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Hostmann-Steinberg in Celle, Huber Gruppe

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So kommt die Farbe in den Topf

oder

Farbe bekennen in Celle

Von der Schwarzen Kunst redet heute niemand mehr. Johannes Gutenbergs Rezept für Druckerschwärze wird zwar fast unverändert verwendet, aber mittlerweile ist Farbe Trumpf. Bedruckt wird alles: Papier, Karton, Folien und Metall. Für manchen Kundenwunsch muss die passende Farbe jedoch erst noch entwickelt werden. Das Celler Traditionsunternehmen Hostmann-Steinberg versorgt Drucker in mehr als hundert Ländern mit dem Stoff, der Farbe in unsere Warenwelt bringt.

Fabrikation

Michael Busch, Chemiefacharbeiter, eins neunzig groß, schüttet zinnoberrotes Pulver in den Dissolver. Ein Rührwerk erfasst die Pigmente in dem großen Stahlkübel und pflügt sie in einer öligen Masse unter. Hier, in der Wiegerei des Celler Druckfarbenherstellers Hostmann-Steinberg, wird Farbe zum sinnlichen Erlebnis. Es ist ein beinahe hypnotisierendes Bild: So zähflüssig, wie sich das harzige Öl, der Grundstoff der Farbe, im Dissolver bewegt, so träge nimmt es auch den leuchtenden Ton des Pigmentpulvers an.

Der Auswieger Busch, der das schon tausendmal gesehen hat, kann sich allerdings nicht in diesen Anblick versenken. Er prüft auch nicht nach Augenschein, ob die Farbe, die er anmischt, die gewünschte Sättigung erreicht hat. Vielmehr hat er penibel darauf zu achten, dass die Pigmente für die jeweils anstehende Charge auf das Gramm genau dosiert sind. Busch ist seit 28 Jahren bei Hostmann-Steinberg. Sein Vater hat hier schon gearbeitet, sein Sohn tritt gerade in seine Fußstapfen. Keine Seltenheit in dem Celler Traditionsunternehmen, das 2017 zweihundert Jahre alt wird.

Historisches

Johannes Gutenberg, der Erfinder der Schwarzen Kunst, hat seine Druckfarben noch selbst angemischt. Er nahm dazu Leinöl, versetzte es mit Baumharzen und Ruß als Farbstoff. Das ist bis heute das Grundrezept für Druckerschwärze: Man nehme siebzig Prozent Bindemittel, das aus mit Ölen verkochten Harzen besteht, verrühre dies mit zwanzig Prozent Pigmentpulver und füge am Schluss zehn Prozent der zahlreichen weiteren Hilfsmittel hinzu. Das Bindemittel ist für die Eigenschaften der Farbe entscheidend: Soll sie glänzend oder matt aufgetragen werden, auf Papier, Folie oder Metall haften, an der Luft oxidieren, unter UV-Licht ausgehärtet werden oder in den Bedruckstoff eindringen?

Kunden-Wünsche

Die Wünsche der Kunden stellen die Celler jeden Tag vor neue Herausforderungen. „Bei den Hilfs- und Bindemitteln nähern wir uns dem Bereich wohlgehüteter Firmengeheimnisse“, sagt Martin Overhageböck, der Geschäftsführer von Hostmann-Steinberg. Schon für die Grundsubstanz, das Bindemittel, werden ganz verschiedene Harze sowie mineralische und pflanzliche Öle (mineralische und pflanzliche) verwendet. Das Farbpulver beziehen die Celler von Spezialherstellern, unter anderem von einer konzerneigenen Pigmentfabrik in Indien.

Fabrikation

Wenn Michael Busch mit einer Charge fertig ist, wird der achthundert Kilogramm schwere Stahlkübel von einem Staplerfahrer abgeholt und in die Nassvermahlung gebracht, denn gemischt ist noch nicht wirklich gemischt. In Buschs Dissolver bleiben nämlich noch Klümpchen zurück, die kein Drucker in seiner Farbe sehen will. Deshalb muss die Rohmasse anschließend homogenisiert werden. Für die in großen Mengen produzierten Grundfarben Gelb, Magenta, Cyan und Schwarz erledigt dies die Rührwerkskugelmühle. Die darin rotierenden Stahlkügelchen zermahlen auch noch das kleinste Klümpchen. Sonderfarben in kleineren Mengen werden hingegen auf sogenannten Dreiwalzenmaschinen homogenisiert, die nach jedem Durchlauf gewaschen werden und dann wieder für andere Farben zur Verfügung stehen. „So eine Spezialmaschine kostet so viel wie ein kleines Einfamilienhaus“, sagt Michael Hoppe, der Prokurist der Firma. Ein gutes Dutzend davon steht in der Nassvermahlung nebeneinander aufgereiht.

Von hier aus gehen Behälter und Inhalt nun getrennte Wege: Die Kübel wandern in die nächste Halle, wo eine ganze Batterie gewaltiger Spülmaschinen auf sie wartet, die Farbe kommt in einen Mischbehälter oder gleich in die Abfüllanlage. Die Kunden bekommen das fertige Produkt in Dosen, Fässern oder auch in Kartuschen, die auf die Druckmaschinen aufgesteckt werden. Ein Kilogramm Druckerschwärze kostet bei Hostmann-Steinberg nur 1,50 Euro. Für Farben muss man dann schon das Zwanzig- bis Dreißigfache hinlegen, und die Preise für Spezialfarben sind durchweg dreistellig.

Farbmengen

Ein Kilo kauft natürlich kaum jemand. Die Großdruckereien der Buch- und Zeitungsverlage verbrauchen die Farbe tonnenweise. Was das heißt, veranschaulicht Overhageböck mit eindrucksvollen Zahlen: „Mit den heutigen Offsetdruckverfahren reicht ein Kilo, um rund dreitausend Quadratmeter Zeitungspapier zu bedrucken.“ So dünn werde die Farbe aufgetragen. Dreitausend Quadratmeter bedecken nicht ganz ein halbes Fußballfeld. Die Vorstellungskraft wird jedoch sofort von der nächsten Zahl gesprengt: „Wir produzieren in Celle zweihundert Tonnen Farbe am Tag, sechzigtausend Tonnen im Jahr.“ Damit ist der Celler Betrieb einer der größten der in München ansässigen Huber-Group, die Hostmann-Steinberg 1977 übernommen hat. Mit ihren insgesamt vierzig Tochterfirmen auf allen Kontinenten gehört die Huber-Group zu den drei größten Druckfarbenherstellern der Welt. Die Celler Belegschaft, ein Achtel der insgesamt 3.600 Mitarbeiter, trägt ein Sechstel zum Konzernumsatz von 850 Millionen Euro bei.

Farbvielfalt

Von der Schwarzen Kunst redet mittlerweile niemand mehr. Heute gilt es, Farbe zu bekennen. Der einst von Hostmann-Steinberg mitentwickelte HKS-Farbfächer mit seinen 3.520 Volltonfarben, früher die im wahrsten Sinne des Wortes tonangebende Norm für Drucker und Grafiker, ist nur noch eine von vielen international gebräuchlichen Farbpaletten. „Es gibt zwanzigtausend Rezepturen für zwanzigtausend Farben“, sagt Overhageböck. „Bringen Sie uns ein Farbmuster und sagen Sie, was damit bedruckt werden soll – wir liefern Ihnen die Farbe in spätestens 48 Stunden.“

Übernahme

Ein Familienunternehmen ist Hostmann-Steinberg zwar auch nach der Übernahme durch Huber geblieben, nur eben nicht mehr ein niedersächsisches. Von den Nachkommen der Gründer waren zuletzt die Brüder Ernst und Heinrich Steinberg in der Firma tätig. Beide waren schon jenseits des Rentenalters, als sie sich in den 70er-Jahren nach Käufern für ihr Unternehmen umsahen. Kurz zuvor war ein anderes Celler Traditionsunternehmen, die Keksfabrik Trüller, von einem amerikanischen Süßwarenkonzern übernommen worden. Bei Trüller gingen daraufhin ziemlich bald die Lichter aus, und das wollten die Steinbergs nicht. Deshalb kam bei ihnen nicht der Meistbietende zu Zug, sondern die Michael Huber GmbH in München, die als Familienunternehmen die beste Perspektive für die Fortführung des Unternehmens bot. Auch Georg Hostmann, der nicht selbst im Unternehmen aktiv war, gab seine Anteile an Huber ab.

Ganz einfach sei das Zusammenwachsen von Bayern und „Preußen“ nicht gewesen, sagt Michael Hoppe, der als 15 Jahre alter „Stift“ noch die Firmenpatriarchen Steinberg erlebt hat und als Prokurist nun auf 41 Jahre Betriebszugehörigkeit zurückblickt. Doch die neuen Eigentümerfamilien, die gleichfalls nicht mehr im operativen Geschäft tätig sind, enttäuschten die Celler nicht: Umsatz und Belegschaft wuchsen kontinuierlich. „Heute sind wir eine Huber-Group“, sagt Geschäftsführer Overhageböck selbstbewusst. Auch die Stadt Celle hat von der Fusion profitiert. Was die wenigsten wissen: Die 32 Mann starke Betriebsfeuerwehr von Hostmann-Steinberg, ausgerüstet mit allerlei Spezialgerät, ist auch außerhalb des Betriebsgeländes zur Stelle, wenn es brenzlig wird. Tragisch endete nur das Leben des Teilhabers Georg Hostmann und seiner Frau: Am 25. Juli 2000 saßen sie in der Concorde, die beim Start in Paris Feuer fing und nach wenigen Minuten am Boden zerschellte. Alle 109 Insassen der Maschine kamen dabei ums Leben.

Farb-Philosophie

Farben gehen unter die Haut. Sie sprechen das Unterbewusstsein an. Die Natur selbst hat uns darauf dressiert. Das vorlaute Rot des Klatschmohns und das stechende Blau der Kornblume verbinden wir mit Überschwang und Vitalität, die dunklen Töne des Herbstes mit Abschied und Trauer. Manche Menschen sehen Töne, Tonarten, Buchstaben, Ziffern oder gar Düfte farbig. Bei diesen besonders begabten Synästhetikern verschmelzen sinnliche Reize, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, zu Stimmungen. Ganz normal ist hingegen, dass wir Farben als warm oder kalt empfinden. Man spricht nicht umsonst von Farbtemperaturen.

Kein Wunder, dass Farben ein Lieblingsmedium der geheimen Verführer unserer Warenwelt sind. Während im Zeitungsgewerbe die Auflagen zurückgehen und damit auch der Bedarf an Farben für den Rollen- und Bogenoffsetdruck sinkt, wächst das Geschäft der Verpackungsindustrie. Bedruckt wird alles – aber noch steht nicht für jede mögliche Verwendung auch die passende Druckfarbe zur Verfügung. Lebensmittel, zum Beispiel, dürfen nicht die kleinsten Spuren der Farben enthalten, mit denen ihre Verpackung bedruckt ist. Aber keine Folie ist so dicht, dass sie nichts durchließe; auch nicht der Aluminiumdeckel auf dem Töpfchen mit Kaffeeweißer, den Overhageböck in der Hand hält.

„Deshalb sind sogenannte migrationsarme Farben ein großes Thema“, sagt Overhageböck. Für diese Sparte wurden eigene Produktionshallen errichtet, in denen Druckfarben nach den Reinheits- und Hygienevorschriften für die Erzeugung von Lebensmitteln produziert werden. Sogar das Schmierfett für die Maschinen wird auf seine Unbedenklichkeit hin geprüft. Der 43 Jahre alte Chemieingenieur Overhageböck, der von Celle aus die Entwicklungsabteilungen in zehn weiteren Betrieben der Huber-Group steuert, hat sichtlich Freude an diesen Herausforderungen: „Die Druckmaschinen werden immer leistungsfähiger, sie bekommen neue Farbwerke mit mehr oder weniger Rollen. Man entwickelt neue Bedruckstoffe, die vielleicht noch glatter sind. Die Farbe muss alle diese Entwicklungen mitmachen. Das hört nie auf.“

Versandwege

In der Versandabteilung werden die auf dem Fließband heranrollenden Behälter automatisch mit Strichcodes versehen. So lässt sich jederzeit zurückverfolgen, in welcher Schicht und an welcher Maschine dieses Gebinde produziert wurde. Und auch das, was jetzt noch an Handarbeit bleibt, wird maschinell unterstützt. Die Versandarbeiter müssen die schweren Farbeimer nicht mehr mit reiner Muskelkraft auf die Paletten wuchten, sie erledigen das nun mit einem handgeführten Kran. Von hier aus gehen die Farben aus Celle in mehr als hundert Länder der Welt. Eine Spur davon hat auch auf meinem hellgrauen Jackett die Fabrik verlassen.

Text: Stefan Dietrich

Fotos: Wolfgang Stahr

 

 

 

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