Justus Steinbömer und sein Antiquariat Cellensia in Celle

Autor:
Meggie Hönig

Alte Bücher sind sein Leben

Ein Portrait

Wenn man über wenige Sandsteinstufen, vorbei an Auslagen von „alten“ Büchern, das Antiquariat Cellensia Am Markt 17 betritt, fühlt man sich in eine andere Welt versetzt. Selbst wenn draußen ganz in der Nähe Menschen vorbeihetzen oder noch schnell etwas vom Wochenmarkt besorgen wollen, vergisst man die übliche Alltagshektik. Buchtitel wie „Die Entdeckung der Langsamkeit“ oder Milan Kunderas „Langsamkeit“ fallen ein – vielleicht verstecken sich diese Bücher sogar in einem der deckenhohen hölzernen Regale ringsum mit unzähligen dicht an dicht stehenden Büchern. In Regalen, die sorgfältig beschriftet und die die Bücher nach Gebieten wie Geschichte, Archäologie, Architektur, Philosophie, Ornitologie … ordnen. Ein runder Tisch, den man zusammen mit den vier dazu passenden Polsterstühlen lädt dazu ein, sich hinzusetzen und mit Muße in den Büchern zu blättern, die Justus Steinbömer auf Wunsch bereitwillig aus den Regalen zieht und auf den Tisch legt.

Justus Steinbömer, Jahrgang 1958, ist kein Wilsberg-Typ, nicht westfälisch-phlegmatisch, auch kein schrulliger Buchhändler oder esoterisch Angehauchter, Justus Steinbömer ist – fast – ein Mensch wie du und ich. Und doch besonders!

Bekannt ist er vielen als leidenschaftlicher Postkartensammler; er besitzt davon etwa 10.000 verschiedene Exemplare, fast 150 Jahre alte und neuere, die er in Publikationen wie „Celle. Alte Bilder erzählen“ als Auswahl von über 200 der schönsten Postkarten zusammengestellt hat. Bekannt ist er auch als Vorstandsmitglied im Museumsverein Celle, für den er gerade wieder die Reiseleitung für eine ungewöhnliche Tagestour in das Gebiet rund um die Allerquellen übernimmt.

Mit seinem Antiquariat ist er seit inzwischen 25 Jahren nicht nur in Celle eine Instanz für deutsche Orts- und Landeskunde, wie er selbst sagt, sondern auch für niedersächsische und hannoversche Landesgeschichte und natürlich ganz besonders für Celler Geschichte. Als weiteren Schwerpunkt nennt er den historischen mittel- und ostdeutschen Raum, sein Interesse für Sachsen und Sachsen-Anhalt und für seltene Kostbarkeiten vor dem Jahr 1700.

Derartige „Prezisiosen“ sucht und findet Steinbömer fast ausschließlich auf den rund 30 Buchauktionen, die er jedes Jahr besucht und dafür quer durch ganz Deutschland reist. Eine zeitraubendes und aufwändiges Geschäft, das etwa 80 Prozent des Ankaufs ausmacht, zumal er zu jeder Auktion dreimal „hinmuss“, einmal zur Vorbesichtigung, einmal für die Auktion selbst und einmal zur Nachbesichtigung. Immer auf der Suche nach dem Unvergleichlichen!

Wenn er dann solche „Schätze“ entdeckt, wie die so genannte Bugenhagenbibel, die erste komplette mittelniederdeutsche Ausgabe der Luther-Bibel aus dem Jahr 1533, also noch vor der ersten kompletten hochdeutschen Ausgabe, klopft sein Herz. Offensichtlich auch heute noch, wenn er mit glänzenden Augen von seinem schönsten Buch erzählt. „Unglaublich schön“, sagt er. Oder von dem Blatt aus dem weltweit ersten Druckwerk, das Drucker und Druckort nennt und auch genau das Datum des Erscheinens ausweist. Nur eine einzige Seite aus dem berühmten Psalterium aus dem Jahr 1457, die ihm beim Verkauf eine fünfstellige Summe einbrachte, wie er auf unsere neugierige Nachfrage bekennt.

Verständlich, dass es Steinbömer manchmal schwerfällt, sich von solchen spektakulären Entdeckungen zu trennen, und er freut sich, wenn er sie wiedersehen kann, in einer Bibliothek, in der sich „seine“ Bücher nun befinden oder beim Sammler, der sie jetzt sein eigen nennt. Er erwirbt ohnehin nur Werke, von denen er überzeugt ist und die zu seinem Interessengebiet passen. Klar, wenn ein Kunde zum Beispiel Orts- und Adressbücher sammelt, die aktuell hoch gehandelt werden, kümmert er sich darum. Sein Herz schlägt allerdings nicht dafür.

Es versteht sich für ihn von selbst, seine Stammkunden – und davon hat er viele, nicht nur aus Celle und der Region – über „Neuheiten“ zu informieren. Seine Kundenkartei ist gepflegt, er braucht sie aber eigentlich nur der Kontaktdaten wegen. Die Interessen seiner Kunden hat er ebenso im Kopf, wie er genau weiß, welche Bücher wo in den Regalen stehen und welche Geschichte es dazu gibt. Nein, den Bestand kennt niemand außer ihm … Er ist unentbehrlich – trotz einiger kompetenter Mitarbeiter.

Fragen zu stellen wie „Haben Sie Angst vor dem E-Book“ oder „Fürchten Sie den Online-Handel“, verbietet sich. Erstens: E-Books entbehren jeglicher Sinnlichkeit, die von alten, schönen Büchern ausgeht. Zweitens: Der Online-Handel ist ja ein längst ein wichtiges Standbein für das Antiquariat Cellensia. Etwa 40 Prozent seiner Bücher verkauft Steinbömer über das Internet, weitere 40 Prozent über das Ladengeschäft und nur etwa 20 Prozent über Auktionen. Auch heute ist permanent mindestens ein Kunde hier, der die persönliche Beratung genießt. Steinbömer nimmt sich Zeit für jeden, empfiehlt, berät, erklärt gern, worauf es ankommt – selbst wenn es nur um eine 1-Euro-Postkarte geht.

Drei Dinge seien ausschlaggebend für ein wertvolles antiquarisches „Stück“, erstens der Zustand, zweitens der Zustand, drittens der Zustand. Heute reicht es nicht für ein Buch, alt und vergriffen zu sein, so sollten beispielsweise die Schließen unversehrt sein, ebenso Buchrücken und -deckel, die Beschläge oder auch der Buchschnitt. Er streicht fast liebevoll über einige besonders prachtvolle alte Bibelexemplare, die er vorsichtig auf den runden Tisch vor uns legt.

„Intelligenz ist die Kunst, unterscheiden zu können.“ Dieses Zitat eines guten Freundes gleicht seinem Lebensmotto und erklärt den Anspruch, den an sich selbst stellt.

„Unterscheiden zu können, was ist eine wichtige, was eine unwichtige Information.“ Ein Anspruch, dem er sicher gerecht wird.

Schon als Kind war Justus Steinbömer fasziniert von Büchern, geprägt hat ihn der Bücherschrank der Großeltern. Während eines Schulausflugs ließ er sich im Klaus-Groth-Museum die Bibliothek zeigen, und als Schüler kaufte er während eines Aufenthalts in England ein Kinderbuch für die Unsumme von 200 Mark. So verwundert es nicht, dass er sich sein Studium in Berlin mit dem Verkauf antiquarischer Bücher finanzierte und schließlich sein Hobby zum Beruf machte. Ob er sich vielleicht doch gern einen anderen Berufswunsch erfüllt hätte? Eine absurde Frage. Ebenso wie die Frage, ob er schon einmal daran gedacht habe, nicht mehr zu arbeiten. „In diesem Beruf kann man alt werden“, sagt er, der sich nur wenig Urlaub gönnt und den Laden sechs Tage in der Woche geöffnet hat.

Naturbeobachtungen und das Fotografieren von Naturlandschaften auf langen Spaziergängen mit seinem Hund Titus lassen ihn Atem holen und neue Ideen reifen. Auf eine einsame Insel würde er mitnehmen … nein, das verraten wir nicht. Und ob er einen Traum hat, den er sich erfüllen möchte, wagen wir zu fragen. Er wehrt ab, das solle doch auf einer höheren Ebene entschieden werden. Viele kleine Träume vielleicht. Und doch: Ein unbekanntes Autograph von Johann Sebastian Bach zu entdecken, eine Kantate vielleicht, das wäre was. Da ist er wieder, der Glanz in seinen Augen …

Antiquariat Cellensia

Markt 17, 29221 Celle

Telefon (0 51 41) 21 48 22 · Fax 21 48 20 · privat (0 51 49) 15 08 · eMail info@antiquariat-cellensia.de

Fotos: Hubertus Blume – (C) www.landluft-celle.de

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