Jörg Pippirs – Graffiti-Künstler

Autor:
Aneka Schult-Fietz

Jörg Pippirs ist der Lokalmatador der legalen Sprüher-Szene hier in Celle. Mit seinem neuesten Projekt, Auftraggeber ist die Sparkasse Celle, hat er sich wieder mal ein Denkmal gesetzt.

 

Das von Jörg Pippirs entworfene Motiv ist mit 185 qm das mit Abstand größte Fassadenbild Celles, das in 3 wöchiger Arbeit, unter Zuhilfenahme eines Gerüstes fertig gestellt wurde. Beim Entwurf der Fassadengestaltung hat sich der Celler Künstler vom Wiener Plakatkünstler Lois Gaigg inspirieren lassen, der 1943 das zweite Sparkassenlogo, welches ein zur Spardose stilisiertes S darstellt, entworfen hat. Farblich ist das Grundmotiv an die Corporate Identity der Sparkasse angelehnt und nimmt Bezug auf die Fassadenunterteilungen des neu gestalteten Sparkassenanbaus am Südwall.

 

Entwurf: Jörg Pippirs
Durchführung: Jörg Pippirs / Efraim Kogge
Zeitraum: Oktober 2015
Material: Acrylfarbe / 50 Sprühdosen
Auftraggeber: Sparkasse Celle
Architekten: Simon & Simon Planungsgemeinschaft GmbH
Ein Portrait von Aneka Schult

 

Im Hintergrund rollen die Güterzüge der Osthannoverschen Eisenbahn, am hölzern-kippligen Gartentisch ziehen Enten vorbei. Jörg Pippirs lebt am Fluss, an der Nord-Aller in Celle, in der ehemaligen Gerberei. „Das war die alte Küche“, zeigt er auf sein fast autarkes Domizil. Ein Künstlerhof war die Idee des verstorbenen Vermieters. Eine Art Kunstinsel in der Stadt. Auch der Celler Künstler RWLE Möller habe hier gemalt. Die Farbe, die nun den Garagenhof ziert, stammt aus Pippirs Dosen. Der einstige Revoluzzer, dem die Finger juckten, wenn er weiße Wände sah, wirkt gesetzter. Mit seinen 33 Jahren nimmt er sich dennoch die Freiheit, das Leben nach seiner Fasson zu gestalten. Die Jagden, die er sich mit Ordnungshütern lieferte, sind vorbei. Längst bittet man ihn, Wände zu stylen.

 

Gebürtig aus Hambühren ging Pippirs in Celle zur Schule und von der Realschule ab, um Drucktechnik zu erlernen. Nach der Lehre zum Maler und Lackierer scheiterte eine Umschulung zum Mediengestalter Non-Print. „Zu viel Büroarbeit“, lacht er. Also nahm er sich „eine Auszeit und begann, das Ding mit den Graffiti-Aufträgen auf die Probe zu stellen.“ Und siehe: Auch jenseits des „schwarzen Bereichs“ ließ sich über die Runden kommen. Mit 15 hat Pippirs sein erstes Graffiti-Magazin entdeckt und realisiert, was es außerhalb der „normalen“ Kunstwelt gibt. Er sprang auf den Graffiti-Zug auf und fand einVentil für die Pubertät. „Es reizte, das Illegale zu tun. Ein bisschen bunte Rebellion, ein Stück Outlaw, das hatte was.“ Durch die Musik- und Breakdanceszene kam er mit anderen Graffiti-Malern in Kontakt. Man zog los, Celle unsicher zu machen mit Eddings, selbstgebastelten Markern und Kannen um zu „lacken“, „Train-Yards zu bomben“ und „Lay-Ups auszuchecken“. Damals, Anfang der Neunzigerjahre, hießen die Graffiti-Zentren München, Berlin, Hamburg und Köln. Celle steckte in den Kinderschuhen.

 

Die Mutter hat zunächst nichts mitbekommen. „Ich habe die Dosen bei meinem Vater im Keller versteckt und bin nachts durchs Fenster entwischt“, grinst Pippirs und denkt an den Treff im einstigen „Celler Loch“. Misslang die Flucht, drohten Strafen. Zwei Mal in jungen Jahren wurde Pippirs beim Taggen erwischt und mit Arbeitsstunden diszipliniert. „Wenn du mehrmals haarscharf am Gesetz vorbei schrammst, wachst Du auf.“ Nebenbei hat Pippirs legal gesprüht. So bot die Celler CD-Kaserne, im 19. Jahrhundert noch Kaserne der Cambridge-Dragoner, inzwischen ein riesiges Gelände für Veranstaltungen und Jugendkultur, offiziell Flächen zum Sprühen an. Einen Kodex hatte Pippirs immer: keine Fachwerkhäuser! „Wir hatten nicht nur etwas gegen Betonklötze in den Köpfen, sondern auch gegen Beton so.“ Da ging es ums „Bomben“, ums illegale Sprühen mit auffällig blockigen Buchstaben imGegensatz zum „Wildstyle“. Ob er Tricks kenne, wie so etwas schnell abgeht? „Nee, ich habe nur Tricks, wie es schnell draufgeht“, reagiert Pippirs immer noch anarchistisch.

Was ihn antreibe, sei simple: „Ich liebe Farbe und die Macht, die man mit ihr ausüben kann.“ Mit dem Einstieg ins legale Sprayer-Geschäft kam auch das Geld. Von 1996 bis 2000 gehörte Pippirs zur Berliner Künstleragentur „Graco“. Die Aufträge liefen: Sparkasse in der Bahnhofstraße, Parkpalette in der 77er Straße, das Nebengebäude vom Badeland. Die größten Fische kamen von der SVO Celle: 160 Quadratmeter Fläche in Wathlingen, AVACON in Goslar bot 200 Quadratmeter an. Bunt bemalt geben sich die Trafostationen. Konzeptplaner und Art Director war Pippirs. Momentan arbeitet er an einem Projekt in Lachendorf. 220 Quadratmeter, mehrere Räume der Ganztagsschule gehören ihm. „Seit 2009 läuft das alles so was von positiv“, sagt Pippirs, der neben öffentlichen Aufträgen Garagentore oder Praxisräume besprüht und aktuell eineAusstellung mitorganisiert. Auch klauen müsse er die Farbdosen nicht mehr. Er lässt sie sich bezahlen. Man wird reifer.

Wenn man so lange im Geschäft ist, schwinden dann nicht die Flächen zum Rocken? „Ich bin selbst überrascht von der Nachfrage in Celle“, so der Aerosol-Künstler mit Hang zum Makro-Gigantismus. „Ich hatte Aufträge in Norddeutschland,

Schweden und Portugal, aber der Löwenanteil ist hier. Diese Monopolstellung teile ich mir mit zwei, drei anderen. In Berlin ist die Konkurrenz viel größer. Doch dort wird auch nur mit Wasser gekocht.“ Außerdem gefalle ihm sein Refugium an der Aller. Einen solchen „Arbeitsplatz“ könne man andernorts lange suchen.

 

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