Fluchtpunkt Celle: Premiere im Schlosstheater Celle

Autor:
Meggie Hönig

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir?

Da sitzen sie, traurige, fremde Gestalten, dicht gedrängt im dunklen (Theater)Nebel, auf, neben, zwischen unzähligen alten und weniger alten Koffern. Und Hevi Yusef, eine syrische Migrantin singt, gebärdenreich, mit gebrochener Stimme – ein Klagelied, das wir trotz der uns fremdem arabischen Worte glauben zu verstehen.

So beginnt das neueste Stück des Schlosstheaters Celle, ein Projekt des nicht nur in Braunschweig bekannten und beliebten Autors Peter Schanz, das hier unter seiner Regie (zumindest bis zu seiner unerwarteten Entbindung von dieser Aufgabe zwei Tage vor der Premiere) erarbeitet und jetzt als Uraufführung gezeigt wird: „vom vertrieben werden und vom willkommen sein”, ein Rechercheprojekt aus der Nachbarschaft.

Peter Schanz hat sich umgesehen, in Celle und im Celler Umfeld, hat hier recherchiert und – so heißt es – mit Menschen gesprochen, die Fluchterfahrung haben. Und zwar nicht nur mit den in den vergangenen Monaten hier Angekommenen, sondern auch mit denen, die es in der Nachkriegszeit hierher ge- und vertrieben hat, und mit den vielen kurdischen Yeziden, die vor etwa dreißig Jahren hier eine neue Heimat gesucht, vielleicht auch gefunden haben. Nach einem Prolog, der alle Fragen der so genannten Flüchtlingsproblematik (was für ein distanziertes Wort für eine kaum distanziert zu betrachtende menschliche Katastrophe) stellt (Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wer sind wir? Wo wollten wir eigentlich hin? …), wird in vier Teilen all das, was vom Vertriebenwerden und vom Fliehen handelt, in neuen und alten Geschichten erzählt: Warum gingen wir? Unser Meer. Vertreibung und so … Bürgerdialoge.

Die Schauspieler setzen sich eine Mütze auf oder schlingen sich ein Tuch um den Kopf, um dann als Migranten aus dem Sudan, aus Syrien, aus dem Irak und anderen Ländern glaubwürdig zu sein, und sprechen mit einem für gerade Deutsch Lernende erstaunlich umfangreichen Wortschatz vom „schawimmen lernen” und „gefluchtet” sein.

„Während ich schon möchte, dass Empathie beim Zuschauer erzeugt wird, so soll der Abend keinesfalls zu einem sozialromantischen Betroffenheitstheater werden”, war im Vorfeld von Peter Schanz zu hören. Nein, ein Betroffenheitstheater sehen wir wahrlich nicht. Ob aber Lacher gerade jetzt, in der für viele in Idomeni verzweifelnden Flüchtlinge provoziert werden müssen, darf in Frage gestellt werden. Und ob statt eines Rundumschlags eine Konzentration auf Wesentliches besser gewesen wäre, auch.

Wer hier in Celle Flüchtlingen begegnet, mit Ihnen redet, ihnen zu helfen versucht, ihre Geschichten hört und vielleicht auch mit ihnen weint, weiß, dass die Realität eine andere ist als die, die uns auf der romantisierenden Bühne suggeriert wird. Und wer aus authentischer Quelle im persönlichen Umfeld auch von der ungewollten Heimatlosigkeit der in Trecks Hin- und Hergetriebenen nach dem zweiten Weltkrieg gehört hat oder von der Flucht aus der „Zone” genannten DDR, hat möglicherweise eine andere Sicht auf die teilweise recht oberflächlich, folkloristisch und aus zu großer Distanz erarbeitete, ohne Zweifel schwierige Thematik.

Bedauerlich, dass die engagierten Darsteller kaum einmal die Möglichkeit haben, ihr unbestreitbares Können zu zeigen. Beeindruckend die Leistungen der Musiker, die meisten selbst Migranten, die von ihren eigenen Fluchtgeschichten und -motivationen erzählen. Traurig schön, klagend, aus alten und neuen Zeiten, vom deutschen Volkslied bis zum zeitgemäßen ausgelassenen Rap – sie singen und spielen – alle miteinander, das gesamte Ensemble der Musiker und Schauspieler. Musik verbindet und tröstet, auch im tiefsten Moment der Verzweiflung. Und so endet das Stück in einer eben doch empathischen Revue mit Tiana Kruškić in der Mitte, deren ungewöhnliche, wandlungsfähige Stimme bis zur Schmerzgrenze weh tun kann.

Es gibt viel Applaus, sogar Bravorufe, aber auch einige ratlose Gesichter. „Wir schaffen das”, steht auf der Rückseite des Programmheftes. Ist das so?

Weitere Informationen und alle Termine unter http://schlosstheater-celle.de/

Alle Fotos: Benjamin Westhoff

Foto 1: v.l.n.r. Johanna von Gutzeit, Maurizio Micksch und Rasmus Max Wirth.
Foto 2: v.l.n.r. Maurizio Micksch, Billy Ray Schlag, Tiana Kruškić, Adnan Horo, Wilfrid Zaalberg, Johanna von Gutzeit, Katrin Steinke Quintana, Hevi Yusef, Jürgen Kaczmarek und Jasmin Kruškić.
Foto 3: v.l.n.r. Tiana Kruškić, Johanna von Gutzeit, Katrin Steinke Quintana, Hevi Yusef, Jürgen Kaczmarek und Jasmin Kruškić.
Foto 4: v.l.n.r. Hevi Yusef, Wilfrid Zaalberg, Johanna von Gutzeit, Adnan Horo und Tiana Kruškić.
Foto 5: v.l.n.r. Johanna von Gutzeit, Wilfrid Zaalberg und Rasmus Max Wirth.
Foto 6: v.l.n.r. Johann Schibli, Jürgen Kaczmarek, Adnan Horo, Tiana Kruškić, Hevi Yusef und Jasmin Kruškić.

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