Jüdischer Friedhof, Celle

Autor:
Redaktion

Ort der Ewigkeit

Eine Impression von Anke Schlicht

Der jüdische Friedhof ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Wenn sich das Tor einmal öffnet – wie zuletzt auf Veranlassung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz – ist das Interesse an dem auf das Jahr 1692 zurückgehenden „ewigen Ort“ riesengroß. Trotz schlechten Wetters kamen 60 Personen, um an der Führung unter Leitung von Sabine Maehnert teilzunehmen.

„Ich bin hier vorbeigefahren vor einigen Jahren und wollte mehr wissen. Friedhöfe interessieren mich einfach, mich rühren die Geschichten, die da aufblitzen“, begründet Bettina Weier aus Celle ihre Teilnahme. Mehr als ein Buch würden sie wohl hergeben – die Lebensgeschichten der Menschen, die sich verbergen hinter den vielen hohen Grabsteinen, die dicht an dicht, ohne jeden Blumenschmuck und umgeben von einer halbhohen Backsteinmauer das Bild des jüdischen Friedhofs bestimmen. „Es gibt hier keine Wege, also seien Sie vorsichtig“, ermahnt die Leiterin des Stadtarchivs und Mitglied der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Sabine Maehnert, die 60 Besucher der „außergewöhnlichen und wertvollen Führung“. So bezeichnet der Vertreter der veranstaltenden Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Dr. Manfred Hemmerich, den Rundgang über das geschichtsträchtige Areal, dessen Eigentümer der Landesverband der jüdischen Gemeinde Niedersachsen ist. „Heute befinden wir uns hier in einem Wohngebiet, aber damals, als der Friedhof entstand, waren hier nur Felder, die zum Dorf Klein Hehlen gehörten, die Synagoge lag weit entfernt“, erläutert Maehnert. 1692 kam Herzog Georg Wilhelm der Bitte der kleinen jüdischen Gemeinde nach und überließ ihr ein etwas erhöht liegendes Stück Land, damit die Verstorbenen nicht wie bisher in Hannover beerdigt werden mussten. Als der Herzog 1665 die Regentschaft übernahm, siedelten sich einige jüdische Familien in der Altenceller Vorstadt an, nur hier durften sie sich niederlassen. Die Mehrzahl lebte von Kleinhandel und Pfandleihe.

SPIEGEL DER GESELLSCHAFT

Rechele Gans-Zell war mit Daniel Ahrendt, einem der vier Gründungsväter der Celler jüdischen Gemeinde, verheiratet. Sie starb im Jahr 1705 und wurde als erste auf dem neu eingerichteten Friedhof beerdigt. Ihr Grab befindet sich demzufolge auf dem erhöht gelegenen, ältesten Teil, der heute die Mitte des Areals bildet. Auf der Anhöhe scheinen die Steine ohne Ordnung aufgestellt worden zu sein, jeweils an der Kopfseite des Verstorbenen, der in Richtung Jerusalem blickt, stehen sie versetzt nebeneinander. Rechele Gans-Zells Grabstein ist so schlicht wie der ihrer Nachbarn, Kontur verleihen nur die hebräische Inschrift und die Symbole. „Vor Gott sind alle Menschen gleich.“ Dieses Prinzip spiegelt der Friedhof wider. „Erst um 1900 begann man, auch die Gräber vom Wohlstand einer Familie zeugen zu lassen, aber auf den jüdischen Friedhöfen in Hannover wird das sichtbarer als hier“, erläutert die Expertin. „Pass auf, du stehst auf einem Grab“, ermahnt eine Besucherin ihren Mann. Keiner möchte etwas von dem verpassen, was Maehnert erzählt, den richtigen Platz dafür in der großen Gruppe zu finden, ist nicht immer leicht, und plötzlich steht man auf einem umrandeten Grab, das sich ab und zu doch noch findet. Bewachsen sind auch diese nur mit Gras, daher heben sie sich nur wenig ab von der übrigen großen Rasenfläche, aus der die Steine herausragen. An deren Formen und Inschriften lassen sich einerseits Moden, andererseits aber auch die Veränderung der jüdischen Gemeinde ablesen. Der älteste Teil des Friedhofs wirkt fremd und interessanter, weil die Gräber so alt und die Inschriften hebräisch sind. Zwei Erweiterungen hat der seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unter Denkmalschutz stehende Friedhof erfahren: Das jüngste ab 1879 angegliederte Areal erinnert am ehesten an christliche Ruhestätten. Die Steine stehen in einer Reihe, und die Inschriften sind nun ausschließlich deutsch, nachdem man in den Jahrzehnten zuvor die Worte für die Ewigkeit in beiden Sprachen in Stein gemeißelt hatte. „Im Judentum sind Friedhöfe ewige Orte“, erläutert Maehnert. Niemals würde man Grabsteine abbrechen und entsorgen, wie es die christliche Friedhofskultur vorsieht.

ARMENARZT PHILIPP DAWOSKY

Aber manchmal ist die zerstörerische Kraft der Natur unübersehbar. Als wäre es ein Symbol für die in weiten Teilen ausgelöschten Spuren der jüdischen Celler Gemeinde im Allgemeinen und seines Lebens im Besonderen, ist die Inschrift auf Philipp Dawoskys Grabstein nicht mehr lesbar. Der 1809 in Celle geborene und erste jüdische Mediziner der Stadt war ein in vielerlei Hinsicht besonderer Mann. Aufgewachsen in ärmlichsten Verhältnissen in der „Blumläger Vorstadt“ nahe der jüdischen Schule und Synagoge, nutzte er lange vor der offiziellen rechtlichen Gleichstellung im Jahr 1848 die Chance zum sozialen Aufstieg. Juden durften nur Jura und Medizin studieren. Dawosky besuchte ein Celler Gymnasium und studierte anschließend Medizin in Berlin und Göttingen. Unter zwei Bedingungen wurde ihm 1832 gestattet, eine eigene Praxis in Celle zu eröffnen: Ein anderer Ort als die Blumlage kam zum Leben und Arbeiten nicht in Frage, und die armen Bewohner der angrenzenden Masch musste er kostenlos mitbehandeln. Auch in der Blumlage hatte kaum jemand die nötigen Mittel, um medizinische Leistungen zu bezahlen. Daher stellte sich Dawosky von vornherein darauf ein, dass er den Großteil seiner Patienten würde unentgeltlich behandeln müssen. Dennoch gelang ihm der gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufstieg, er zog in die lange für Juden verbotene Innenstadt, praktizierte und lebte in vier verschiedenen Häusern der Zöllnerstr., zum Schluss in der Nr. 29, wo sich heute eine Weinhandlung befindet. Von seinem Einsatz für die Kranken in der Masch und Blumlage hielt ihn sein Aufstieg indes nicht ab, sein Wirkungsbereich als Armenarzt erweiterte sich sogar mit der Übernahme des Armenkrankenhauses „Am Heiligen Kreuz“ und der Betreuung der Eisenbahnarbeiter. Bis zu seinem Tod im Jahr 1885 setzte er sich unermüdlich für die Schwächsten der Gesellschaft ein. Neben seinem verwitterten Grabstein steht der seiner Frau Betty. Sie entstammte der berühmten Celler Familie Gans, deren guter Ruf und Wohlstand Isaac Jacob Gans einige Jahrzehnte vor Dawoskys Wirken begründet hatte. Auch dieser „große Wohltäter und letzte orthodoxe Jude der Stadt“, wie ihn Maehnert überspitzt bezeichnet, hat an diesem Ort seine letzte Ruhe gefunden.

TRADITIONELLE SYMBOLSPRACHE

„Was bedeuten diese Vögel?“ bringt eine Besucherin das Thema auf die traditionell jüdische Symbolsprache, die sich auf fast allen Grabsteinen findet. „Das sind alles Gänse. Alle Gräber der Familie Gans sind so verziert, auch in Prag sind wir auf dieses Symbol gestoßen“, antwortet Maehnert. Tierdarstellungen sind oft eine Anspielung auf Familiennamen, und ohne direkten Bezug stehen Tiere wie die Eule für Weisheit oder der Adler für Barmherzigkeit. Auf einigen Gräbern – so auch bei Philipp Dawosky – sind zwei Hände in einer Art schützenden Haltung zu sehen, das sogenannte Kohen-Symbol, das die Familie des Verstorbenen als Angehörige der Kohanim, einer Untergruppe der Leviten, also des tempeldienstlichen Stammes unter den zwölf Stämmen Israels, ausweist. Auch ein abgeknickter Baum taucht relativ häufig auf, das Symbol für einen unerwarteten (frühen) Tod.

Nach 1945 formierte sich in Celle überwiegend aus Überlebenden des KZ Bergen-Belsen eine neue jüdische Gemeinde. Zahlreiche Menschen erlebten zwar die Befreiung, waren aber körperlich so entkräftet, dass sie an den Folgen der Lagerhaft starben. Sieben an den Langzeitfolgen Verstorbenen wurden ganz vorne, gleich links hinter dem Eingang auf dem jüdischen Friedhof bestattet. Die Zeremonien leitete Rabbiner Moshe Olewski. Die letzte Beerdigung fand Anfang der fünfziger Jahre statt. In diesem Zeitraum war die Nachkriegsgemeinde schon in Auflösung begriffen. Alle Mitglieder wanderten aus, viele folgten dem Rabbiner nach Brooklyn. Damit schloss sich ein Kapitel der Celler Geschichte.

Auch das mit einem Davidstern verzierte Tor eines laut Maehnert „wichtigen Ortes für die Stadthistorie“ schließt sich hinter uns. Ganz kurz sind sie aufgeblitzt – die Geschichten der Menschen, die als Mitglieder der jüdischen Gemeinde einst Teil dieser Stadt waren und ihre Spuren mehr oder weniger sichtbar hinterlassen haben.

Fotos: Hubertus Blume und Michael Schäfer (C) www.landluft-celle.de, 2015

 

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