Daimagülers Märchen der gescheiterten Integration

Autor:
Meggie Hönig

„Kein schönes Land …”, aber ein starkes Stück im Malersaal des Schlosstheaters Celle

Nu lebt Herr Daimagüler schon mehr als 45 – in Worten: fünfundvierzig – Jahre in Deutschland und dann schreibt er auf einmal vor etwa vier Jahren ein ziemlich autobiografisches Buch, das abrechnet mit seiner Vergangenheit, mit sich, seinen Gedanken, seinem Leben und dem, was er draus gemacht hat, mit Deutschland und – überhaupt – mit dem, was wir Integration nennen. Und das Schlosstheater Celle macht daraus auch noch ein Theaterstück. Lohnt sich das denn? Haben wir dieses Thema denn nicht längst vorwärts und rückwärts durchgekaut? „Das Migrationsgequatsche kann man doch nicht ertragen.” Und der Daimagüler muss gerade davon reden! Der hat doch eigentlich alles erreicht, was man selbst als Deutscher nicht mehr erreichen könnte.

Der Reihe nach – und vor allem erst mal die Geschichte, dann das Theater. Mehmet Daimagüler wurde 1968 in einem kleinen Dorf bei Siegen geboren, wo man „nie weiter als drei Kilometer gucken kann, dann fängt der Berg an”. Seine Eltern kamen in den sechziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland, sein Vater arbeitete als Stahlarbeiter bei Krupp. Es stand immer für sie fest, wieder zurück in die Türkei, nach Istanbul, zu gehen. Sie gehören, wie es so schön heißt, zu einer „bildungsfernen Gesellschaftsschicht”, sprechen kaum Deutsch und bereiteten ihre Kinder nicht auf eine Zukunft in Deutschland vor. Mehmet schlittert gerade so an der Sonderschule vorbei, bekommt nach der Grundschule eine Empfehlung für die Hauptschule, er liest sich schlau, wechselt aufs Gymnasium und macht ein hervorragendes Abitur. Dann: Jura-Studium in Bonn, später außerdem Volkswirtschaft und andere Fächer. Er genießt die Universität als „großen Süßigkeitsladen”. Er tritt in die FDP ein, wird der erste türkische Assistent, mit 22 Jahren der jüngste – und erste türkische – Büroleiter im Deutschen Bundestag. Rechtsreferendar, erste Anstellungen, Mitglied im Bundesvorstand der FTP als weitere Stationen auf der steilen Karriereleiter. 2008 Austritt aus der Partei, Suche nach neuen Wegen, die ihn nach Harvard führen (MPA) und an die Yale University. Gefragter Anwalt in deutsch-türkischen Belangen, Absolvent von Havard und Yale – kann man mehr erreichen?

Das ist sozusagen nur die Hardware des Mehmet Daimagüler, der über seine Erfolge nur zurückhaltend spricht. Die Software, das was sein Leben als in Deutschland geborener Türke ausmacht, das was ihn in Depressionen und Alkoholsucht getrieben hat, das was ihn trotz aller Erfolge nachdenklich, wütend und ängstlich gemacht hat, davon handelt die bemerkenswerte Theaterfassung, die das Celler Schlosstheater als Uraufführung präsentiert.

Adnan Taha und Andreas Döring setzen hinter den Titel „Kein schönes Land in dieser Zeit” ein programmatisches Fragezeichen (?) und besetzen die Rolle des Autors und Ich-Erzählers Mehmet Gürcan Daimagüler gleich mit zwei starken Schauspielerpersönlichkeiten, die gegen und miteinander agieren – und eins sind. Dirk Böther und Rasmus Max Wirth sprechen da, wo es passt, in den rein erzählenden Phasen, so unglaublich synchron, mit derselben Atemlosigkeit oder auch seelenlosen Monotonie, dass man glaubt, nur eine einzige Stimme zu hören. Und sie unterscheiden sich in Gestik, Mimik, Tonlage, Lautstärke und Empathie, wo die innere Zerrissenheit dieses „Deutschtürken” herausgearbeitet wird, wenn es um Gefühle, Ängste, Wut, Verzweiflung, Selbsthass geht: ein Leben in zwei Welten, die kaum miteinander vereinbar sind.

Als türkischer Gastarbeiterjunge, übrigens der einzige in der Klasse, war er damals in der Schule immer darum bemüht, nicht aufzufallen und „normal” zu sein. Er merkte sich, was die – deutschen – Klassenkameraden erzählten und dachte sich so ähnliche Geschichten aus, die er aber nie erlebt hatte und die vor allem nicht in sein türkisches Leben zu Hause passten. „Die Gespräche zu Hause drehten sich immer um die Türkei”, sein Vater spricht von „Sehnsucht, Sehnsucht, Sehnsucht … Zu Hause verwandelte er sich in einen Türken, es wird Türkisch gesprochen (auch die Darsteller sprechen Türkisch). „Ich wurde fremd ohne fremd zu sein.” Er leidet unter den gewalttätigen Brutalitäten des Vaters, der die Kinder windelweich prügelt. „Wir waren arm, als reicher Mensch kann man besser gut sein.” Er lernt, was bei Türken Familienehre bedeutet. Er versteht seinen Halbbruder nicht, der kriminell wird, als Kind schon vor Gericht steht und als junger Erwachsener ausgewiesen wird. Seinen Vater verachtet er wegen seines schlechten Deutschs und wegen seiner Demut gegenüber Behörden, er sieht zu, wie seine Mutter von Sorgen erdrückt wird – und hat keine Antwort darauf.

Im anderen normalen Leben wird er in der Realschule schikaniert und als „Stinker” ausgegrenzt, seine erste, fast noch Kinderliebe wird als Türkenflittchen bezeichnet. Panik, Furcht, ein Gefühl der Wertlosigkeit überfällt ihn. Seine Familie „war anders”, sagt er. Hier werden dramaturgisch und vor allem von Daimagüler selbst ein paar Klischees zu dick aufgetragen, fundamentale Thematiken wie die Vernichtung der Juden in Ausschwitz, die Diskriminierung von Sinti und Roma und der aktuelle Flüchtlingszustrom ein bisschen zu oberflächlich und pauschal behandelt. Es heißt „die Juden”, „die Muslime” und natürlich „die Deutschen”. Und doch macht ein Satz nachdenklich wie „Der einzige Unterschied zwischen Juden und Türken ist, dass Juden es hinter sich haben.” Vermitteln „wir Deutschen” „den Ausländern” dieses Gefühl der abgrundtiefen Verachtung und Demütigung? Daimagüler muss so empfunden haben …

… hätte es da nicht diese ältere (deutsche) Frau gegeben, die dem kleinen Mehmet immer zur Seite stand und für ihn seine Oma Phillipine wurde. Das sind die poetischsten, eindringlichsten Szenen, wenn Dirk-Böther-Rasmus-Max-Wirth-Daimagüler sich an sie erinnern. Und dann stirbt sie. Und bei ihrer Beerdigung sind für die Türkenfamilie in der allerersten Reihe in der Kirche Plätze reserviert, da wo die engsten Familienangehörigen sitzen! „Niemals habe ich mich so zu Hause gefühlt.”

Wirth und Böther gelingt es, sich so intensiv in die Rolle des wurzellosen Daimagüler hineinzuspielen, dass man in den zarten, traurigen Momenten mitweinen möchte und ihre Wut, Empörung und Ratlosigkeit persönlich mitempfindet. Und wenn man dann – nach der Beerdigung von Oma – mit ihnen zusammen am Tisch sitzt, isst, und trinkt und vielleicht sogar zaghaft von der eigenen Familie zu erzählen beginnt, vergisst man, dass man als Zuschauer in den kleinen Malersaal gekommen ist.

„Deutschland ist meine Heimat”, sagt Daimagüler. Und: „Die Sprache meiner Träume ist Deutsch.” Deutschland ist sein Land, aber: „Man muss nicht stolz sein auf sein Land sein.” Es bleiben viele Fragen – und das ist gut so! Ein Stück zum Nachdenken, zum anderer Meinung Sein, zum sich Empören zum Betroffensein und zum Zustimmen.

Alle Fotos: Benjamin Westhoff
Auf allen Fotos: Dirk Böther und Rasmus Max Wirth

Weitere Infos unter: http://schlosstheater-celle.de/
Die nächsten Termine: 28.11., 2.12., 4.12.2015

Themen:
Malersaal

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