Faszination “Kraniche”

Autor:
Redaktion

Der Kranichmann

und seine Kranichfamilie

Text: Claus-Peter Lieckfeld

Fotos: Thomas Hardt

Die Kranichfamilie fotografiert von Thomas Hardt - Fotos: Hubertus Blume

Thomas Hardt beim “Ansitz”

Man kann süchtig nach Nikotin sein – ganz, ganz schlecht! Man kann süchtig nach Alkohol sein – ganz schlecht! Man kann süchtig nach Glücksspiel sein – immer noch ziemlich schlecht! Aber was, wenn man nach Grus grus süchtig ist? Das ist dann schon ein wenig erklärungsbedürftig …

Zwischen Anfang März und Ende Juni vergeht kein Werktag, an dem Thomas Hardt sich nicht seitwärts in die Büsche schlägt – gleich nach dem Frühstück und noch vor Arbeitsbeginn in der Landkreisverwaltung Gifhorn.

Hardt geht schnell und ist nie unbewaffnet. Und meist sind schon fünf bis sieben Rehe auf der großen Waldwiese gleich neben dem optimal verfilzten Moorfleckchen, von dem Hardt – sehr zu Recht übrigens! – möchte, dass es in LANDLUFT nicht exakter geografisch verortet wird.

Die Rehe interessieren Hardt, Jahrgang 1966, nur mäßig. Womit er zielt, ist eine Nikon D 300 S. Wohin er zielt: meist auf Grus grus, den Grauen Kranich, den Überflieger, der seine fünf bis sieben Kilo Lebendgewicht von Gifhorn/Niedersachsen bis nach Westspanien liftet. Und wenn es sein muss, noch wesentlich weiter. Große Kranichpopulationen brüten in Skandinavien und im östlichen Mitteleuropa.

In den Siebzigern war es gerade mal ein einziges Brutpaar, das von Gifhorner Naturschützern rund um die Uhr bewacht wurde – als wären sie Zeugen der Anklage fürs Jüngste Gericht. Derzeit, sagt Thomas Hardt, soll es wieder um die 100 Brutpaare im Landkreis geben, und eines davon ist gewissermaßen seines. In Niedersachsen brüten inzwischen an die 700 Paare, und auch im Landkreis Celle fühlen sich viele Kranichpaare zu Hause, meist in der Region um Eschede, an den Meißendorfer Teichen oder in der Sprache – was für Hardt aber zu weit wäre für seine oft täglichen Beobachtungen.

Hardts Ansitz ist ein Sichtschutzzelt, nur mäßig getarnt am Wiesenrand aufgestellt. Dort hat er in den letzten zehn Jahren, alle Stunden zusammengerechnet, rund zwei Monate verbracht, um das monogame und standorttreue Paar in allen Lebenslagen abzulichten. Im Spätschnee Anfang März bei der Ankunft, wenn Platzherr und Platzdame noch die Gesellschaft von Artgenossen dulden, die jedoch spätestens dann die Wiese räumen müssen, wenn die beiden Ortsansässigen ins Brutgeschäft einsteigen. Vorher wird allerdings noch gebalzt, wird getanzt, gesprungen, trompetet, getrippelt und gestampft – eine Darbietung, die Betrachter immer schon in Glücksstarre versetzt hat, seit Menschen Kraniche beobachten. Was ist – Verzeihung, Freunde des Tutu und des klassischen Spitzentanzes! – schon „Der sterbende Schwan“ gegen lebendige Kraniche?

Hardt hat schon so ziemlich alles im Kasten, jeden Knicks, jeden Luftsprung, auch die verrücktesten Wendungen der Choreografie. Und doch hockt er jedes Jahr wieder auf der Kranichwiese hinter Stativ und Kamera: Es muss nach all den „magic moments“, die er schon abgepixelt und weggespeichert hat, doch noch den „Moment der Momente“ geben. Den, den er noch nicht hat. Vielleicht, wenn Nebel – möglichst vom Morgenlicht vergoldet – die Darsteller zu Traumtänzern macht, zu Sendboten einer Welt, die eigentlich schon lange verschollen ist.

Nicht so spektakulär wie das Vorspiel ist dann die doppelte Geburt: Eiablage und Schlupf. Ungemein reizvoll ist dann allerdings wieder die Zeit der Jungenaufzucht. Ans Nest, stets gut versteckt im Sumpf, folgt Hardt seinen Darstellen jedoch nicht, und er hat auch ein gerüttelt Maß an Verachtung für jene Vogelfotografen über, die um eines guten Schusses willen Brutvögel am Nest beunruhigen.

Die große Wiese neben dem kleinen Sumpf wird im Mai zur Spielwiese. Wenn der Nachwuchs, noch kurzhalsig und unbeholfen, durchs Gras pflügt, beginnt die hohe Zeit der hardtschen Meisterschüsse. Auch die Exzellenzen und Granden der Vogelwelt beginnen klein: als tapsige, stupsschnäbelige Wuschel, deren erste Lektionen „Regenwurm“ und „In-Sicherheit-Laufen“ sind.

Hardt ist jedes Jahr aufs Neue von „dieser Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft“ der Eltern beeindruckt. „Ich habe gesehen, wie der männliche Kranich einen Blitzstart hingelegt und eine Krähe vertrieben hat, die 100 Meter entfernt völlig unbeteiligt auf einer Kiefer saß. Ich habe fotografiert, wie die zwei ein Paar landende Graugänse vertrieben haben, kaum dass die beiden Bodenberührung hatten.“ Und es ist immer wieder spannend zu sehen, wie die Eltern ihre Hyperwachsamkeit peu à peu zurückfahren mit jedem Zentimeter, den die Kleinen größer werden.

Da ist aber noch etwas – sagt der Mann, dessen Sprachgeschwindigkeit ihn unwillkürlich aus der Kurve trägt, wenn er von seiner, von der „Faszination Kranich“ spricht – da ist etwas, das ihm immer noch fehlt: „Die allerersten Flugversuche der Jungkraniche. Vielleicht klappt’s in diesem Sommer. Mal sehen …“

„Vergiss es!“, sagt Hardt, wenn man ihm eine naheliegende Frage stellt, die über das geografisch Naheliegende hinausgeht: Ob es ihn nicht reizen könnte, Kraniche an ihren Massenüberwinterungsorten in Spaniens Extremadura zu fotografieren oder in den sommerlichen Großquartieren an Schwedens Seen. Oder – unglaublich spektakulär! – während des Überflugs an Rügens Kreideklippen.

Die Antwort ist: Nein! Er fotografiere nur in Fahrradfahrentfernung. Und sein Zeitbudget ließe es – zumindest im Frühling und Sommer – nicht zu, Gifhorn zu verlassen. Dann würde es ja Tage – schlimmer: Wochen! – geben, in denen seine Kraniche, unbesucht, unfotografiert … also schlichtweg allein bleiben müssten. Und das ginge ja nun mal gar nicht.

Putzen zum Beispiel!

Alle Kollegen Kranichfotografen – die mittelmäßigen, die guten, die sehr guten und die Ausnahmekönner – haben sich schon daran versucht, die Grandezza einzufangen, mit der Kraniche ihr Gefieder ordnen. Aber diesen „einen Moment, wenn der Kranich die Schmuckfeder zart in den Schnabel nimmt, den hat meines Wissens noch keiner so richtig gut. Und den will ich!“

Das Einmalige also. Mehr als einmalig wäre zu viel und damit nicht gut genug. Im Grunde genommen hat Thomas Hardt der zusätzliche Kick immer schon gereizt, seit er sich 1985, gerade einmal 19-jährig, vom ersten selbst verdienten Geld eine Canon T 70 kaufte. Blumen, das typische Naturfotografen-Anfängersujet, nicht nur plump und platt von oben, sondern als Farbschleudern, bewegt, nicht statisch. Makroaufnahmen – die typische zweite Stufe auf dem Weg zu höheren Fotoweihen –, gestochen scharf und dabei möglichst das Verblüffende im Unscheinbaren finden. Und später dann Wildtiere, möglichst nicht nur scharf und formatfüllend – „kalenderblattmäßig“, sagt Hardt –, sondern „ökologisch … also in Wechselbeziehung mit ihrer Umwelt“.

Hardt weiß es, alle guten Profis und Amateure wissen es: Das Geheimnis exzellenter Tierfotografie gibt es nicht; schon allein deshalb nicht, weil es mindestens ein halbes Dutzend Dinge zu bedenken gibt, ehe der Schritt von „Na ja, ganz ordentlich …“ zu „Außerordentlich!“ glücken kann. Wenn es allerdings an einem fehlt, nämlich an Geduld, geht generell nur wenig, dann bleibt es bei nur einigen günstigen Zu- und Glücksfällen in einem langen Fotografenleben. Und den Moment, in dem die Sonne rosenfingrig durch den Nebel fasst und den hüpfenden Kranich genau auf seine rote Kippa tupft, diesen Moment bekommt man, wenn überhaupt, eben nur nach Zigtausenden Stunden, nach Hunderttausenden Klicks.

Apropos Klicks: Das digitale Zeitalter enthemmt aufs Angenehmste, findet Thomas Hardt. Man könne, ohne exorbitante Kosten zu verursachen, Serien schießen, in denen dann, mit Glück, das eine, das unerhörte Foto steckt. Und man kann seine Bilder archivieren, ohne Keller und Boden zu verstopfen. Man kann – wiederum per Klick – das Foto wiederfinden, nach dem man noch vor wenigen Jahren lange und womöglich vergeblich gestöbert hätte.

Als Hardt das erfasst hatte, tat er etwas, das fast nach Selbstverstümmelung klingt: Er schrottete all seine Dias („… nun ja, einige wenige Highlights habe ich aussortiert …“) und fing gewissermaßen von vorn an. Nochmals Balz im Schnee. Nochmals silhouettiger Formationsflug vor sinkender Sonne. Nochmals Kranichküken, die auf Papas sandgepudertem Rücken Zuflucht suchen. Den ganzen Zauber. Von Grund auf neu.

Manchmal allerdings huscht auch ein wenig Ernüchterung durchs Bild. Durchs dreidimensionale. Etwa dann, wenn Sohn Sascha, 14, Vaters Ökogartenreich durchquert, gefährlich nahe am drahtgeschützten Sonnentau vorbei, unterwegs zu irgendwas, das mit Technik zu tun und Unterhaltungswert hat. „Naturbegeisterung ist wohl nicht erblich. Meine Kraniche findet Sascha jedenfalls so was von langweilig … na ja …“

Vater Thomas sagt nicht: „Na ja … kann ja noch werden …“ Aber ich glaube, er meint es. Wie alt war er noch gleich, als sein Naturfieber ausbrach? 19! Das ist noch fünf Jahre hin – beziehungsweise viele Tausend Kranichfotos.

http://www.grauer-kranich.de/

 

 

 

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