„Die Liebe in Zeiten der Cholera” als Bühnenfassung im Celler Schlosstheater

Autor:
Meggie Hönig

Wir lieben, um zu lieben.

Die schönste Liebesgeschichte der Welt, heißt es, sei die Geschichte von Fermina Daza und Florentina Ariza. Natürlich ist die schönste Liebesgeschichte der Welt immer die eigene, selbst durchlebte. Aber ja, der Romans des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez, einer der ganz großen Romane des zwanzigsten Jahrhunderts, erzählt eine wunderschöne Liebesgeschichte, die Geschichte von der Dauer einer nicht aufhörenden Liebe – und vom Warten.

Der junge Florentino Ariza liebt die schöne und stolze Fermina Daza aus gutem Hause, die damals ihre Haare zu einem dicken Zopf trug – wie sich der alternde Florentino erinnert. Er macht ihr sogar einen Heiratsantrag. Ferminas Vater will die Heirat verhindern und nimmt seine Tochter mit auf eine lange Reise. Aber gerade die Trennung vertieft die Liebe der beiden, bis Fermina bei einem späteren Wiedersehen mit Florentino enttäuscht erkennt, dass sie sich nur ein idealisiertes Bild von ihm gemacht hat. Sie schickt ihm alle seine unzähligen Briefe zurück und heiratet den erfolgreichen Doktor Urbino, der dann ausgerechnet beim Versuch, einen Papagei einzufangen, stirbt – nach 51 Jahren, 4 Monaten und 3 Tagen dauernder Ehe.

Mit dem Tag des Begräbnisses beginnt die Bühnenfassung des Romans, die Andreas Döring im Frühjahr zusammen mit Anke Kell für das Altonaer Theater entwickelt, mit Sicherheit für Celle nun leicht modifiziert hat. Die leeren, lackglänzenden Schuhe des Toten stehen noch im üppig blumengeschmückten, mit großen Kerzenleuchtern theatralisch wirkenden Trauerraum (sehr gelungene Bühne: Beatrice von Bomhard). Melancholische Gitarrenklänge (Billy Ray Schlag) vermitteln einen Hauch dieser unbeschreiblichen hitzeschweren, karibischen, duftgeschwängerten Schwüle.

Und mit dem Auftreten des inzwischen 76-jährigen „Jünglings” am Tag des Begräbnisses beginnt die Rückblende auf 51 Jahre, 4 Monate und 3 Tage unerfüllte Liebe, beginnt aber auch der Versuch eines Neuanfangs. Florentino überschüttet Fermina mit einer Kanonade von 140 Briefen und wird, nachdem zunächst eine würdelose Darmkrankheit ein Wiedersehen mit Fermina verhindert, schließlich von ihr empfangen. Zwei alternde Menschen erzählen sich ihr Leben: Fermina von der Ehe mit Urbino, die auf unerklärliche Weise, ohne Leidenschaft, vielleicht mehr durch Vernunft zusammengehalten hat. Florentino von seinen vielen, belanglosen, aber seiner Eitelkeit schmeichelnden Amouren, von seiner Zeit als Witwentröster oder Kindsverführer. Für Fermina werden die Stunden mit Florentino zu ihrem Lebensinhalt. Sie kämpft schließlich für die Liebe, die sie nun doch für ihn empfindet, sogar gegen ihre Tochter Ofelia, die die Liebe im Alter als Ferkelei bezeichnet und die Alten – ab sechzig! – am liebsten in ein Getto in der Vorstadt verbannt haben möchte.

Florentino und Fermina treten eine Schiffsreise an und entdecken ihre Lust, Leidenschaft und Sexualität. Jetzt stehen Florentinos Schuhe leer da, ausgezogen. Und um sich die ganze Welt vom Leibe zu halten, hisst Florentino die Choleraflagge. Wie lange noch? „Das ganze Leben!”

Es ist also eine Geschichte vom Liebe und Tod, von Idealisierung und der bitteren Erkenntnis der Realität, von Vernunft und Leidenschaft, von Geduld und unendlichem Warten – und vom Alter, vom Altwerden. Die Frage, wie man solch einer dichten Thematik statt auf 512 Buchseiten in etwa 2 Stunden Theatererlebnis gerecht werden kann, ist naheliegend, aber obsolet. Der Stoff ist so spannend, so zeitlos aktuell und allein schon deshalb für ein zum Nachdenken anregendes Theaterstück geeignet. Döring konzentriert den Inhalt auf das Wesentliche, beschränkt sich auf drei Charaktere, Florentino und Fermina natürlich und Ofelia, Ferminas Tochter, die den Gegenpart bildet zu den beiden Altgewordenen. Ofelia beobachtet kritisch, irritiiert und neugierig, was zwischen den beiden Alten passiert. Und bildet sich ihr Urteil, ja ver-urteilt, aus ihrer Sicht.

Es ist nicht so, dass Fermina und Florentino sich für ewig Junggebliebene halten. Fermina weiß, das ihre faltigen Schultern und ihre Hängebrüste die Vergänglichkeit ihrer einstigen Schönheit geradezu parodieren, Florentino spürt den „säuerlichen Geruch des Alters beim Küssen.” Aber beide haben erst jetzt ihre Freiheit gewonnen, so zu sein, wie sie sind, endlich nicht mehr irgendwelchen gesellschaftlichen Konventionen verpflichtet. „Wir essen, um zu essen. Wir lieben, um zu lieben. Wir schlafen, ohne uns schlafend zu stellen.” Diese Schlüsselszenen arbeitet Döring pointiert heraus. So wundersam langsam und angenehm träge wie die Sprache des Romans („Sie verbrachten unvorstellbar lange Stunden in den Sesseln vor der Brüstung, hielten sich an den Händen, küssten sich bedächtig und genossen die trunkene Zärtlichkeit.”) ist über weite Strecken die Handlung auf der Bühne. Unaufgeregt unaufregend, „Balsam für die Seele”, wie nach der Aufführung vom Publikum zu hören war. Auch das darf  Theater.

Und die Darsteller machen mit. Dirk Diekmann, den Cellern aus früheren Zeiten als Charakterdarsteller wohl noch in guter Erinnerung, ist ein wunderbarer junger zittrig-alter Mann, glatzköpfig und mit allerlei körperlichen Gebrechen, die er ohne Übertreibung in Szene setzt. Selbstironie, Selbstverliebtheit und Eitelkeit – das kann er, mindestens genauso gut wie den Bonvivant, den Casanova und den leidenschaftlichen Liebhaber. Ein bisschen zu wenig sinnlich scheint Karin Nennemanns Fermina, ein wenig zu vernunftgesteuert ihr Begehren, ihre Sehnsucht nach Liebe ­ vielleicht, weil der Schmerz der Sehnsucht größer ist als das Glück der Hingabe. Und doch, ihre Fermina hat nicht verlernt, zu kokettieren und zu verführen. Mit tiefen Blicken, Augenaufschlag im richtigen Moment und – auch mit hinreißenden, glitzernden Kleidern (Beatrice von Bomhard). Vivien Mahler als Ofelia Daza spielt ihre Rolle sehr zurückhaltend und herb. So eben wie Ofelia ist: Für sie, die funktionieren muss, bleibt kein Platz für die Liebe. Ihr starkes, melancholisches Lied am Schluss bringt noch einmal die karibisch-kolumbianische Atmosphäre zurück.

Alterslob, Altersklage, Altersspott – die komplette Palette dieser Alterstopologie kulminiert in der Erkenntnis, erst jetzt im Alter, fähig zu sein, den anderen richtig zu lieben. Es geht eben doch nur oder gerade um die Liebe, ohne die es sich nicht lohnt zu leben, ganz gleich, wie alt man ist. Eine schöne Liebesgeschichte, die schönste …

Alle Fotos: Alex Sorokin

Foto 1: v.l.n.r. Billy Ray Schlag (Musik), Karin Nennemann als „Fermina Daza“ und Dirk Diekmann als „Florentino Ariza“.
Foto 2: v.l.n.r. Karin Nennemann als „Fermina Daza“, Dirk Diekmann als „Florentino Ariza“ und Billy Ray Schlag (Musik).
Foto 3: v.l.n.r. Karin Nennemann als „Fermina Daza“, Vivien Mahler als „Ofelia“ und Dirk Diekmann als „Florentino Ariza“.
Foto 4: v.l.n.r. Vivien Mahler als „Ofelia“, Karin Nennemann als „Fermina Daza“ und Dirk Diekmann als „Florentino Ariza“.
Foto 5: v.l.n.r. Vivien Mahler als „Ofelia“, Karin Nennemann als „Fermina Daza“ und Dirk Diekmann als „Florentino Ariza“.
Foto 6: v.l.n.r. Billy Ray Schlag (Musik), Karin Nennemann als „Fermina Daza“ und Dirk Diekmann als „Florentino Ariza“.

weitere Infos und alle Termine unter http://schlosstheater-celle.de/

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