Kristiina Karinen – Modedesign in Celle

Autor:
Redaktion

Kunstwerke aus Strick

von Cosima Bellersen Quirini

Très francais, denkt wahrscheinlich jeder spontan, der Kristiina Karinen erstmals gewahr wird. Zart ist sie, ja fast filigran. Und erinnert irgendwie an Coco Chanel. Oder wenigstens an Louise Brooks, die amerikanische Stummfilmschönheit und Stilikone jener Zeit. Jedenfalls an die Zwanziger, als das Korsett endlich fiel und die Rocksäume nach oben rutschten. Der Vergleich mit Coco ist nicht nur wegen Kristiinas schmaler Silhouette angemessen, sondern vor allem auch wegen ihres Metiers als Modedesignerin und ebenso wegen ihres gesamten Auftretens, eine strenge Komposition in Schwarz von Kopf bis Fuß, auch wenn der schwarze Bob mittlerweile einem silbergrauen Pixie-Cut gewichen ist und die berühmte Perlenkette fehlt. Aber diese würde in der Inszenierung ebenso stören wie ein Tweed-Kostüm. Beides benötigt Kristiina Karinen für ihren Look nicht. Denn dieser steht für ungewöhnliche Kunstwerke aus feinster Wolle. Skulpturen aus Strick, so könnte man vielleicht umschreiben, was die finnische Modedesignerin, die seit einigen Jahren in Celle lebt und arbeitet, weltweit und höchst erfolgreich auf dem jährlichen Modemarkt präsentiert. Oder besser auf dem Kunstmarkt, denn sie vertreibt ihre Ware über Galerien, Kunst- und Designermessen, bei Textilausstellungen oder direkt an Privatkunden. Die Liste ist lang und liest sich wie ein Who is who: Ivo Milan, Cheong Ju International Craft Biennale, Museum für Kunst und Gewerbe, Grassi, The Modern Art of Knitting, die internationale Strickausstellung.

Ihre Klientel sind modebewusste Frauen aus sämtlichen Kontinenten, welche die hohe Qualität ihrer Arbeiten ebenso zu schätzen wissen wie das unglaublich Künstlerische in ihren handgearbeiteten Modellen. Zu den Basisteilen zählen Schals und schmale Stolen, zwölf bis fünfzehn Teile umfasst die Jahres-Kollektion, alles aus Seide, Kaschmir und Merino. Alle Stücke werden von Kristiina mit viel Geduld und exakter Vorbereitung selbst entworfen, die Strickteile an einer japanischen Heim-Strickmaschine aus den 1990ern gearbeitet. In den „Strickmonaten“ August bis März entstehen so Kragen, Jacken, Mäntel, Capes und Pelerinen – einmalige Saisonware.

„Mit Garn kann man vielfältiger gestalten als mit fertig gewebtem Stoff“, sagt die studierte Modedesignerin mit charmantem, finnischem Akzent. „Die Oberflächenstruktur ist da ganz anders, nämlich dreidimensional. Und ich mag gestalten ohne Grenzen. Das macht Riesenspaß!“

Und so entsteht eine Kollektion aus ihren Unikaten: Zunächst arbeitet die Designerin akribisch genau so genannte Drei-Strukturen-Entwürfe (Muster, Form und Farbe) für Strickstreifen auf Millimeterpapier aus, die anschließend auf den Computer der Maschine übertragen werden. Aus feinsten italienischen Garnen, welche Kristiina stets selbst auf der Garnmesse in Florenz einkauft, entstehen endlos lange Strickstücke in einer Breite zwischen circa fünf und zehn Zentimetern, die danach in mathematisch exakt berechneter Folge aneinander genäht werden.

Mode nur als Design-Objekt? „Nein, sie muss auch alltagstauglich sein“, so Kristiina, die ihr Handwerk in den Jahren 1973 bis 1977 unter anderem am Lahti Institute of Design and Fine Art in Finnland gründlich gelernt hat, „Tragbarkeit ist mir ganz wichtig.“

Das Haus, in dem Kristiina lebt und arbeitet, ist hell und von ungewöhnlich schlichter Schönheit. Sie hat es zusammen mit ihrem deutschen Mann, mit dem sie schon seit Jahrzehnten verheiratet ist, entworfen und bauen lassen. Ihre Wege kreuzten sich einst in Kristiinas Heimat, genauer gesagt in Rovaniemi, Hauptstadt der nordfinnischen Landschaft Lappland in direkter Nähe des Polarkreises. Damals war sie noch Schülerin, er als Tourist unterwegs, und von Oktober bis Ende April lag der Schnee. Während ihrer Studienzeit lebten sie zusammen in einer WG, zusammen gingen sie auch nach Kanada, später nach Deutschland. Warum nun Celle?

„Ruhe, Stille, eine charmante Altstadt, kurze Wege, urbanes Leben in ländlich strukturierter Umgebung, zugewandte und freundliche Menschen und ein wunderschöner Wochenmarkt“, zieht die Modedesignerin und Mutter zweier erwachsener Töchter lächelnd Bilanz, „nach Jahren in großen Städten fühle ich mich hier angekommen und bin jetzt endlich zuhause“. An neuen Ideen mangelt es der 1954 geborenen Finnin und frischgebackenen Großmama auch hier in der idyllischen Provinz der Südheide nicht. Nuppu spukt ihr neuerdings im Kopf herum, eine Babykollektion. Nuppu ist finnisch und heißt Knospe. http://www.kristiinakarinen.de/

Fotos: Hubertus Blume

 

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