Ferdinand von Schirachs „Terror” im Schlosstheater Celle

Autor:
Meggie Hönig

Glauben Sie, dass grundsätzlich jedes Leben gleich wert ist?

Das, nämlich die Frage nach der im Grundgesetz verankerten Würde des Menschen, ist die Kernfrage der spannenden Gerichtsverhandlung, die gerade im Schlosstheater Celle verfolgt werden kann. Man betritt das Theater – pardon: den Gerichtssaal – erst nach dem Abtasten mit einem Körperscanner durch Cellesche Justizbeamte und dem Abstempeln der Eintrittskarte. Das mag ja noch wie ein Gag wirken. Aus dem Spaß wird Ernst, denn noch vor Beginn der Verhandlung flattern eindrückliche Videos über die übergroße Bühnenleinwand. „Das kann jetzt nicht sein, ist das Film?” erinnert sich eine Frau an den Terroranschlag am 11. September 2001.

Und der Richter, die Robe noch locker über dem Arm, stellt fest: „Das ist kein Theater hier” und erklärt den Zuschauer zum Geschworenen. Das Publikum hat also zu entscheiden: schuldig oder nicht schuldig?

Ferdinand von Schirachs „Terror”, offensichtlich das Erfolgsstück dieses Herbstes, wurde vor etwa einem Monat in Berlin uraufgeführt, zeitgleich mit der Premiere im Schauspielhaus Frankfurt. Weitere Aufführungen folgten, in Göttingen, Baden-Baden. Außer in Celle werden die Zuschauer auch in weiteren Städten deutschlandweit ihr Urteil abgeben, alles publikumswirksam nachzulesen beim Aufführungsrechte vergebenden Verlag (kiepenheuer-medien.de). von Schirach, bekannt als aufs Strafrecht spezialisierter Prominenten-Anwalt und als Autor von Romanen, Erzählungen und Kurzgeschichten, die sich mit kriminalistischen Inhalten beschäftigen, stellt hier sein erstes Theaterstück vor. Er, der sich selbst vor allzu viel Nähe scheut und lieber in sichere Distanz zu Menschen geht, erwartet vom Publikum allerhöchste Empathie, ja, fast eine Identifikation mit dem Angeklagten, der Nebenklägerin oder anderen Protagonisten.

Verhandelt wird folgender „Fall”: Lars Koch, Kampfjet-Pilot der Bundeswehr mit steiler Karriereleiter, wird des Mordes an 164 Passagieren der LH angeklagt. Unstrittig ist, dass er diese Maschine abgeschossen, strittig allerdings, ob er sich schuldig gemacht oder – im Gegenteil – aus besonderer Verantwortung heraus gehandelt hat. Denn diese Maschine ist von Terroristen gekapert worden und nimmt danach Kurs auf die ausverkaufte Allianz-Arena, in der an diesem Abend ein Länderspiel vor 70.000 Besuchern stattfindet. Lars Koch erhält den Auftrag, die Maschine abzudrängen, möglichst zur Landung zur zwingen. Wartet – als das nicht gelingt – auf weitere Befehle und sieht sich schließlich in der Situation, selbst zu entscheiden: Soll er die Maschine abschießen, um zu verhindern, dass sie in die Allianz-Arena stürzt? Soll er das Leben von 164 Menschen riskieren, um 70.000 Menschen zu retten?

Hatte Lars Koch das Recht, über Leben oder Tod zu entscheiden, also eine „gottgleiche Stellung” einzunehmen”? Hätte er weitere Befehle abwarten müssen? Hätte er sich dem Luftsicherheitsgesetz, das auch bei Bedrohung nicht erlaubt, ein entführtes Flugzeug abzuschießen, gehorsam verhalten müssen? Durfte er gegen die Verfassung verstoßen, in dem durch den Abschuss die Würde der 164 Menschen missachtete? Und: „Glauben Sie, dass grundsätzlich jedes Leben gleich wert ist?”

Diese und mehr rechtliche und moralische Fragen werden in einer eindinglichen, bemerkenswerten Inszenierung unter der Regie von Eberhard Köhler in jede Richtung erörtert. Köhler benutzt die Sprache als Inhaltsträger – so wie das „Gericht die Taten mit Sprache nachstellt” – und setzt auf eher kleine, verhaltene Gesten. Ebenso statisch und nüchtern zeigt sich die Bühne (Vesna Hiltmann), die gekonnt die unpersönliche Atmosphäre eines Gerichtssaals vermittelt. Um die jeweils Agierenden in den Vordergrund zu rücken, wird die Bühne immer dann gedreht, wenn die Gerichtsverhandlung neue Aspekte, neue Sichtweisen erarbeitet und die Perspektive auch im übertragenen Sinn verändert.

Ulrich Gall überzeugt als der vorsitzende Richter, teils routinemäßig gelangweilt, teils jovial und, wenn es um den Werdegang des Angeklagten geht, durchaus persönlich interessiert. Lars Koch wirkt anfangs – möglicherweise gewollt – von Maurizio Micksch ein wenig gesichts- und emotionslos, zurückhaltend, arbeitet dann aber selbstbewusst und stark die Motivation des Angeklagten heraus. Philip Lenders fühlt sich in der Rolle als ein etwas anderer, unangepasster und ziemlich symphatischer Verteidiger offensichtlich gut zu Hause. Von Tanja Kübler könnte man sich etwas weniger übertriebene Mimik und mehr Souveränität wünschen. Jürgen Kaczmarek, als Zeuge Christian Lauterbach mit viel technischem Detailwissen, agiert der Rolle entsprechend geduldig, belehrend, überlegen. Starke Emotionen entwickelt – herausragend – Verena Saake als Nebenklägerin Franziska Meise. Allen Akteuren gelingt es, trotz der langen ausführlichen Schlussplädoyers, die Spannung bis fast zum Schluss wach zu halten.

In Anspielung auf das vorchristliche Scherbengericht werfen die Zuschauer je nach persönlichem Votum – schuldig oder nicht schuldig? – die inzwischen verteilten „Scherben” in einen Sack – oder eben nicht. Das und das anschließende Auszählen (bzw. Auswiegen) der Stimmen geraten zu sehr in die Länge, das Ergebnis scheint zu selbstverständlich: Freispruch!

Eine nicht nur für juristisch Interessierte lohnenswerte Inszenierung. Man darf gespannt sein, wie das Urteil nach der nächsten Vorstellung lautet. Denn „das Recht ist scheinbar nicht in der Lage, für jeden Fall eine eindeutige Lösung zu finden.”

Alle Termine und weitere Infos unter http://schlosstheater-celle.de/

Alle Fotos: Benjamin Westhoff

Foto 1: vorne Philip Leenders als „Verteidiger Biegler“, hinten Ulrich Gall als „Vorsitzender“.
Foto 2: links Philip Leenders als „Verteidiger Biegler“, rechts Maurizio Micksch als „Angeklagter Lars Koch“.
Foto 3: vorne Tanja Kübler als „Staatsanwältin Nelson“, hinten Ulrich Gall als „Vorsitzender“.
Foto 4: links Ulrich Gall als „Vorsitzender“, rechts Jürgen Kaczmarek als „Christian Lauterbach“.
Foto 5: links Verena Saake als „Franziska Meiser“, rechts Jürgen Kaczmarek als „Christian Lauterbach“.
Foto 6: Ulrich Gall als „Vorsitzender“.
Foto 7: links Philip Leenders als „Verteidiger Biegler“, Mitte: Maurizio Micksch als „Angeklagter Lars Koch“, rechts Tanja Kübler als „Staatsanwältin Nelson“.

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