Hirschbrunft in Starkshorn, Landkreis Celle

Autor:
Redaktion

Hirschbrunft

Starkshorn – Schau- und Hörspielplatz der besonderen Art

Ein Bericht von Florian Friedrich

Hirschbrunft in Starkshorn

Jedes Jahr im September, wenn die Sonnenstrahlen das Laub in den Kronen der Bäume vergolden, feiert das Rotwild Hochzeit. Normalerweise herrscht in den endlose Wäldern, versteckten Lichtungen und weiten Wiesen in der Umgebung von Starkshorn Ruhe. Doch wenn im Herbst die Hirschbrunft beginnt, wird der kleine Ort bei Eschede drei Wochen lang zum Hotspot für Rotwildrudel-Watching und Hirschröhren.

Ab 16 Uhr parken Autos von Hamburg bis München dicht an dicht am Straßenrand. Heide-Touristen, Pilzsammler, Familien mit Kindern und Hunden, Förster und Landwirte sind dabei. Bewaffnet mit Kameras, Feldstechern, Flachmännern, belegten Brötchen und Thermoskannen, starren sie über die weiten Grünflächen zum Waldesrand und warten auf den großen Moment. Während des Wartens wird über die Hirsche gefachsimpelt, beispielsweise, dass sie nicht brüllen, sondern röhren, dass sie nicht galoppieren können, sondern traben und dass ihre Ohren Lauscher heißen.

Plötzlich, in etwa 170 Metern Entfernung, taucht am Waldesrand ein Rotwildrudel auf. Rund 40 Hirschkühe (Kahlwild) versammeln sich nach und nach auf dem Äsungsplatz, in ihrer Mitte der Platzhirsch. Wachsam, mit weiten Schritten stolziert er durch sein Rudel und dann endlich reckt er den Kopf in die Höhe und röhrt – schaurig schön, laut und bedrohlich. „Ein Vierzehnender“, meint ein Landwirt, der ihn durch sein Fernglas beobachtet, „ und ein ziemlicher Prachtbursche dazu.“

Dieser Prachtbursche ist bis zur Brunft mit einem kleinen Hirschrudel durch die Wälder gezogen, getrennt vom Rudel der Hirschkühe mit ihren Kälbern. Erst zur Paarungszeit löst sich das der Hirsche schlagartig auf. Bis dahin hat er sich das Maximum an Gewicht angefressen. Er wiegt jetzt etwa 200 Kilo. Und die braucht er, denn in den Wochen der Brunft, nimmt er kaum noch Nahrung auf. Sein Testosteronspiegel ist rasant gestiegen. Er muss kämpfen, um ein Rudel Hirschkühe für sich zu gewinnen. Er wird sein Geweih senken und mit Wucht gegen das seines Nebenbuhlers stemmen und ihn in die Flucht schieben. Ist er siegreich aus der Schlacht hervorgegangen, muss er sein Rudel gegen neue Rivalen verteidigen.

Oft kommt es dabei zu erbitterten Duellen. Gefährlich wird es in dem Moment, wenn sich die Geweihe von einander lösen. Sollte dann einer der Hirsche nachsetzen und sein Geweih in die Bauchdecke des Gegners stoßen, kann das den Tod des Tieres bedeuten.

Die Paarungszeit kostet den Platzhirsch all seine Kraft. Er muss wachsam sein, Imponiergehabe zeigen, Potenz und Kampfgeist beweisen und sein Röhren muss so bedrohlich klingen, dass seine Konkurrenten schon im Vorfeld einen Bogen um ihn machen. Nach der Brunft hat ein Hirsch etwa 25 bis 30 Prozent seines Gewichts verloren. Sein Hormonspiegel sinkt. Er wird seine Damenwelt verlassen, eine Weile allein durch seine Welt wandern und dann wieder friedlich, ohne jedes Macho-Gehabe, ein Rudel mit seinen Geschlechtsgenossen bilden.

Ihre Geweihe werfen die Hirsche ab. Bis zur nächsten Brunftzeit wächst ihnen ein neues, innerhalb von nur etwa 120 Tagen. Dieser rasante Wachstumsprozess wird wissenschaftlich erforscht, um möglicherweise Hinweise zur Behandlung osteoporotischer Knochen von Menschen zu gewinnen. Die Universität Hildesheim hat nämlich herausgefunden, dass ein Hirsch für die Geweihbildung Knochenmasse anderer Knochen abbaut und nachdem der Geweihaufbau abgeschlossen ist, die zuvor abgebauten Knochen regeneriert. Hier ist der Hirsch dem Menschen deutlich voraus.

Das Landkreis Celle hat die höchste Rotwilddichte Niedersachsens. Der Bestand wird auf rund 5000 Stück geschätzt. Etwa 2.100 Stück davon werden jährlich zum Abschuss freigegeben. Zusätzlich wird das Rotwild durch Zusammenstöße mit Autos bedroht.  Sein Lebensraum wird durch die vielen Straßen begrenzt. „Geschwindigkeiten bis 50 Stundenkilometer kann das Wild einordnen und so bei gebührendem Abstand durch die Lücken zwischen Autos hindurch schlüpfen,“ gibt Kreisjägermeister Hans Knopp zu bedenken. Er hat darum durchgesetzt, dass bei Treib- und Drückjagden am Straßenrand das 50iger Tempolimit Schild aufgestellt wird.

Solange das scheue und störempfindliche Rotwild im Celler Land seinen ruhigen und sicheren Lebensraum findet, wird jedes Jahr in den Wäldern um Starkshorn das beeindruckende Röhren der Hirsche zu hören sein.

Fotos: Manfred Delpho/Jan Piecha (C) www.landluft-celle.de

Themen:
Starkshorn

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