Huth’s Kaffee

Autor:
Redaktion

Die Kaffeekrönung

von Ralf Eibl

Bei Huth’s Feinkost gibt es all das, was es in unserer gleichförmigen Franchisewelt sonst kaum noch gibt. Waren für den Genießer mit Stil und Charakter. Das Kolonialwarengeschäft im klassischen Sinn bietet ein ganzheitliches Einkaufserlebnis und für viele den besten Kaffee der Republik. Und wie der duftet …

An Türschwellen wie diesen darf man gern auf die Knie gehen, dafür, dass es so etwas noch gibt – langsam die Augen schließen und die Sensorik ganz auf die Nase fokussieren. Sobald die schwere Ladentür nämlich ins Schloss fällt, ist man gefangen von der Wucht eines Geruches, den man in dieser Intensität nur kennt, wenn zehn Rastafaris um die Wette kiffen. Doch Joints werden hier nicht angeboten – es sind nur die frisch gerösteten Kaffeebohnen, die in riesigen Glaszylindern mit aufwendig verzierten Kupfersockeln ruhen. Und deren Duft weht mit einer ähnlich intensiven Würze über den Tresen. Unser Näslein ist schon ganz verwirrt ob dieser vielen Aromaspitzen, die in sich Spuren von Kakao, Karamell, Asche, Gewürzen und Schokolade präsentieren. Zudem gibt es solche Geschäfte wie „Huth’s Kaffee und Feinkost“, das bereits 1851 als „Colonial- und Materialwarengeschäft“ gegründet wurde, eigentlich gar nicht mehr – und schon gar nicht in unserer Franchisewelt, welche die innenstädtischen Einkaufswelten zunehmend veröden lässt, ganz gleich ob die Fassaden nun aus Fachwerk oder postmodernem Beton sind. Doch jenseits von Apple-Stores, Nespresso, Nordsee und der zehntausendsten Starbucks-Filiale erwartet den ganzheitlich orientierten Erlebnis-Shopper hier noch ein richtiger massiver Tresen, der stolz ist auf seine Gebrauchsspuren aus dem Lauf der Jahrzehnte und dessen Regalfächer, Schubladen und Schatullen – neben Kaffeebohnen von den besten Plantagen der Welt – lange vermisste Delikatessen zutage befördern: Ich habe für mich beispielsweise, obwohl damals selbst in Berlin wohnend, erst bei Huth in Celle die famosen Edelbitterschokoladen von Erich Hamann aus Berlin-Wilmersdorf entdeckt, die in einer Retroverpackung daherkommen, als habe gerade erst das Jahre 1954 begonnen. Ein bitter-süßer Genuss!

Und so findet jeder Feingeist etwas nach seinem Gusto: ob nun Bienenhonig aus der Lüneburger Heide, schottischer Lachs und russischer Kaviar, Kemm’sche Kuchen in der klassischen Gebäckdose, Rumfrüchtetee, Land’s Apfelkraut-Konfitüre, Kardamom, Ingwerspitzen oder Anis de Flavigny Cassis, also französische Bio-Bonbonpastillen. Vorgeführt und verkauft wird all das noch von echtem Fachpersonal in Schlips und Kragen, das auch weiß, wie man beim Kunden die Geschmacksnerven anregt. Mit Stil und Etikette. In den Gründungsjahrzehnten wurde von hier aus noch der königlich-hannoversche Hof, ein paar Straßen weiter, bedient, und zwar mit Nutzwaren wie Kerzen, Petroleum, Scheren, Feilen oder Garn.

Aus diesen Jahren stammt auch das königliche Wappen des Hauses Hannover an der Fachwerkfassade über dem Entree. Aufgrund einer polizeilichen Anordnung sollte das Schild 1886 beseitigt werden, erzählt Doktor Joachim Schwanitz, der heutige fünfte Besitzer des Traditionsgeschäftes – sein Vater übernahm Huth’s 1948. Es gab zwar damals politisch korrekt keinen hannoverschen Hof mehr, sondern nur noch die preußische Hegemonialmacht, doch habe dieser Umstand Hermann Bock, der als zweiter Besitzer das Geschäft von Friedrich Huth übernommen hatte, überhaupt nicht gepasst. Und so griff dieser des Nachts in die Trickkiste und ließ den hannoverschen Löwen zu einem Schafbock aus der heimischen Heide mutieren. Das Schild schmückt noch heute Huth’s Kaffee.

Schwanitz muss mächtig schmunzeln, als er die Posse zum Besten gibt, und nimmt noch einen Schluck vom – na, Sie wissen schon – frisch aufgebrühten hauseigenen Kaffee. Der Endfünfziger, 1956 in Celle geboren, ist inmitten dieser wundersamen Welt der Gerüche und Kolonialwaren aufgewachsen, was ein wunderbarer Abenteuerspielplatz gewesen sein muss. Joachim Schwanitz ist eigentlich promovierter Jurist und hat eine Anwaltskanzlei im selben Gebäude, und doch schlägt sein Herz viel kräftiger für das eigene Geschäft. Das mag vielleicht am Kaffee liegen, und man kann mit ihm über selbigen reden wie mit Winzern über ihre besten Lagen. Am Tresen gibt es die Bohnen in den verschiedensten Sortierungen. Als Hausmischungen, ob nun Schümli, Karlsbader, Perl oder Das Feinste, als Länder- und Lagenkaffees, als reizarmer oder entkoffeinierter Spezialkaffee sowie als diverse Espressi.

Im Hinterhaus rösten Schwanitz und seine Mitarbeiter so gut wie täglich im Luftstrom einer Gebläsemaschine aus dem Jahr 1964. Hier hinten im rustikalen Röstraum, den andere Etablissements vielleicht längst zur Probierstube umfunktioniert hätten, weil sich so noch eine höhere Rendite erziele ließe, stapeln sich die handverlesenen Kaffeebohnen in siebzig Kilogramm schweren Jutesäcken. Allesamt edle Gewächse, welche von vielen Geschäften gar nicht erst angeboten werden, weil zu wenig von diesen Qualitätssorten aus den Hochlagen der Anbaugebiete über den Ladentisch geht. „Je höher er wächst, desto feiner schmeckt er“, sagt Schwanitz; bei etwa 1.500 Höhenmetern sei die Grenze. Während Huth in erster Linie Auslesebohnen erhält und diese bei zweihundert Grad schonend röstet, verarbeitet die Industrie ihre Büschelware in Röststraßen bei viel höheren Temperaturen zwischen vierhundert und sechshundert Grad. Und wenn Schwanitz vor dem Gebläseofen steht, vollzieht er jedes Mal ein handwerkliches Meisterstück. Der Grad zwischen gut geröstet und verbrannt ist nämlich ein schmaler und hängt stark von der Menge, Sorte und Größe der diffizilen Böhnchen ab. Die Absturzgefahr ist riesig: „Es passiert durchaus des Öfteren, dass Bohnen nicht aufgehen und stattdessen explodieren oder zu brennen beginnen.“ So viel Suspense bekommt Doktor Schwanitz als Anwalt nicht unbedingt immer geboten. Neben dem Hausherrn selbst hat vor allem der Bruder seiner Lebensgefährtin den nervenstarken Job des Röstens übernommen, und das obwohl dieser vorher reiner Teetrinker war. So sind die Röstnoten von Huth’s Kaffee und Feinkost in jedem Fall vielschichtiger als bei den industriellen Massenwaren, sie sind selten gänzlich identisch, aber stets voller und komplexer im Aroma.

Verpackt halten sich die Bohnen drei bis vier Wochen, ohne spürbar an Qualität zu verlieren. Joachim Schwanitz verkauft seine Ware deswegen zumeist in den kleineren 250-Gramm-Packungen – womit wir dann auch wieder beim sensorischen Erlebnis wären: Diese sind nämlich wunderschöne, von einer Pergaminhülle ummantelte Aluminiumfolien-Kleinkunstwerke. In der Mitte des Labels steht prägnant eine Heidschnucke. Die Typografie sowie die rote Signalfarbe unterstreichen deren Präsenz nur noch, und die Gesamtheit des Pakets erinnert an längst vergessene, aber glorreiche Zeiten des bundesrepublikanischen Verpackungsdesigns. Der Höhepunkt kommt allerdings erst, wenn die Nase am Pergamin entlang langsam aufwärtsstreicht, hier und da voller Vorfreude ein wenig in die Verpackung piekst und dann an der Faltung in die Öffnung einer kleinen Ritze vorstoßen will. Von hier entströmt ein Geruch, dem wir uns nun gänzlich hingeben wollen. Legale Drogen sind irgendwie doch auch was Schönes. http://www.huthskaffee.de/shop/cms,wir

Fotos: Wolfgang Stahr

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