CIAT, Celle

Autor:
Redaktion

Mit Hochglanz in die Vergangenheit  – CIAT. internationales Tournier für traditionelle Anspannung

von Charlotte Gräfin von Saurma

Einmal im Jahr treffen sich die Liebhaber historischer Gespanne in Celle zum Turnier. Dann spielt die Residenzstadt als Kulisse mit. Aber nicht die Fahrer sind die Stars, sondern ihre Wagen: Das ist Sport in absoluter Schönheit

Es ist wie opulentes Kino aus alten Zeiten. Als die Vergangenheit noch elegant und ohne Schuldbewusstsein war für einige wenige Privilegierte, also fern jeder Effektivität und Gemeinwohlverpflichtung. Eine Zeit, in der man mit glänzenden Kaleschen vor das Schloss vorfuhr, die Damen von Handschuh und Sonnenschirm beschützt, die Herren in makelloser Eleganz gewandet, die Dienerschaft in Livree natürlich hinten platziert. Das bunt gekleidete Fußvolk applaudierend in gebührender Distanz jenseits des Rasens, die Hunde folgen unsichtbar devot aufs Wort. Leise spielt Musik im Hintergrund, drei Herren ziehen zur Begrüßung ihre Hüte. Kaiserwetter natürlich. Haaalt, Brrrrrr.

Die Herren sind in Wahrheit das internationale Richtergremium, die feudale Kulisse ist das Celler Schloss, inzwischen im Besitz des Landes. Die Sonne lacht und das luxuriöse Amüsement mit Pferd und Wagen ist keine Reise in die Vergangenheit, sondern der erste Teil von insgesamt drei Prüfungen des CIAT, des Concours Internationaux d’Attelage de Tradition. Denn Celle ist europaweit einer der drei wichtigsten Orte für die CIAT: 2014 wird hier zum fünften Mal in Folge das „Internationale Turnier für traditionelle Anspannung“ ausgerichtet. Eine todernste Angelegenheit, Sport eben.

Die Präsentation ist die erste der insgesamt drei Prüfungen, alle 40 Teilnehmer aus acht Nationen fahren im Fünfminutentakt vor. Obwohl, Unikate lassen sich ihre Wagen doch klassifizieren: Da folgen also dem Damen Phaeton ein Dos à Dos, dem Victoria Mylord ein Deutscher Jagdwagen, der Mail Coach ein Tandem Dog Cart, ein schlichter Rollwagen und so weiter, mal ist es ein Vierspänner, mal ein Einspänner, ein Tandem, dann wieder Zweispänner – keiner der 33 unterschiedlichen Wagentypen plus Varianten gleicht dem anderen. Ähnlich bei den Pferden – vom kräftigen Rheinisch-Deutschen Kaltblut über durchtrainiert schlanke Trakehner bis zum winzigen Shetlandpony ist alles angespannt. Die Damen und Herren auf dem Bock sind passend zur Kutsche gekleidet – zu den roten Speichen ihres schwarzen Siamesischen Phaetons etwa trägt die schöne Polin eine rote Robe, der Schweizer zum ländlichen Break ein lustiges Jagdhütchen, der Deutsche zu seinem Wiener Wagen einen grünen Janker. Und natürlich hat der Nichtbesitzer des Gespanns keinen schwarzen Zylinder zu tragen, sondern nur einen grauen. Wie lässt sich so was überhaupt richten, Graf Schulenburg?

„Es ist die Harmonie“, hatte der über 80 Jahre alte Herr ein paar Tage zuvor im Gespräch gesagt, als er noch die Zeit hat, gelassen in seinem Wolfsburger Büro zu plaudern, „ob im Stehen oder in der Bewegung, jedes Gespann sollte den optischen Eindruck eines harmonischen Ganzen vermitteln. Dieser Eindruck bestimmt die Qualität des Ganzen. Das Gesamtbild aus den Bestandteilen Mensch, Pferd, Geschirr und Wagen ist das Wesentliche“. Während des Turniers dann muss Günzel Graf von der Schulenburg überall und nirgendwo sein – er ist zusammen mit dem Landgestüt Celle und der Reit- und Voltigiergemeinschaft Westercelle der Veranstalter des CIAT, sein Maestro, Organisator, Initiator, Sponsor, Redner, war lange Zeit oberster Verbandsfahrer und leidenschaftlicher Wagenlenker. Ihm liegen selbst Details wie der Tischschmuck fürs Galaessen am Herzen. „Alle arbeiten hier freiwillig, von der Protokollchefin bis zum Streckenrichter. Wir sind wie eine große Familie.“

Es ist Abend, die Gespanne sind in ihre Quartiere zurückgekehrt und die Protokollchefin Dorothea von Eberhardt, von allen liebevoll Dodo genannt und im Hauptberuf Eventmanagerin in Berlin, stellt die Fähnchen in der großen Reithalle des Landgestüts auf. Jeder packt an, kein Hauch von steifer Stimmung, sondern Engagement und Herzlichkeit. Das ist Tradition at its best. Und wo sonst die Celler Deckhengste viel Staub aufwirbeln, ist jetzt ganz groß eingedeckt, mit fünfarmigen Silberleuchtern und weißer Tischwäsche. Später wird es noch Reden geben, natürlich fließend dreisprachig. Auch Elizabeth Cartwright-Hignett, die alte Dame aus Wiltshire in Südengland, die seit 40 Jahren auf dem Bock sitzt und ausschaut wie Miss Marple leibhaftig, wird sich öffentlich bei ihren Grooms bedanken, den beiden Beifahrerinnen, die sie seit 16 Jahren zu all ihren Turnieren begleitet haben.

In den Stallungen hört man derweil das leise Mampfen der fast 90 Pferde, nur in den Schuppen wird schon wieder an den Wagen poliert, „das Putzen hört nie auf!“. Die sind nun mal das Wichtigste beim CIAT. Wenn es denn überhaupt etwas gibt, was all die 40 Kutschen eint, dann ist es ihr Alter, denn alle Traditionswagen müssen vor dem Jahr 1945 gebaut worden sein. Dennoch glänzen die meisten so unverschämt gut, als seien sie soeben mit kostbarem Japanlack frisch überzogen worden. Die Szene der Traditionsfahrer ist klein und mitteilsam, man kennt sich, gibt sich gegenseitig Tipps: „Nimm meine Kette als Aufhalter, die ist beweglicher“ oder „die Bocklampe hab ich ihm besorgt“. Redet über geniale Restaurateure und geniale Preise: „Haben wir bei Mendyka in Polen machen lassen“ und „fahr zu Ton Wempe nach Belgien“ oder aber „Hansmeier in Kalletal trägt mindestens acht Schichten Speziallack auf“. Und natürlich weiß man voneinander, wer was bezahlt hat.

Tatsächlich lebt die Bedeutung eines historischen Wagens von dessen Authentizität; jede Abänderung von alten Teilen oder Hinzufügung neuer Komponenten wie beispielsweise Scheibenbremsen schmälert dessen Wert – und gibt entsprechenden Punktabzug. Das gilt beispielsweise für den Ersatz des Verdecks oder der Sitze aus altem Leder durch neues Kunstleder wie für die Füllung der Kissen durch Schaumgummi statt Rosshaar oder Wolle. Und selbstverständlich ist eine rissige Originallackierung natürlich tausend Mal besser als ein neuer Anstrich – man unterscheidet zwischen Konservierung und Restaurierung. Doch so ein perfekt restaurierter Oldtimer kann auch schon mal an die 200 000 Euro kosten.

Tag Zwei ist anstrengend, da wird Optik unwichtig. Er beginnt morgens mit der 15 Kilometer langen Geländefahrt durch Celle und Umgebung, die in einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 13 Kilometer die Stunde zu bewältigen ist, unterbrochen von fünf Geschicklichkeitsaufgaben. Nun mag sich so etwas wie „Volte im Trab mit einer Hand durch zwei Kegel“ leicht anhören, ist aber einhändig und ohne zu bremsen verdammt schwer. Auch am „drei Meter Rückwärtsrichten“ im Französischen Garten scheitern erstaunlich viele. Nicht genug geübt, kommentiert trocken der Streckenrichter. „Das sind allesamt Gehorsamkeitsprüfungen“, so von der Schulenburg, „durch diese Prüfungen ersparen wir uns jene Fahrer, die mit viel Geld teure Equipagen wie Pferde gekauft haben, aber gefährlich weil schlecht fahren“. Es geht nicht nur um den historisch wertvollsten Wagen, sondern auch um fahrerisches Können.

Und doch geht es nicht um Plaketten oder Medaillen, es gibt auch kein Geld. Es geht um das Wissen um die Sache: Wer sich auskennt in dem Universum der vielen Modelle, ihrer technischen Details, Materialkunde, Regelwerk, Kulturhistorie, gehört dazu. Es geht um das Geheimnis der Eingeweihten. Man kann es auch schlicht „Familie“ nennen.

So kommt es, dass nicht jeder, der nennt, auch mitfahren darf. Die 40 Angestellten des Celler Landgestüts, auf dem die Fahrer vor dem Turnier einquartiert wurden, spielen als inoffizielle Hilfsrichter eine wichtige Rolle. Von der Schulenburg: „Wenn ich von den Gestüten schon zu hören bekomme, der Mann sollte lieber mit einer Schubkarre fahren statt mit einer Equipage, dann muss er auch nicht mitfahren.“ Dafür tun das erstaunlich viele ehemalige Turnierfahrer, Weltmeister, Olympiateilnehmer, allen voran Jürgen Matthies, Ekkert Meinecke, Manfred Riegger, Heinrich Lindemann und Siegfried Kusel. Das traditionelle Fahren hat für diese Ex-Leistungssportler großen Reiz, weil von hohem Anspruch aber ohne Hektik. Das macht das CIAT in Celle so einmalig.

Es ist Sonntagnachmittag und der Zuschauerauflauf um den ehrwürdigen Paradeplatz des Niedersächsischen Landgestüts groß. Die Gespanne treten zum letzten Mal im dritten Teil der Prüfung gegeneinander an, dem Kegelfahren. Dabei muss ein Parcours aus einer (je nach Gespann unterschiedlich eng gestellten) Vielzahl von Kegeltoren in einer bestimmten Reihenfolge durchfahren werden, auch die vorgegebene Zeit ändert sich nach Wagen und Pferden. Ohne zu bremsen, also hohe Dressur und für einen Einspänner mit wendigem Pony allemal leichter als für einen Randomfahrer, dessen drei Pferde hintereinander laufen. „Das Schwierigste ist,“ , sagt Manfred Riegger, „dass die Pferde alleine laufen müssen.“ Da ist höchste Steuerkunst gefragt und absoluter Gehorsam. Rieggers Steuerkünste sind noch beeindruckender, wenn man weiß, dass das erste Pferd in seinem Gespann blind ist.

Es gibt Musik, Eleganz, Tradition, Hundegebell, Pferdewiehern, Nationalhymnen – jene sehr besondere Stimmung. Und viele Schleifen, denn letztendlich hat jeder gewonnen, wie es sich eben gehört in einer guten Familie. Zuvor hatte der Chefrichter Christian de Langlade noch verkündet, dass der historische Fahrsport mittlerweile als Weltkulturerbe anerkannt worden sei. Am Ende werden die Zelte hinter den Stallungen abgebaut, die Bocklampen abgeschraubt und die prächtigen Kutschen wieder vorsichtig in Plastikfolie gehüllt. Damit die Weltkulturerbesportler im nächsten Jahr nicht so viel putzen müssen.

Ein Bericht aus dem LANDLUFT-Cellerland Magazin 2015

Fotos: Jacques Toffi – (C) www.landluft-celle.de, 2015

Themen:
Raum Celle

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