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Hengstparade, Landgestüt Celle

Autor:
Redaktion

Hannoveraner – Hufeschwingen im Staatsdienst

Ein Bericht von Jan Tönjes, Chefredakteur des Reitsportmagazins „St. Georg“ für “LANDLUFT – Cellerland Magazin 2012”

Heinrich Schumacher, 55, ist heute ein „Schumi“, zumindest ein bisschen. Der „Gestütsoberwärter“, im Fachjargon des Landgestüts Celle kurz GOW, hat einen Flitzer mit 12 hölzernen Speichen, die Radnaben glänzen gülden, royales Rot und auf Hochglanz poliertes Schwarz wechseln sich ab, eine der Königskutschen für die Hengstparade. Die rote Version nebenan hat sogar kleine Krönchen auf dem Dach. Fest steht: Staatskarossen waren früher einfach schöner als das prosaische Einheitsanthrazit der Nobelmarken heutiger Weltenlenker. Erstes Oktoberwochenende 2011: Bei der Vorbereitung ist zweibeinige Manpower gefragt, um die vierbeinige Horsepower zu koordinieren, die für den Antrieb zuständig ist. Angespannt sind schon Sao Paulo (der Vater von Isabell Werths
Dressur-Mannschaftsolympiasieger Satchmo), Don Bosco, Chivas, Embassy, Emeritus und Goodman. Die sechs dunkelbraunen Hengste, die das edle Gefährt gleich auf den Paradeplatz ziehen werden, sind „Landbeschäler“. Hengste, die zwischen Februar und August über ganz Niedersachsen verstreut stehen, um ihrem Hauptjob nachzugehen: Nachwuchs für die Hannoveranerzucht zeugen.

Bewegung, gesunde Ernährung, optimale Betreuung und täglich Sex – es gibt Arbeitsplatzbeschreibungen der Landesbetriebe Niedersachsen, die unattraktiver klingen. Doch diese Wellnessphase auf den „Deckstellen“, wie die Bungalows mit eingezäuntem Vorgarten, den „Paddocks“, zwischen Ostfriesland und Kehdingen, zwischen Emsland und Solling heißen, endet Mitte August. Dann kommen alle Hengste wieder nach Celle. Sie „rücken ein“. So heißt das schon seit Gründung des Gestüts 1735, wenn sich die innen weiß gekalkten hohen Stallungen des Landgestüts Celle wieder füllen. Ungefähr 140 Vatertiere sind es, eben mit der Auszeichnung „Landbeschäler“. Das interessiert die Titelträger freilich wenig. Denn für sie ist mit dem Einrücken erst einmal Schluss mit Dolce Vita. Von da an steht Üben für die Hengstparaden auf dem Programm. Manch ein Hengst wird allerdings auch weiterhin „abgesamt“, wie der wenig romantisch anmutende Akt auf dem Phantom genannten Lederbock offiziell heißt. Auf das Wertvollste, was die Celler Landbeschäler von sich geben können, ihr Sperma, wartet dann allerdings nicht eine Stute, sondern zunächst flüssiger Stickstoff. Das wertvolle Nass wird tief gefroren in kleinen Röhrchen. So kann die begehrte Genetik von Celle aus in die ganze Welt verschickt werden. Nachwuchs aus der Kälte, ein Exportschlager. Denn das Markenzeichen Hannoveraner ist unter Pferdezüchtern international gefragt. Der Hannoveraner Zuchtverband ist der größte seiner Art weltweit. Längst gibt es Dependancen auf allen Kontinenten. Entsprechend begehrt sind die kleinen Röhrchen in den Kühlcontainern, die sich von Celle aus auf den Weg rund um den Globus machen.

Doch sonst dreht sich nun für die niedersächsischen Staatsbediensteten mit dem dicken Fell alles um die Hengstparaden. Vier sind es, dieses Jahr am letzten Wochenende im September und am ersten Anfang Oktober, Beginn immer um 13 Uhr. Dann, wenn die Turmuhr auf dem Dach des Grabenseestalls mitten in Celle das Signalzeichen gibt. Wenn die Blicke der 4000 Zuschauer sich in Richtung des Einritts bewegen. Dort, wo hinter den grünen Wipfeln Staubschwaden aufwirbeln. Sie künden von den unzähligen Hufen der Protagonisten der kommenden vier Stunden.

Hengstparaden gibt es schon seit mehr als 100 Jahren. Die roten Klinker der Celler Stallungen, die über die weißen Dächer der extra für die Paraden aufgestellten Tribünen ragen, könnten viel davon berichten. Könnten erzählen, wie aus manch jugendlichem Heißsporn, allmählich eine veritable Hengstpersönlichkeit erwuchs. Mal vor der Kutsche, mal in der großen Dressurquadrille mit 24 Hengsten – Abschluss und Höhepunkt einer jeden Parade –, wenn die Reiter des Gestüts den roten Rock mit den langen Schößen und den goldenen Knöpfen tragen, die Galauniform.

Unter den Zuschauern sind viele, die Jahr für Jahr kommen. Hengstparade ist ein generationen- übergreifender Familienspaß. So wie früher vielleicht „Wetten dass ..?“ Im Celler Rund heißen die Konstanten Ungarische Post, römische Kampfwagen, Zehnerzüge und Aktionstraber. Was Gottschalk die schrillen Outfits plus Fusselfrisur sind, das sind den Aktionstrabern ihre weißen Zaumzeuge mit den vor der Stirn gekreuzten Zierriemen. Die Beaus sind so etwas wie das Fernsehballett des Landgestüts: Ihr Job ist es, die Beine zu schmeißen. Da geht ein Raunen durch die Züchterschaft am Rande, je höher der Vorderhuf nach oben schnellt, desto größer die Begeisterung. Aber echte Fachleute, die Alten, die immer dabei sind, schon seit Jahrzehnten, schauen auch auf das Hinterbein. Das soll nämlich ebenfalls kraftvoll abdrücken. Was für die jungen Herren, die neben den Aktionstrabern laufen und mit dem Tempo der Hengste mithalten müssen, in diesem Moment wohl eher von zweitrangigem Interesse ist – rennen und bloß nicht stolpern, ist ihre Devise.

Während sich die jungen Gestüter also in der Arena die Lunge aus dem Leib laufen, bereiten sich deren junge Kolleginnen auf ihren besonderen Auftritt vor: Sie sitzen mit Dreispitz und mächtig viel Rüschen auf ihren Hengsten. In Röcken! Deswegen im Damensitz: Ein Bein liegt normal am Leib des Pferdes, das andere wie im Schneidersitz über einem Horn, das vorne am Sattel angebracht ist. Kaiserin Sissi jagte so im gestreckten Galopp durch die Wälder Österreichs. Und auch die Queen nahm in dieser Position ihre Geburtstagsparade ab. Elisabeth II. ist nicht nur eine Regentin, in deren Stammbaum das Haus Hannover eine wichtige Rolle spielt, sie ist auchpferdeverrückt. Als sie einem Auftritt der Celler Hengste in England nicht beiwohnen konnte, bat sie kurzerhand die Abordnung zur Audienz. Ein perfekter Deal – sie arrangierte den Five o’Clock Tea, die Celler zeigten einen Ausschnitt aus dem Hengstparadenprogramm. Die roten Uniformen, die golden eingefassten Satteldecken und vor allem die kraftvollen Hengste – sie sind attraktive Markenzeichen. Auch nach Übersee sind schon Hengste geflogen.

Für die Zuschauer der Celler Hengstparade, die nicht zum Stammpublikum zählen, muten die Namen einiger Schaunummern befremdlich an: die Zweifache Fahrschule? Das hat nichts mit einem unbeschrankten Bahnübergang zu tun, ist aber mindestens so kompliziert wie die Straßenverkehrsordnung. Ein Reiter sitzt auf einem Hengst, den er mit Zügeln lenkt. Zusätzlich führt er aber vor sich einen zweiten Hengst, mit dem er über ein Paar lange Zügel verbunden ist. Der Hengst, der vorne geht – ohne Reiter – soll traben. So wie die Aktionstraber. Die Zuschauer staunen. Der Reiter muss zwei Pferde koordinieren. Das ist nicht einfach. Wenn nämlich einer der beiden Hengste meint, vom Navi zu hören: „wenn möglich, bitte wenden“ oder abrupt stoppt, dann haben gleich drei Lebewesen ein Problem und zehn Beine wollen wieder in Spur gebracht sein. Wenn das wieder geglückt ist, dann müssen die XXL-Zentauren auch noch unbeschadet über den Vorbereitungsplatz zurück in Richtung Stall manövrieren. Vorbei zum Beispiel an den mächtigen Hannoveraner Kaltblütern, die vor Traberkarren gehen, hölzernen Einachsern mit großen Speichenrädern, auf denen es ganz schön schaukeln kann. Oder vorbei an den polternden, bunten Hindernisstangen, über die gerade noch im Parcours gesprungen wurde. Heinrich Schumacher hat ungleich mehr in der Hand an diesem sonnigen Oktobersonntag 2011: Vor der Postkutsche sind mittlerweile zehn Hengste angespannt worden. Die Leinen, so und nicht Zügel heißt es, die von den Gebissen im Zaumzeug zum Kutscher führen, sind lang und zig Kilogramm schwer. Um die 100 Meter Leder landen in Heinrich Schumachers Händen. Da ist Fingerspitzengefühl gefordert, vor allem aber Kraft. Denn jede Wendung erfordert ein Umgreifen. Der Gestütsoberwärter hat buchstäblich alle Hände voll zu tun. Zehn Hengste, fünf Paare, 13 Meter Energie an der Deichsel! Das sind übrigens weitaus mehr als nur zehn Pferdestärken, wie man denken möchte. Das sind bei maximaler Anstrengung gute 200 PS. Fast Formel-1-Qualität.

 

Text: Landgestüt

Auch in diesem Jahr werden Gastauftritte in die traditionellen Programmpunkte eingebettet. Am ersten Paradewochenende wird Vincent Liberator mit seiner sensationelle Freiheitsdressur auftreten.

Das zweite Paradewochenende steht unter dem Motto “25 Jahre Deutsche Einheit – Jubiläumshengstparade”. Zu Gast sein wird der Mehrspänner aus Neustadt Dosse, die Lützower Jäger aus Redefin und ein weiteres Highlight wird dem Publikum mit Tra-Volta – Vom Pferderücken aufs Trabidach – die Voltigier-Show der (n)ostalgischen Art, geboten.

Sichern Sie sich rechtzeitig Ihre Eintrittskarten und erleben Sie einen unvergesslichen Nachmittag unter dem Motto „Celler Hengste und ihre Gäste“ in einem der schönsten Gestüte Deutschlands!

“Klassische Hengstparaden”
Samstag, 26.09.2015, 13.00 Uhr

Sonntag, 27.09.2015, 13.00 Uhr “25 Jahre Deutsche Einheit – Jubiläumshengstparade”Samstag, 03.10.2015, 13.00 Uhr 
Sonntag, 04.10.2015, 13.00 UhrTickets für die Hengstparaden bekommen Sie direkt im Gestüt unter den Telefonnummern +49 5141 92940 und +49 5141 929415 oder auf eventim.de.

Fotos: Jacques Toffi; (C) www.landluft-celle.de, 2015

 

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Raum Celle

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