Eine verstörend-verwirrende, alles verändernde Tanzstunde im Malersaal des Celler Schlosstheaters

Autor:
Meggie Hönig

Haut fühlt sich an wie warmes Glas

„Ob Menschen sich verändern können – dafür liegen uns keine Daten vor”, glaubt Ever. Wie aber eine ungewöhnliche Tanzstunde das Leben zweier völlig unterschiedlicher Menschen verändern kann, zeigen zwei ebenfalls sehr unterschiedliche Darsteller auf nachgerade betörende Weise: Thomas Wenzel und Josephine Raschke sind Ever Montgomery und Senga Quinn. Jedenfalls für diese gut 100 Minuten der deutschsprachigen Erstaufführung des Stücks „Die Tanzstunde” des amerikanischen Autors Mark St. Germain – sein erfolgreichstes Stück im Übrigen, uraufgeführt im Jahr 2014.

Hautnah, wie immer im kleinen, intimen Malersaal, erleben wir, was passieren kann, wenn ein Professor der Geowissenschaften, bei dem das Asperger-Syndrom diagnostiziert worden ist, und eine Tänzerin, die statt schwerelos auf Ballettschuhen vor applaudierendem Publikum nach einem Unfall nun mit einer Beinorthese durch ihre Wohnung humpelt, aufeinander treffen. Natürlich nicht zufällig. Denn Ever, der Autist, hat sich auf Empfehlung des Hausmeisters ausgerechnet Senga, die noch vor Kurzem gefeierte Broadway-Tänzerin, als Tanzlehrerin ausgesucht. Natürlich nicht freiwillig. Sondern weil er sich durch eine „soziale Verpflichtung”, nämlich ein Galadiner, bei dem er obendrein geehrt werden soll, dazu gezwungen sieht. Er bietet ihr ein absurd hohes Honorar für eine einzige Stunde Tanzunterricht an, exakt 2.153 Dollar.

Obwohl man sich fast denken kann, was im Folgenden passiert, bleibt doch jede Minute spannend. Manchmal auch lustig, weniger witzig – denn Ever versteht keine Witze, also macht er auch keine. Manchmal traurig. Oft rührend und verstörend, weniger verwirrend. „Ich bin verstört, aber nicht verwirrt”, stellt Ever klar.

Ein perfektes Zusammenspiel von Regie (Petra Jenni), Bühne und Kostüm (Birgit Bott) und vor allem der Darsteller arbeitet die scheinbar unüberwindlichen Unterschiede heraus, die sich als dieselben Sehnsüchte der beiden Protagonisten herausstellen. Ja, „wir sind uns sehr ähnlich!” Ever hört klassische Musik, Senga Mainstream-Rock-Pop, er sitzt in einem cool-hellblauen Sessel, sie auf einem bunten Sofa mit gefühlt tausend bunten, durchwühlten Kissen, er trägt ein nichtssagend-dunkles Polo-Shirt (davon hat er gleich einen ganzen Schrank voll), sie eher so was wie Home-Gammel-Look, er liest, sie trinkt Alkohol, er wohnt oben, sie haust unten im Haus … Sie tanzt (trotz Orthese) und gibt sich der Musik hin, bis in die Fußspitzen, mit Leib und Seele, er analysiert den Rhythm of the Night, zählt den Takt, bewegt sich anomal linkisch – und lächelt verkrampft, „damit’s aussieht, als ob’s ihm Spaß macht”. Das, was sie verbindet, ist ihr Handicap, ihr Nicht-normal-sein. Und die Sehnsucht nach Liebe.

Großartig hilflos, wie Thomas Wenzels Ever nicht in der Lage ist, die spontane, emphatische Senga in den Arm zu nehmen, noch nicht einmal sie zu berühren. In was für abartig-zackige Bewegungen sich die ersten Tanzversuche verkrampfen, wie zögerlich-skeptisch er in den Vorschlag zum Erstmal-Hände-Luftschütteln einwilligt. „Ganz schrecklich sind die Umarmer, die Händeschüttler, die Wangenküsser.” Wie er lautlos schreiend dann bei der ersten Umarmung leidet, abrupt heftig zudrückt – und sich dann zuerst die verkrampften Hände und nur langsam die schmerzerfüllten Gesichtszüge lösen. Was für eine beherrschte Mimik.

Und Senga, das heißt: Josephine Raschke? Sie zeigt die ganze große Palette an Gefühlen, Gefühlsausbrüchen, Verzweiflung und Selbstzweifeln. Sie lacht, sie weint, sie wütet – und verführt so provozierend erotisch wie entzückend sinnlich. Mit Schwung, und den hat sie weiß Gott, wirft sie ihre „Klamotten” in die Ecke. Er zieht sich langsam, ein Stück nach dem anderen, aus und legt seine Sachen sorgfältig und bedächtig zusammen. „Haut fühlt sich an wie warmes Glas.” Das ist nur einer der Höhepunkte, den beide, Josephine Raschke und Thomas Wenzel, so wunderbar gemeinsam zelebrieren.

Ihre Träume von super woman sind ausgeträumt, seine Ängste vor Berührungen ausgeräumt. Ever und Senga sind (geht das überhaupt?) bereit für Veränderungen, ja, sie haben die Courage, sich auf den anderen einzulassen. Und so tanzen sie den Tanz, gemeinsam, glücklich, fröhlich, befreit – und drehen sich schneller, immer schneller im selben Takt. „Ich will nicht allein sein.” Sie sind nicht allein. Das Publikum tanzt mit, wenigstens in Gedanken, auf dem Nachhauseweg vielleicht den Schlossplatz hinunter in die herbstliche Nacht. Applaus!

Alle Fotos: Alex Sorokin
Mit Josephine Raschke als „Senga Quinn“ und Thomas Wenzel als „Ever Montgomery“.

Weitere Infos und alle Termine auf http://schlosstheater-celle.de/

Themen:
Malersaal

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