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CZ – 200 Jahre Cellesche Zeitung

Autor:
Redaktion

2017 feiert die CZ Jubiläum – 200 Jahre Presseleben im Cellerland

Ein Bericht von Bernd Volland – Fotos: Martin Jehnichen

Vergangenes Jahr hatte die Cellesche Zeitung einen Kracher gelandet wie selten zuvor. Weder Ignaz Schweiger, der einst mit seinen Handdruckpressen nach Niedersachsen gewandert war, noch Georg Pfingsten, der das heutige Verlagsgebäude hatte errichten lassen, hätten davon zu träumen gewagt: Mehr als 120 000 Leute wollten wissen, was die CZ mitzuteilen hatte, drei Mal so viele, wie im Landkreis leben, Menschen aus der ganzen Republik.

Es hatte sich begeben, dass Angela Merkel vor der Bürgermeisterwahl nach Celle gekommen war, Ralf Leineweber, Chefredakteur der CZ, mit seinem Sohn auf dem Großen Plan wartete, und wie die Kanzlerin kam, zückte Leineweber sein Smartphone. Vor ihm schritt Angela Merkel vorbei, wie immer mit einem Lächeln, das ihre Gesichtsmuskeln wenig zu belasten schien, und hinter ihm brüllten ein paar Pegida-Anhänger, ohne ihr Hirn allzu sehr zu belasten: „Volksverräter! Volksverräter!“

Vier Sekunden. Ein verwackeltes Filmchen. Vom Chefredakteur an Ort und Stelle auf Facebook hochgeladen. Bis heute mehr als 120 000 Mal im Internet angesehen. Man kann sagen, die Cellesche Zeitung ist im digitalen Zeitalter angekommen, und das im reifen Alter von 200 Jahren.

Das Jubiläumsjahr 2017 feiert man dennoch relativ bescheiden. Oder vielleicht gerade deshalb, denn Smartphones, Facebook, Twitter, Blogs, die neuen Medien mögen die Menschen zwar weltweit in einen Rausch versetzt haben, den Tageszeitungen allerdings haben sie nur einen Kater beschert.

„Man merkt die Einschläge“, sagt Friederike Pfingsten, 30, seit 2013 Verlegerin, trocken. Sie hat keine pompösen Festakte und ausufernden Reden geplant, sie sagt, sie möge den großen Rummel ohnehin nicht so sehr. Sie ist ein Kind ihrer Zeit. Und heute heißt es nun mal etwas anderes, Verleger einer Zeitung zu sein, als früher.

Es geschah im 19. Jahrhundert, dass der fränkische Handwerker Ignaz Schweiger sich mit Druckplatten im Gepäck nach Celle aufmachte, sich um eine „Königliche Genehmigung“ bemühte, mit seinem Kompagnon, dem Buchdrucker Konrad Pick, das Unternehmen Schweiger & Pick gründete und am 2. April 1817 erstmals den „Zelleschen Anzeiger“ publizierte, vier Seiten Papier, auf denen Privatleute inserierten und ein Pastor seine „Zelleschen Beiträge zur heiteren und würdigen Unterhaltung” preisgab, Gedichte, Sinnsprüche und Haushaltstipps.

Als 1868 Ignaz Schweigers Tochter das Blatt ihrem Schwiegersohn Konrad Pfingsten übergab, hieß es bereits „Cellesche Zeitung und Anzeigen-Kreisblatt für den Kreis Celle“, berichtete über Ereignisse aus der Region und hatte eine Auflage von bis zu 1800 Exemplaren. Die Zeitung wurde von Pfingsten zu Pfingsten weitergereicht, wuchs von Pfingsten zu Pingsten, neue Gebäude wurden gekauft, zwei Weltriege überstanden, und im Jahr 1998 hatte die „Cellesche Zeitung“ eine verkaufte Auflage von mehr als 33 000.

Man war konkurrenzlos, die einzige Tageszeitung im Kreis, hatte die Druckerei erweitert und stellte dort auch publizistische Produkte für andere her, Broschüren, Prospekte, legte sich neue Schmuckstücke zu, die Anschaffung der neuen Druckmaschine namens „Colora“, die die Zeitung bunt machte, preist man noch heute stolz in der Chronik auf der Homepage. Papier war eine stabile Währung.

Sieben Generationen lang.

Friederike Pfingsten gehört zur achten. Sie sitzt im gestreiften Oberteil auf einem Sessel in ihrem lichten, modern eingerichteten Büro. Ihr gerade mal ein paar Wochen alter Sohn ist auch angetreten, im Partnerlook in gestreiftem Body. Daneben sitzt auf einer Couch Pfingstens Mann und Mitgeschäftsführer Werner Heyer, in flottem Anzug, mit adrett gegeltem Haar und verwegen gemusterten Socken. Man könnte diesem jungen Kleinstadt-Unternehmerpaar etwas Schillerndes andichten, aber die beiden sagen bodenständige Sätze wie: „Wir tragen Verantwortung für 120 Mitarbeiter.“ Oder: „Die Tageszeitung mit ihren erfahrenen Mitarbeitern muss den Lesern Orientierung geben.“ Es sind Sätze, wie sie Verleger seit Generationen sagen.

Die Beiden sagen auch: „Wir wollen nicht den Niedergang verwalten, sondern die Zeitung in die Zukunft bringen.“ Es ist ein Satz, wie ihn Verleger heute sagen.

Pfingsten ist mit der Zeitung auf-, aber nicht gerade in goldene Zeiten hineingewachsen. Eine Verlegerstochterkindheit beschreibt sie so: „Wenn der Vater einen solchen Betrieb leitet, sitzt das Unternehmen mittags mit am Tisch – wie der etwas komisch riechende Onkel.“ Ernst Andreas Pfingsten erzählte, wenn es Ärger in der Redaktion gab, die Mutter schimpfte manchmal über irgendeinen Bericht, und der Vater erklärte dann wiederum, dass die Redaktion unabhängig vom Verleger arbeite und er da nicht hineindiktieren wolle. Nie sei sie gedrängt worden, die Nachfolge anzunehmen, betont Pfingsten, aber als sie im Jugendalter sagte, sie wolle später „irgendwas mit Schreiben“ machen, war der Vater nicht traurig, und auch nicht, als sie Kulturwissenschaften in Hildesheim studierte, wo sie ihren heutigen Mann kennenlernte, damals noch BWL-Student. 2013 übernahm das Paar als Tandem das Blatt.

Da hatte sich die Welt schon lange weitergedreht. Sie war schneller geworden, und noch nie war es so schwer gewesen, Verleger zu sein, wie heute, in Zeiten des Internets.

Früher war in einer Stadt wie Celle interessant, was in der Zeitung stand, vom Schützenfest im Lokalteil über die Kriminalfälle im Vermischten bis hin zur Politik auf der Kommentarseite. Doch heute kann ein Sack Reis, der in China umfällt, weltweit, auch im Celler Land, zur Sensation werden, sofern er einem Reisbauern auf den Fuß fällt, dieser dabei ulkig genug schaut und der Vorgang auf Youtube gestellt wird. Oder ein paar grölende Pegida-Anhänger, wenn sie der Chefredakteur der CZ auf Facebook postet.

Der Anspruch an Medien ist vielfältiger geworden, seit jede Neigung und jedes Interessensgebiet über Breitbandkabel mit Reizen und Informationen versorgt werden kann. Das Welt- und Meinungsbild hat sich aufgefächert. Man kann in Celle die Washington- genauso so wie die Phnom-Phen-Post lesen und jeden wirren Verschwörungs-Blog. Nachrichten werden manchmal bereits Minuten nach dem Ereignis der Weltbevölkerung zugänglich gemacht, ausgewählt nach dem Kriterium, was sich am spannendsten liest, gründlicher recherchiert wird später. Und all das bekommt man weitgehend kostenlos, während man für ein Jahresabo der CZ 31,60 Euro im Monat hinlegen muss.

Jene Zeitung, die lange davon lebte, morgens vorne die überregionalen Neuigkeiten vom Vortag anzubieten und hinten alles, was gestern oder noch früher in der Stadt und im Kreis passiert ist, garniert mit ein paar Ankündigungen. Die Auflagenzahl ist seit 1998 um mehr als 21 Prozent zurückgegangen.

Ernst Andreas Pfingsten sagt, er habe irgendwann selbst gemerkt, dass es Zeit war, den Stab weiterzugeben. Der Senior, ein Mann mit altersweisem knorrigem Gesicht, sitzt in seinem kleinen Zimmer am anderen Ende des Ganges, das schwarze Jackett, das mit spitzen Schultern fledermausartig über seiner Bürostuhllehne hängt, verleiht dem Raum etwas fossiles, wie in einer uralten Höhle. Er wurde 1984 Verleger, als sein Vater überraschend starb. Ernst Andreas Pfingstens heute verstorbener Bruder Georg-Christian, ausgebildeter Journalist, war bereits im Unternehmen. Ernst Andreas, studierter Jurist,  kümmerte sich fortan ums Geschäftliche. Die 80er. Goldene Zeiten. „Bei Beginn meiner Tätigkeit habe ich viel stärker an die Tagsezeitung in der damals daliegenden Form gedacht. Erst später bin ich zu der Meinung gekommen, es müsse sich in der Tat was tun“, sagt Pfingsten, der seine Sätze so sorgfältig drechselt, wie Juristen es nun mal tun.

Bis zuletzt arbeitete er ohne Computer. Wenn er doch mal etwas aus diesem Internet brauchte, ließ er es sich von seiner Sekretärin ausdrucken, selbst im Jahr 2012 noch. In Celle war da bereits ein Online-Magazin gegründet worden, das der Zeitung bis heute mit wenig Aufwand große Konkurrenz macht. Und Immobilien- und Stellenanzeigen wurden von den Leuten mittlerweile bevorzugt ins Internet gestellt.

Aber es ist auch Ausdruck von Weitsicht, wenn man erkennt, dass man nicht mehr auf der Höhe der Zeit ist. Der Abgang dürfte ihm dennoch nicht leicht gefallen sein.

Ernst Andreas Pfingsten genoss es, eine öffentliche  Figur zu sein. Der Herr jener Einrichtung, die die Meinung der Stadt prägte, wie keine andere, geladen zu Festakten, angesprochen auf dem Marktplatz. „Man lernt in diesem Beruf eine andere Vielzahl von Menschen kennen, als wenn man Direktor einer Schraubenfabrik wäre“, sagt er.

Seine Tochter sagt: „Ich vertrete das Unternehmen, aber ansonsten sehe ich mich als Privatperson.“ So wenig Grußworte wie möglich, bitte keine Podiumsreden und kein Händeschütteln vor den hauseigenen Fotografen. Es ist schwerer geworden, sich als Verleger im Honoratiorentum zu sonnen. Der Ton ist rauer geworden, das Misstrauen größer. Die kostenlose Vielfalt im Internet hat zu so vielfältigem Unfug geführt, dass keiner mehr weiß, wem er publizistisch trauen kann, und darum misstraut man am besten allen.

Durfte Ernst Andreas Pfingsten den eingeschnappten Blick eines Bürgermeisters nach einem kritischen Bericht noch als Ehrbekundung gegenüber der unabhängigen Presse deuten, so werden heute auf Zeitungsverleger und Redakteure wüste Beleidigungen und manchmal sogar Morddrohungen aus dem anonymen Dickicht von Internetforen oder Facebook abgefeuert. Sogar in ihrem Bekanntenkreis bekommt Friederike Pfingsten manchmal Verschwörungstheorien über die „Lügenpresse“ zu hören.

Auch die Zeitung hat sich verändert. Die Cellesche im Jahr 2017: Die Produktionstechnik wurde so umgestellt, dass die Artikel auch auf der Homepage zu lesen sind, manche umsonst, viele kostenpflichtig. Das Problem im Jahr 2017: Kaum jemand ist bereit, Geld für Journalismus im Internet zu zahlen, bei der Celleschen sind es gerade mal rund 1000 Leser, die das Digital-Abo nutzen.

„Unser Hauptaugenmerk liegt weiterhin auf der Zeitung“, sagt darum der Mann, der sein Büro gleich neben der Verlegerin hat. Chefredakteur Leineweber, Jahrgang 1965, hat sein Volontariat 1987 gemacht, er ist ein Journalist alter Schule.

Bevor er vergangenes Jahr sein verwackeltes Merkel-Filmchen auf Facebook stellte, hatte er kurz nachgedacht: Ist solch ein flott gepostetes Video nicht unjournalistisch? Ohne zu erklären, dass es nur eine kleine Minderheit war, die da lärmte, noch dazu offenbar extra zum Brüllen angereist? Es sind die Fragen, die einen guten Journalisten auszeichnen. Aber es sind Schnelligkeit, Unmittelbarkeit und starke Reize, die ein Medium für die neuen Konsumenten des digitalen Zeitalters attraktiv machen.

„Auch das muss man bedienen. So ist der Lauf der Dinge“, sagt Leineweber. Er klingt nicht resigniert, sondern wie eine sachliche Feststellung.

Der Chefredakteur muss im Jahr 2017 den Spagat zwischen der alten und der neuen Welt hinzubekommen. Die Stammleser sichern der Zeitung zwar das Überleben, doch wenn es ihr nicht gelingt, den Nachwuchs neugierig zu machen, wird sie mit ihrer traditionellen Kundschaft aussterben. Spektakel im Internet reicht jedoch nicht aus. Wenn man Geld verdienen will, muss man die neue Klientel dazu bringen, die Zeitung zu kaufen.

Mit einer Kinderseite will die Cellesche die Kleinsten an sich binden. Es sollen häufiger „junge Themen“ im Hauptblatt stattfinden. Und wo früher die Losung galt, dass jeder im Verbreitungsgebiet einer Regionalzeitung möglichst einmal im Jahr seinen Namen im Blatt lesen soll, was sich vor allem mit ausufernden Berichten von Jahreshauptsammlungen erfüllen ließ, in holpriger Prosa verfasst von „Pressewarten“, packt die Cellesche heute alle Vereinsberichte einfach auf eine Seite. Die Kollegen in der Redaktion sollen ihre Kraft für andere Aufgaben verwenden.

Sie sollen dafür sorgen, dass die Cellesche weltläufiger daherkommt, um den globalisierten Interessen der jüngeren Leserschaft besser zu bedienen. Mehr Hintergründe recherchieren, als nur nachzuerzählen, was vor der Haustür so passiert ist. Dinge einordnen. Und irgendwie versuchen, die großen politischen Entwicklungen auf die kleine Stadt herunterzubrechen. Zu erklären: Was bedeutet das für die Region?

Größer denken, mit kleineren Einnahmen, das ist die Kunst im Jahr 2017.

Man hat jetzt einen Newsroom, in dem die Redakteure um einen runden Tisch vor ihren Rechnern sitzen, und sich per Zuruf verständigen können. Das ändert zwar nichts daran, dass die Zeitung immer noch die Nachrichten von gestern bringt, aber man kann immerhin schneller auf Probleme oder geänderte Lagen reagieren. Es bietet Redakteuren das unangenehme Arbeitsklima, das  Großraumbüros nun mal ausstrahlen, aber es spart Zeit, bündelt Kräfte, es ist auch irgendwie moderner, hipper, und wenn man heute Schulklassen durch die Zeitung führt, muss man ihnen nicht mehr die olle Druckmaschine zeigen, um ein wenig Action zu bieten, und sie so für den Beruf des Journalisten zu begeistern, denn Nachwuchsmangel ist eine weitere der zahlreichen Sorgen, mit denen die Cellesche in ihr drittes Jahrhundert geht. Früher führte man aufwendige Auswahlverfahren durch, um Volontärsplätze zu vergeben, heute muss Leineweber manchmal andere Chefredakteure fragen, ob sie nicht irgendjemanden kennen, der für die Ausbildung zum Redakteur in Frage käme.

Es sind diese Geschichten, die man heute, im dritten Jahrhundert ihres Bestehens, von den Machern der Celleschen Zeitung erzählt bekommt, und darum ist es kein Wunder, dass sie ihr Jubiläum etwas zurückhaltender feiern. Immerhin führt das Schlosstheater Celle zu Ehren des Blattes ein Stück namens „Die Zeitung“ auf. Es spielt in der Zukunft, als die Zeitung zusammengebrochen ist und sich die Macher fragen, wie sie das Ende hätten verhindern können. Der Intendant Andreas Döring und der leitende Dramaturg Ralph Blase sagen, sie wollten es eigentlich im Jahr 2027 ansiedeln, aber die Leute von der Celleschen hätten gebeten: „Gebt uns doch wenigstens 30 Jahre.“

Chefredakteur Leineweber sagt ohnehin: „Ich glaube, die Zeitung wird es noch lange geben, auch als gedrucktes Medium.“ Und seine Verlegerin sagt: „Sieben Generationen vor uns haben es nicht versemmelt. Wir wollen uns da gerne einreihen und es auch nicht versemmeln.“

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Celle

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