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Gedenkfeier in Bergen-Belsen

Autor:
Meggie Hönig

Zentrale Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers

Ein Bericht von Meggie Hönig

Eine Wunde, die sich niemals schließen wird und niemals schließen darf

Fassungslos stehen wir auch heute, 70 Jahre später, in Bergen-Belsen, dort wo im damaligen Konzentrationslager der größte aller Schrecken herrschte. Schlicht und schwarz sind die Steine, die auf dem weitläufigen Wiesengelände an die im KZ Verhungerten und Ermordeten erinnern. Von Häftlingen ist immer die Rede, was fast einer Verurteilung gleich kommt, „Menschen“ sollte man sagen, und damit feststellen: Menschen, die willkürlich und zu Unrecht inhaftiert und ermordet worden sind. Juden, deren systematische Entrechtung und Ausgrenzung nur wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten begonnen hatte und in der Deportation in die Vernichtungslager gipfelte, aber auch Sinti und Roma, Zeugen Jehowas, Christen und Kriegsgefangene …

Mehr als 70.000 Menschen wurden hier getötet, 13 Massengräber zeugen davon. Auch Anne Frank ist hier um ihr Leben gebracht worden. Zusammen mit ihrer Schwester Margot und rund 100 anderen Frauen wurde sie Ende Oktober 1944 von Ausschwitz nach Bergen-Belsen deportiert. An ihrem Grab liegen fast immer Blumen, es flackert eine Kerze vor dem schwarzen Gedenkstein.

Am 15. April konnte das Lager von Angehörigen der Royal Army befreit werden. Britische Fotografen haben das Grauen von Bergen-Belsen dokumentiert. So gibt es Bild- und Tondokumente aus dem überfüllten Lager, die die katastrophalen hygienischen Zustände dort dokumentieren – auch die Berge von Leichen, auf die sie stoßen. „Bilder von ausgemergelten Menschen in zerlumpter Häftlingskleidung, von lebenden Skeletten mit leerem Blick und von Leichnamen, nackt im Staub liegend oder zu Halden aufgestapelt – Bilder, die die Weltöffentlichkeit schockierten.“ (Britta Probol, Die letzten Tage des KZ Bergen-Belsen, 13.04.2915 für ndr.de/kultur)

„Wie war es möglich, das solche Verbrechen und solche Unmenschlichkeit in einem Land stattfinden konnten, das auf eine so reiche Geschichte und Zivilisation zurückblickte?“ fragt Bundespräsident Joachim Gauck bei der Gedenkveranstaltung zum 70. Jahrestag der Befreiung.

Es ist grau und trüb an diesem Tag, am 26. April 2015, in Bergen-Belsen, wo sich trotz des schlechten Wetters viele Menschen versammelt haben, darunter rund 100 Überlebende mit Kindern, Enkeln, Urenkeln. Beeindruckend ist das Gedicht „Befreiung“ von Jadwiga Jasielska, einer polnischen Überlebenden, das für diesen Gedenktag vertont worden ist und vom Chor der jüdischen Gemeinde Hannover zum Auftakt gesungen wird: „Sei verflucht, Bergen-Belsen.“ Auch Anastasija Gulej, heute 90 Jahre alt, hat mit knapper Not überlebt; sie wünscht sich manchmal nichts sehnlicher, als die Gräuel von damals vergessen zu können. Nun spricht sie vor Tausend Menschen und berichtet von ihren Erlebnissen als Nummer 61369. Sie will erinnern, damit nicht vergessen wird. Nein, man kann die Geschichte nicht ändern. Eine „unermessliche Schuld“ haben die Deutschen zwischen 1933 und 1945 in ganz Europa auf sich geladen. „Wir spüren, dass Erinnerung unseren Blick nicht nur zurück in die Vergangenheit lenkt, sondern dass es immer auch um Gegenwart und Zukunft geht“, so Gauck.

„Nicht wegschauen“, mahnt der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma. Ronald S. Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, warnt vor einem Wiederaufleben des Antisemitismus. Und Stephan Weil, der niedersächsische Ministerpräsident, appelliert an unsere Pflicht, die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht und niemals zu vergessen. Es sei „ungeheuer wichtig, aus dieser Erinnerung heraus die richtigen Lehren zu ziehen. … Mord verjährt nicht, Massenmord und Völkermord erst recht nicht“, sagte er in seiner Ansprache. Daraus folgt für uns der Auftrag, „ dass Menschen niemals wieder wegen ihrer Rasse, ihrer Herkunft, ihrer politischen Auffassung, ihres Glaubens oder ihrer sozialen Lage wegen verfolgt und getötet werden.“ Gerade in Deutschland müsse man „mit aller Entschlossenheit vorgehen, wenn sich auch nur Anzeichen von Rassismus, Ausländerfeindlichkeit oder Rechtsextremismus zeigen.“

Am Ende wird gebetet, gemeinsam mit Vertretern der protestantischen und katholischen Kirche und – das jüdische Kaddisch-Gebet als Erinnerung an die Toten.

”Hope after despair“ ist für Eva Mozes Kor, Ausschwitz-Überlebende und Nebenklägerin im kürzlich zu Ende gegangenen Prozess gegen den „Buchhalter von Ausschwitz“, Oskar Gröning, ihre Art der Selbstheilung. Denn: „Wer nicht vergibt, wird immer Opfer bleiben“. Das bedeutet auch Hoffnung für die heutige Generation, wenn sie bereit ist, sich ihrer Verantwortung für Gegenwart und Zukunft zu stellen.

Dieser Film sagt mehr als 1000 Worte – https://youtu.be/nCcUqBVHH8s

Weitere Infos finden Sie hier: http://www.ndr.de/kultur/geschichte/chronologie/Bergen-Belsen-Gauck-betont-unermessliche-Schuld,bergenbelsen386.html

Fotos und Filmaufnahmen: Hubertus Blume

(c) Blume Bild

 

 

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