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Das Bücherhaus in Bargfeld

Autor:
Redaktion

Wo die Bücher sich gute Nacht sagen

Ein Bericht von Claudia Rammin, Fotos: Martin Jehnichen

DAS BÜCHERHAUS in Bargfeld mit seinem bibliophilen und wissenschaftlichen Antiquariat ist eine Huldigung an den Schriftsteller und Heide-Eremiten Arno Schmidt. Besitzer Hermann Wiedenroth freut sich über Besucher und – Käufer

Es zog ihn an den Nabel der literarischen Welt. Und der liegt in Bargfeld, dem letzten Wohnsitz des bedeutenden deutschen Schriftstellers Arno Schmidt. Die „Magie des Ortes“ hat Hermann Wiedenroth gleich beim ersten Besuch verzaubert. Bereits zu Lebzeiten des genialen Wortartisten ist er einmal um dessen Wirkungsstätte geschlichen. Im Jahr 1990 erwarb der gelernte Antiquar das Domizil des zwei Jahre zuvor gestorbenen Wilhelm Michels, einer der wenigen Schmidt-Freunde. Mit 600 Bücherkisten zog Wiedenroth von Krähenwinkel bei Hannover ins Beckfeld an den äußersten Dorfrand von Bargfeld. Draußen, hinter dem rot getünchten, holzverkleideten Haus mit den weißen Fensterrahmen nichts als „Moor und Ödeheide“, wie Arno Schmidt es einst beschrieb.

Drinnen atmet der gesammelte Geist von vier Jahrhunderten. Gebündelt zwischen Deckeln aus feinstem Leder, edlem Eichenholz und geprägtem Leinen. Rücken an Rücken, Regalmeter an Regalmeter bis unter die Decke – ein hochkarätiges Sortiment, in dem so mancher Schatz auf Entdeckung wartet. Doch bevor der Besucher die Büroräume des Hausherrn durchquert und über eine kleine Treppe in die Bibliothek hinabsteigt, wird er erst einmal ins private Heiligtum gebeten, das sogenannte Reclam-Zimmer. Mit mehr als 10 000 gelben und andersfarbigen Bändchen der Weltliteratur dokumentiert es den Beginn seiner Begeisterung fürs Sammeln und droht aus den Nähten zu platzen. „Das Lehrlingsgehalt reichte nur für Reclam, von den Antiquaren gemeinhin als Wegwerfware bezeichnet“, sagt Wiedenroth. Doch ein Buch ergibt das andere.

Und nach dem Motto „Bücher sind auch Menschen, wenn auch in einem anderen Aggregatzustand“ scheint der Bargfelder Bibliomane die Einöde zu genießen. Die Vorräte reichen für Jahre. Er führt „unentwegt Dialog mit Büchern“, liest Bücher über Bücher, um nicht zuletzt als rühriger Antiquar „möglichst viel über die Handelsgegenstände zu wissen“. Wenn er nicht gerade in seinem ersten Arbeitszimmer sitzt, Korrespondenz und Bestellungen erledigt. Auf der schlichten halbrunden Schreibplatte, die nahezu den gesamten Raum einnimmt, steht ausgemustertes Post-Inventar: ein Aufsatzpult mit Rollladen für Briefpapier und ähnliches. Briefwaagen, gusseiserne Leitzlocher, Holzablagen mit Rillen für Füller und Stifte – alles ist akkurat angeordnet. Über einem der Fenster eine Panorama-Radierung des Arno-Schmidt-Stipendiaten Gert-Peter Reichert vom legendären Schauerfeld, einem verwilderten Streifen Land, der zum Schmidt’schen Besitz gehört und den Schauplatz des ersten Buches von „Zettels Traum“ abgibt.

Aus Schmidts Sprach- und Buchungetüm, das viele für schlicht unlesbar halten, stammt auch das Motiv ‚Bücherhaus’, die Bibliothek des Protagonisten Daniel Pagenstecher, nach der Wiedenroth sein 1980 gegründetes Bücherhaus benennt. Er hat das in Raten abgestotterte 1300-Seiten-Werk „Zettels Traum“ während seiner Lehrjahre komplett gelesen, zuvor alle erreichbaren Taschenbücher des bewunderten Meisters „förmlich gefressen“. Und besitzt, wie er schmunzelnd gesteht, zwei Raubdrucke des Mammutwerkes: eines im Originalformat, das andere in einer fotomechanisch verkleinerten Ausgabe. Letztere hat ein Berliner Studentenkollektiv sehr zum Ärger des Autors für wenig Geld auf dem Schwarzmarkt herausgebracht. Das 1970 erschienene, auf 2000 Exemplare limitierte und signierte, nach Ansicht der Raubdrucker „extrem wichtige Werk der Weltliteratur“ war innerhalb kurzer Zeit vergriffen. „Raubdrucke stellen Straftaten dar“, betont Wiedenroth, „aber zugleich sind sie ein Stück Buchgeschichte und Dokumente der Wirkungsgeschichte Schmidts.“

Der Antiquar weiß, wovon er spricht. Schließlich zählt er zum Kreis der Schmidt-Experten, hat zusammen mit dem Schriftsteller und Schmidt-Kenner Hans Wollschläger in Teilen die historisch-kritische Karl-May-Gesamtausgabe ediert. Die lebenslange Lektüre, in späteren Jahren kritische Auseinandersetzung mit dem Abenteuer-Erzähler hat Wollschläger und seinen „geistigen Vater“ Schmidt zusammengebracht. Auch Wiedenroth erzählt von intensivem Konsum der Wildwest- und Orient-Wälzer, schloss aber vor rund zehn Jahren nach der „nun endlich weitgehend überwundenen Pubertät“ mit Karl May ab, nachdem er dessen Werk 20 Jahre als Editor betreut hat.

Etliche Regalmeter zeugen davon. „Er bestimmt nicht mehr den Tagesablauf.“ Nicht zuletzt deswegen, „weil wir uns während des Erscheinens der Ausgabe mit dem Karl-May-Verlag in Bamberg bekämpft haben wie im Wilden Westen“. Der Verlag hatte über Jahre mit juristischen Mitteln – auch bei anderen Konkurrenten – versucht, das seit 1963 urheberrechtlich freie Werk weiterhin für sich zu schützen. Das Kriegsbeil ist begraben und Wiedenroth freut sich, dass die Edition, von der er 55 Bände – ungefähr die Hälfte – herausgegeben hat, von der Karl-May-Stiftung in Zusammenarbeit mit Karl-May-Gesellschaft und -Verlag fortgeführt wird.

Auch ohne die Beschäftigung mit dem Winnetou-Autor hat Wiedenroth, dessen zweites Standbein Lesungen sind, genügend zu tun. In seinem zweiten Arbeitszimmer lagern in hölzernen Karteischränken Buchbeschreibungen, die er auf alt bewährten Karteikarten teils mit winziger Bleistiftschrift, teils mit einer altertümlichen Schreibmaschine akribisch notiert hat. Die steht neben dem unvermeidlichen Computer, Laptop und einem Fotokopierer, den er aus der nachgelassenen Arbeitsbibliothek des großen Feuilletonisten Fritz J. Raddatz übernommen hat. Dessen Olympia-Reiseschreibmaschine ‚Monica’ besitzt er ebenfalls.

„Ich habe im Computer- und Internetzeitalter sicher noch einen der umfangreichsten ältlichen Zettelkataloge mit Buchbeschreibungen“, sagt er. Und der Katalog muss ständig aktualisiert werden, weil die Bücher kommen und gehen, aber auch mal wiederkehren. In dem voll bestückten Raum befindet sich außerdem die Handbibliothek, beispielsweise über illustrierte Bücher des 18. und 20. Jahrhunderts, Expressionismus, Bucheinbände, Periodika der Buchgeschichte, Nachschlagewerke, Bibliotheksverzeichnisse. „Ich bin, glaube ich, der einzige lebende Antiquar, der den ‚National Union Catalog’ aus Amerika hat, 754 großformatige olivgrüne Bände. Den gibt es nur in großen Bibliotheken in London, Paris, Berlin und – in Bargfeld!“

Das kleine verträumte Dorf hat, ehe Arno Schmidt „kam, sah und siegte“ – so der kenntnisreiche Mann der wohlgesetzten Worte –, auch andere Künstler in ihrem Schaffen beflügelt und ist Standort von vier Verlagen. „Wir dürften hier, gemessen an der Bevölkerung, die deutschlandweit höchste Verlagsdichte haben“, sagt Wiedenroth, der selbst rund 80 Bücher herausgegeben hat. Ein Bruchteil der rund 40 000, die das Bücherhaus zu seinem Bestand zählt. Im Außenlager in einer ausgebauten Kartoffelscheune im Ort sind es noch mal 50 000 oder mehr. Das Herzstück des Hauses ist die Bibliothek, der Raum, in dem „alle Bücher verkäuflich sind.“ Auch Vorbesitzer Wilhelm Michels hatte hier seine Sammlung, die Decken hohen Holzregale stammen noch von ihm. „Ich habe lediglich Raum teilende halbhohe Regale dazugebaut“, sagt Wiedenroth. Auf einigen thronen Dichterbüsten. Mittendrin steht der Flügel, an dem sein Lebensgefährte und der Musiker des Hauses spielt, Countertenor Denis Lakey.

Auch das Schmidt-Regal hat der Antiquar von Michels übernommen, mit einem Extrafach für die Großformate. „Hier steht der Autor weiter traditionell in Erstausgaben und neueren Editionen, dazu Sekundär-Literatur – eine Auswahl.“ Ansonsten bilden in den Regalen die Klassiker augenfällig eine fast lückenlose Ahnengalerie, von Goethe, Schiller, Christoph Martin Wieland über August von Platen, Moritz von Thümmel bis Friedrich Rückert. Aber auch Hebbel, Keller, Ernst Jünger und Kurt Tucholsky sowie Weltliteratur in Erst- und Gesamtausgaben, Widmungsexemplare, Pressendrucke und Vorzugsausgaben, illustrierte Bücher, Bücher über Kunst, Theater, Musik – alles wohl und streng nach System geordnet. „Bei mir gibt es keine Bananenkisten, keine Bücherstapel auf dem Boden“, sagt Wiedenroth. Das Antiquariat soll keine Rumpelkammer sein, „sondern ein Ort, an dem ich mich selber wohlfühle. Ich muss alles blind wiederfinden“.

Schließlich will und muss der Sammler verkaufen, um Platz für Neuerwerbungen zu schaffen und nicht zuletzt die Entdeckerfreude zu erhalten. Es gebe aber Bücher, „die bleiben sehr lange Gast im Hause, bis dann einer sich erbarmt und sie kauft“, gesteht Wiedenroth und fügt schelmisch lächelnd hinzu: „Eines Tages spanne ich ein rotes Band in den Eingang, schneide es durch und sage, so, jetzt ist es meine Privat-Bibliothek.“

(C) Landluft-Celle.de, 2018

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