Heidschnuckenbockauktion in Müden/Örtze

Autor:
Redaktion

„Die Graue Gehörnte“

Landschaftspfleger auf vier Beinen

Autorin: Susanne Hassenkamp, Fotos: Hubertus Blume

Dicht aneinandergepresst rast die graue blökende Herde vom Heidehügel zwischen Wachholder, Birken und alten Eichen herunter zum Bach. Staub wirbelt auf. Der Boden dröhnt. Das Blöken wird lauter. „Raus!“, brüllt Carl-Wilhelm Kuhlmann seine beiden Hütehunde an. Prompt hören Kyra und Rudi auf zu treiben und sind an seiner Seite. Kuhlmann, diplomierter Agrarwissenschaftler, hat die beiden im Griff. Und die Hunde die Herde – 500 Schnucken. Dazu ein Bock, der beste. Er sorgt für exzellenten Nachwuchs und als Alleinherrscher für den präzisen Vaterschaftsnachweis bei der Eintragung im Herdbuch.

Pechschwarz kommen die Lämmer zwischen Januar und März auf die Welt. Im Verlauf eines Jahres wechselt die Farbe des Fells ins Bräunliche, und zum Ende des ersten Lebensjahres färbt es sich schließlich silbergrau. Das hat ihnen den Namen gegeben: die „Graue Gehörnte Heidschnucke“. Ist das Lamm männlich, gut gebaut und einjährig, kommt es nach Müden auf die „Heidschnuckenbockschau und Versteigerung“. Dort ist der junge Bock für die Juroren dann hervorragend, wenn „der Rahmen korrekt ist“, wenn „der Oberbau gut bemuskelt ist“, wenn „er ein gut ausgestelltes, symmetrisches Gehörn hat“, sodass etwa die Breite einer Männerfaust zwischen die Hornansätze passt, und wenn „sein silbergraues Vlies mit schwarzem Brustlatz versehen ist“.

All das ist viel, aber noch nicht alles: „Denn, meine Herrschaften“, sagt Auktionator Dieter Brockhoff und greift zum Mikrofon, als es zur Versteigerung kommt, „dann muss so ein Prachtkerl auch noch seine Damen bespringen, und in den großen Herden, die es bei uns gibt, ist das dann kein Vergnügen mehr, sondern Arbeit.“

Etwa 700 Zuschauer kommen jedes Jahr am zweiten Donnerstag im Juli zu der Müdener Auktion. Züchter, Verbandsmitglieder und Touristen. Es wird gefachsimpelt, gegessen, getrunken, geblökt. Und wenn mancher Züchter seinen widerspenstigen Vierbeiner an den Hörnern packt, um ihn in den Jurorenring zu ziehen, dann schmeißt das nicht selten den stärksten Mann um.

Vor zwei Jahren, als die CDU noch am Ruder war, war Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann der prominenteste Besucher auf der Müdener Auktion. In seiner Rede hob er die Heidschnucke als wichtigen Wirtschaftsfaktor der Südheide hervor. „Denn ohne Schnucken keine Heide, ohne Heide keine Bienen, ohne Bienen keinen Heidehonig.“ Lindemann zitierte den Heidedichter Hermann Löns, der das Fleckchen Müden als „Perle der Heide“ pries, und meinte abschließend: „Im Kabinett müsste man mal überdenken, ob wir nicht auch die Heidschnucke als Symbol in unser Wappen aufnehmen sollten.“

Anerkennendes Nicken im Publikum. „Dat wird dat Perd woll kaum zum Wiehern bringen“, rief ein Landwirt in die Runde. Gelächter von allen Seiten. Dann machte der Himmel die Schleusen auf. Es goss in Strömen, alles flüchtete zu den Bierbuden, und Landwirtschaftsminister Lindemann, dem ehrenhalber die Versteigerung des ersten Bockes zuteil wurde, musste bereits bei 450 Euro den Hammer auf den Tisch sausen lassen.

Von weit her reisen die Züchter zu der weltweit einzigen Heidschnucken-Jungbock-Auktion in Müden. Aus dem Allgäu, vom Rhein, von der Mosel und aus Mecklenburg Vorpommern. Fritz Bühler kam gleich mit einer 32 Mann und Frau starken Gruppe aus Sigriswil im Kanton Bern, um „drei oder vier Böcklein“ für die Blutauffrischung in den Schweizer Herden zu kaufen. 300 Heidschnuckenhalter gehören dem „Verein Schweizer Heidschnucken Halter“ an mit insgesamt 1.500 Heidschnucken. Im Winter bleiben die Tiere im Tal, im Sommer dürfen sie in zwei- bis dreitausend Meter Höhe auf die Alp. Auch die vier Böcke, die Bühler ersteigerte, werden bald Bergluft schnuppern. Erst einmal aber müssen sie 40 Tage in Quarantäne.

Voriges Jahr meinte das Wetter es besser mit der Müdener Auktion. Die Sonne knallte vom Himmel, die Böcke dampften in ihren Schauboxen, und auch die Schäfer aus der Altmark kamen mächtig ins Schwitzen mit ihren prächtigen Filzmänteln und Hüten – der traditionellen Schäferuniform aus dem 16. Jahrhundert. Damals, erzählen sie, wären ihre Kollegen noch mit Säbeln bewaffnet gewesen und hatten das Recht, Viehdiebe zu töten. Während die schmucken Schäfer für Fotos posierten und mancher Bock denVersuch machte, über die Planken aus dem Ring zu fliehen, sorgte Auktionator Dieter Brockhoff mal wieder für Stimmung. „He, Sie da, junger Mann! Anstatt heute Abend in die Disse zu gehen, nehmen Sie lieber ’nen Bock mit nach Haus. Bei 1.500 Euro gibt’s eine Flasche Spaßmacher mit eingebauten Kopfschmerzen, das ist Ratzeputz mit Ingwer, und bei 2.000 gibt’s zwei.“

Insgesamt wechselten Jungböcke im Wert von rund 40.000 Euro den Besitzer. Kurz vor Schluss der Auktion wurde wieder traditionsgemäß „Mister Müden“, der hervorragendste aller Böcke, gewählt. 2013 stammt er aus der Zucht von Detlef Fischer in Wietze.

Auch Carl-Wilhelm Kuhlmann ist jedes Jahr wieder auf der Auktion. Er kam mit drei Böcken und fuhr mit einem ersteigerten Bock nach Haus auf seinen Heidschnuckenhof in Niederohe bei Faßberg. Dort beginnt sein Tag um fünf Uhr morgens mit der Landwirtschaft. Fällt sein Schäfer aus, treibt er ab sieben Uhr seine Heidschnuckenherde ins angrenzende Heidegelände und hütet sie bis zum Abend.

Immer im August veranstlatet Kuhlmann ein Hoffest, das für etliche Hundert Besucher seit mittlerweile sieben Jahren zu einer alljährlichen Attraktion geworden ist. Da gibt es alles, wofür sich einen Ausflug lohnt: Kaffee und Kuchen, Heidschnuckenbraten, Würstchenbuden, Schaffellverkäufer, Honigstände, Bierbuden, Weinstände, Ponyreiten, Kutschfahrten. Einer der Höhepunkte ist der Heidschnuckeneintrieb, wenn Hofherr Kuhlmann mit seinen beiden Hunden seine Herde in rasantem Tempo vom Hügel hinunter in den Pferch auf den Hof bringt.

Niederohe bei Faßberg und Müden liegen im Ballungsgebiet der Wanderroute „Heidschnuckenweg“, die in Hamburg-Fischbek beginnt, bis Celle geht und durch ein Schild mit einem weißen H auf schwarzem Grund gekennzeichnet ist. Viele Besucher haben auf dieser Route das Hoffest in Niederohe eingeplant. Nachdem Kuhlmann seine Herde aus dem Gelände zum Hof getrieben hat, erfahren die Gäste von ihm alles Wissenswerte über die Graue Gehörnte: dass die Tiere zehn Kilometer täglich durch die Heide laufen und dadurch kein Fett ansetzen, dass sie wenig Wasser brauchen, da sie Steppentiere sind, dass auch die Schnuckendamen Hörner haben und dass nicht der Bock die Herde anführt, sondern ein Leitschaf.

Während Kuhlmann am Pferch Rede und Antwort steht, werden neben ihm in einem offenen Stall ein paar Heidschnucken geschoren. Zwei Scherer sind am Werk. Sie packen die Tiere an den Hörnern, klemmen sie rücklings zwischen ihre Beine, und die sonst so wilde, wehrhafte, freiheitsliebende Heidschnucke rührt sich plötzlich nicht mehr – kein Zappeln, kein Blöken. Lammfromm sitzt sie da – unbegreiflich für alle. Wie denn das nun möglich sei, will eine Besucherin wissen. „Das kommt“, erklärt Kuhlmann, „weil in dieser Haltung der Pansen der Schnucke auf Milz und Lunge drückt. Sie kriegt in diesem Moment wenig Luft. Aber keine Bange, in drei Minuten ist die Wolle runter.“ Kuhlmann beantwortet jede Frage. Auf die, ob er ein Lieblingstier hat, erwidert er: „Alle!“

Carl-Wilhelm Kuhlmann und seine Züchterkollegen verstehen sich in erster Linie als Naturschützer. „Wir wollen, dass das typische Landschaftsbild erhalten bleibt. Und das eine braucht hier das andere – die Heide die Schnucken und die Schnucken die Heide. Sie stampfen den Samen der Pflanze tief in den Boden, halten das Heidekraut kurz, fressen Birken- und Kiefernsämlinge, und beides sorgt für den Nachwuchs der Heide. Außerdem zerreißen die Tiere im Herbst die Spinnweben zwischen dem Heidekraut. Die Bienen können sich dann nicht mehr darin verfangen und ungestört auf Nektarsuche gehen.“

Darüber hinaus geht es Kuhlmann um den Artenschutz der Tiere, denn die Heidschnucke steht auf der roten Liste. Noch vor 140 Jahren gab es 1,2 Millionen der Grauen Gehörnten. Ihre Wolle wurde für Kleidung gebraucht. Als man aber Textilkunstfasern erfand, war die Heidschnucke wertlos geworden. 1970 gab es wieder 10.000 Stück, und heute streifen immerhin 20.000 Graue Gehörnte allein in Niedersachsen durch die weite Landschaft.

Mit ihnen aber streift der Wolf durch die Heide – wenn auch in geringer Zahl. Noch sieht Carl-Wilhelm Kuhlmann kein Problem in seinem Auftauchen. „Der Wolf ist zwar da, aber wir wollen eines ausdrücklich nicht: Das man ihn ausrottet. Denn eigentlich ist es ja auch schön, dass es diese Tiere wieder bei uns gibt. Was wir aber fordern, sind Gelder für präventive Maßnahmen, für starke Zäune oder gute elektrische Weidezäune.“

Zum Schutz der schönen Grauen Gehörnten und zum Erhalt der herrlichen Heidelandschaft sollte man die Schäfer mit dieser Bitte nicht alleinlassen.

(C) www.Landluft-Celle.de, 2014

 

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