Bomann-Museum, Eberhard Schlotter – Mehr Lust

Autor:
Redaktion

In seiner Sonderausstellung „Mehr Lust“ präsentiert das Bomann-Museum Celle eine gelungene Verknüpfung von literarischer mit grafischer Erzählkunst.

Ein Bericht von Rolf-Dieter Diehl

CELLE. Zu den großen, unvergänglichen Büchern der Weltliteratur gehört das berühmt-berüchtigte „Dekameron“ von Giovanni Boccaccio (1313-1375), ein Meisterwerk der erotischen Literatur und lebendiges Zeugnis der sinnenfrohen italienischen Renaissance. Es sind die Geschichten einer zehnköpfigen Schar junger Frauen und Männer, die aus dem seinerzeit pestverseuchten Florenz in die ländliche Idylle fliehen, um sich dort in edler und zugleich unterhaltsamer Weise die Zeit zu vertreiben. Es sind Geschichten quer durch die Betten der Bürger und Bauern, der Mönche und Grafen. Geschichten über die Liebe, die Verstand und Vernunft himmlisch wie irdisch übertölpelt und spielend bezwingt.

In gleichem Maße, wie sich schon Millionen Leser am sinnlich-amüsanten Novellenwerk „Dekameron“ und seinen frivolen Fantasien ergötzten, haben Maler und Dichter immer wieder aus seinem Reichtum an mannigfaltigen Stoffen geschöpft. Unter ihnen auch der Maler und Grafiker Eberhard Schlotter (1921-2014), der sich im Jahr 1978 von den Jahrhunderte alten, zwischen moralischer Enge und sinnlicher Freiheit changierenden Geschichten zu einer anregend inszenierten Grafikserie inspirieren ließ. Lesend und skizzierend arbeitete er sich durch das Werk und kommentierte jede der einhundert Novellen mit einer spontanen Illustration, die den Betrachter mal schmunzeln, mal erröten lässt.

Eberhard Schlotter zählte zu den bedeutendsten Gegenwartskünstlern Deutschlands. Sowohl große monografische Ausstellungen als auch verschiedene Auszeichnungen – darunter der Niedersächsische Verdienstorden und das Bundesverdienstkreuz – würdigten sein Schaffen von Mitte der 1950er Jahre bis heute. Charakteristisch für ihn sei „seine hintergründige und poetische Bildsprache“, konstatiert die im Bomann-Museum Celle angesiedelte Eberhard-Schlotter-Stiftung. Als Maler habe Schlotter zunächst unter dem Eindruck der klassischen Moderne Frankreichs gestanden: Matisse, Picasso und andere seien in den 1940er und 1950er Jahren große Vorbilder für den aus dem Krieg heimgekehrten Künstler gewesen. Doch schon in den 1960er Jahren habe er eigene Ausdrucksmöglichkeiten entwickelt. Besonders bemerkenswert seien auch seine Leistungen auf dem Gebiet der Radiertechniken. Er habe ein eigenes Verfahren zur „weichen Ätzung“ entwickelt, wodurch die Radierungen geradezu malerische Qualitäten erlangten. Es handelt sich dabei um eine besondere Technik der Strichätzung, bei der man von der feinsten Linie bis zu malerischen Flächen alle Abstufungen wiedergeben kann, womit Schlotter die erzählerischen Einzelheiten von Boccaccios Geschichten zeichnerisch adäquat hervorzuheben verstand.

Unter dem Titel „Mehr Lust“ präsentiert die Eberhard-Schlotter-Stiftung die so entstandenen Radierungen des Künstlers in einer aktuellen Sonderausstellung des Bomann-Museums, in der sich die literarische Erzählkunst Boccaccios mit der grafischen Erzählkunst Schlotters in einem dichten Bilderbogen verknüpft. Schlotter befreie die Geschichten vom erzählerischen Bombast und gebe dem Betrachter Gelegenheit, seine eigene Fantasie schweifen zu lassen, quasi zwischen den Strichen zu lesen, referierte Daphne Mattner, Kunsthistorikerin und Kuratorin der Ausstellung. An ausgewählten Exponaten veranschaulichte sie bei der Vernissage, wie Schlotter, der „die Frauen immer mit den Augen eines Künstlers betrachtet und bewundert“ hat, diese in einer einzigen Darstellung in ihrer Doppelrolle als schlafende Unschuld und erotische Verführerin zu zeigen vermochte. Er liebte „die subtile Andeutung“ und war überzeugt davon, „dass eine geheime Glut viel mehr Kraft hat als eine offenbare“, führte sie aus, während sie anhand ausgewählter Exponate Schlotters zwischen Gefühlstaumel und flammender Leidenschaft changierenden Inszenierungen erläuterte: Von säuselnden Lüftchen und zarten Brisen bis zu heftigen Stürmen reichen die Darstellungen, aber Schlotters Bilder zeigen auch, in welchem Maße Sinnlichkeit geeignet sei, auch wildestes Temperament zu zügeln. Lächelnd animierte Mattner die Zuhörer, die Bilder beim Gang durch die Ausstellung diesbezüglich Strich für Strich mit den Augen abzutasten.

Bilder von links:

Tag 2, Blatt 9, Ausschnitt Eberhard Schlotter, Dekameron, Radierung, 1978, Privatbesitz

Tag 4, Blatt 8, Eberhard Schlotter, Dekameron, Radierung, 1978, Privatbesitz

Tag 9, Blatt 6, Eberhard Schlotter, Dekameron, Radierung, 1978 , Privatbesitz

Tag 2, Blatt 10, Eberhard Schlotter, Dekameron, Radierung, 1978, Privatbesitz

Die Ausstellung ist bis zum 20. März 2016 zu sehen.

 

 

Themen:
Museen

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