Führungen, Vorträgen, Musik und Literarischem, dem Stummfilm „Napoleon” aus dem Jahr 1927 und verschiedenen Mitmachaktionen noch mehr spannende Geschichte erlebbar gemacht. Wussten die Organisatoren, dass diese Nacht heiß wird? „Bier – der neue Genuss. Einführung und Verkostung neuer Biere” sorgte zumindest vorrübergehend für Abkühlung, und bis ins Kunstmuseum war bisweilen die heitere „Literarisch-musikalische Reise um die Welt” zu hören.

Hier hatten sich – angelehnt an Peter Basselers Schaukasten „Der Freak” – gleich drei, nein eigentlich vier Freaks an einem rotweißkariert-gedeckten Tisch versammelt, Bier aus der Flasche trinkend und über „Kunst und andere Verrücktheiten” philosophierend: Dr. Julia Otto, Kuratorin des Kunstmuseums Celle mit Sammlung Robert Simon, die beiden Hannoveraner Künstler Hans Karl und Giso Westing und Peter Basseler höchstpersönlich, dessen Schaukästen noch bis Ende September in einer Sonderausstellung präsentiert werden. Da gab ein Wort das andere – schlagfertig, witzig, hitzig, tief- und vordergründig, kontrovers und provozierend, inspirierend, vor allem aber vorwiegend heiter. „Nicht immer nur neue Fragen aufwerfen – auch einmal welche beantworten … Nicht stets die Arbeit und Verantwortung an den Betrachter delegieren – auch einmal selbst für Werk und Wirkung geradestehen …”, das hatte sich offensichtlich Peter Basseler vorgenommen. In seiner völlig unkünstlichen, menschlichen Art beantwortete er den faszinierten Besuchern unzählige Fragen zu Inhalt, Entstehungsweise, Materialien und schöpferischen Ideen seiner „Welt im Kasten”.

Im „Wahn-Witz-Labor” im Dachgeschoss konnten eigene kreative Ideen gezüchtet werden, an der Cocktailbar wurde Kaltes und Erfrischendes angeboten. Noch bis nach Mitternacht schwoften einige Unermüdliche auf der Dachterrasse des Museums, vertieft in intensive Gespräche nicht nur über Kunst. Darunter vielleicht auch einige, die vorher noch im Haesler- oder im Garnison-Museum die Angebote genutzt hatten oder etwa nach dem Besuch einer der Celler Galerien, dem Atelier 22, der Galerie Dr. Jochim, der Galerie Halbach und der Galerie am kleinen Plan.

Ein lange, heiße Nacht ohne Abkühlung, erschöpfend schöpferisch für die, die dabei waren.

 

Fotos: Denis Lakey © Marie-Christine Fritsch. Ensemble Zeitgeist der kreativen Ballettschule Celle © privat. Außerdem wurden der Titel des Flyers „Lange Nacht der Celler Museen und Galerien“ sowie die Bildcollage daraus verwendet.

Themen:
Museen

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