Uraufführung im Celler Schlosstheater: „Das Evangelium nach Jimmy“

Autor:
Meggie Hönig

„In gewisser Weise haben wir eine frohe Botschaft.“

„Welcher Christus ist der wahre Christus? … Der Christus der Träume oder der Christus der Wirklichkeit?“ ­– Eine Antwort auf diese Fragen gibt das Stück „Evangelium nach Jimmy” nicht, das als vorletzte Premiere der diesjährigen Theatersaison auf der Hauptbühne des Celler Schlosstheaters gegeben wurde. Im Gegenteil: Es wirft neue, andere Fragen auf und hat gar nicht den Anspruch, irgendwelche Fragen beantworten zu wollen.

Und wenn Andreas Döring, der Intendant des Schlosstheaters, hier selbst Regie führt und obendrein die Theaterfassung zum Roman des 1960 geborenen französischen Schriftstellers Didier van Cauwelaert selbst schreibt, können wir sicher sein, dass alle inhaltlichen, emotionalen und spirituellen Facetten berücksichtigt werden. „Evangelium nach Jimmy“ heißt der leicht irritierende Titel des Romans und des Theaterstücks. Was haben wir in unserer heutigen Zeit noch mit dem Evangelium zu tun? Und was um Gottes Willen mit Jesus, der Hauptperson des Evangeliums?

Das mögen sich im Vorfeld viele Theaterfreunde in der Tat gefragt haben, denn bedauerlicherweise war die Premierenvorstellung längst nicht ausverkauft.

Mit nachgerade göttlichem Blitz und Donner beginnt das Stück. Auftritt: drei Gestalten, drei Männer, hier und heute, die darüber diskutieren, welche Bedeutung sie dem Ergebnis einer Manipulation der DNA aus dem „Grabtuch von Turin“, auf dem angeblich Blutspuren Christi nachgewiesen werden konnten, schenken sollen. Es wird behauptet, Jimmy Wood, ein etwa 32-jähriger Schwimmbadreiniger aus Connecticut, der als Vollwaise aufwuchs und nichts über seine Eltern weiß, soll ein Klon Jesu sein. Das Projekt-Trio beschließt, Jimmy diese frohe Botschaft zu überbringen und ihn dann systematisch auf seine Rolle als neuer Jesus vorzubereiten. „… durch mich wird das Wort Fleisch! Ich werde aus dir den größten Fürsprecher der Liebe und der Vergebung seit zweitausend Jahren machen!“

Jimmy Wood, dieser bislang völlig unbedeutende Nullachtfuffzehn-Mensch, der gerade an den Nachwehen einer verlorenen Liebe leidet, ist zuerst schockiert, beginnt dann aber, mit Hilfe eines ganzen Heers von Psychologen, Stylisten, die auch äußerlich aus ihm einen Jesus machen, und anderen Beratern sich in seine neue Rolle hineinzufinden. Bisher in keiner Weise religiös oder gläubig, liest er nun in der Bibel, die für ihn zunächst an vielen Stellen absurd erscheint, und gewinnt die Überzeugung, dass er sogar Wunder vollbringen kann. So heilt er Wunden, gibt einem Blinden das Augenlicht zurück und lässt Tote wieder auferstehen. Je mehr Jimmy aber in die Rolle als neuer Messias hineinwächst, desto mehr gerät die ganze Geschichte außer Kontrolle. Sein Auftritt beim Papst wird zum Fiasko. Bei einer angeblichen Wunderheilung in Lourdes stellt sich heraus, dass alle Wunder, die er glaubt, vollbracht zu haben, nur vorgetäuscht sind. Nach einem Fernsehauftritt werden ihm alle weiteren öffentlichen Auftritte per Vertrag verboten. Er erkennt, dass er aus machtpolitischem Kalkül manipuliert und instrumentalisiert wird – vom gesamten Projektteam und sogar vom Papst.

Er rebelliert: „Ich will meine Seele nicht verkaufen.“ Und ist plötzlich nicht mehr der, zu dem man ihn hat machen wollen. „Die Kopie stimmt nicht mit dem Original überein.“ So gibt es eine Internet-Abstimmung darüber, was mit dem Jesus-Klon passieren soll, ob er – wie sein Vorgänger – gegeißelt und ans Kreuz geschlagen werden soll. Millionen fordern seinen Tod. Schon auf dem Kreuzweg – hier auf der Bühne dramatisch im oberammergaufestspieltypischen Jesusgewand – lehnen dann aber achtzig Prozent der Befragten Jimmys Tod ab. Jimmy wird gerettet und kann endlich als Mensch Jimmy die – irdische – Liebe leben, die ihm Kim, obschon auch sie zum Manipulationsteam gehört, schon die ganze Zeit über angeboten hat.

„So gesehen handelt das Stück von Manipulation, Autosuggestion, Identitätsverlust und Identitätsänderung,“ sagt Andreas Döring. Braucht es für diese stets aktuelle Thematik einen neuen Messias?

In komplexen, teilweise unverständlich langen und schnellen, oft gegeneinander gesprochen Dialogen setzt Döring den Roman Cauwelaerts, dessen philosophische, ins Schwätzerische geratene Ausschweifungen Kritik hervorgerufen haben, um und übernimmt teilweise wörtlich dessen unspektakuläre, triviale Sprache. Vieles gerät – gewollt oder ungewollt? – ins Satirische, Komische, Lächerliche.

In einer eindrucksvollen, dennoch reduzierten Bühnenarchitektur, für die Martin Käser ebenso wie für die Kostüme verantwortlich zeichnet, agieren die Schauspieler konzentriert, abwechslungsreich sowie mit einer brillianten Sprechtechnik und Sprachfertigkeit. Außer Rasmus Max Wirth, der die Rolle des Jimmy übernimmt und wieder einmal seine unbändige Freude am Theaterspielen gekonnt unter Beweis stellt, treten alle fünf Schauspieler in mehreren Rollen auf, die manchmal etwas zu klischeehaft und undifferenziert geraten. Das mag aber sicher dem absurden Stoff des Stücks geschuldet sein und schmälert nicht die insgesamt beeindruckende schaupielerische Leistung (Josephine Raschke, überzeugend emotional vor allem als Kim Wattfield, Tanja Kübler, unglaublich vielseitig in allen ihren Rollen).

Ein Theaterabend mit etwas zuviel Theater und etwas zu wenig Tiefgang, mit einem sicher reizvollen Was-wäre-wenn-Gedankenspiel, aber mit dem Nachgeschmack der Oberflächlichkeit bei zu hohem moralischem Anspruch. Das Premierenpublikum dankte mit anerkennendem, eher zurückhaltendem Applaus.

Fotograf aller Bilder ist Benjamin Westhoff.

Foto 1: Rasmus Max Wirth als Jimmy Wood
Foto 2 v.l.n.r.: Johann Schibli, Josephine Raschke, Dirk Böther, Tanja Kübler, Thomas Wenzel
Foto 3 v.l.n.r.: Tanja Kübler, Johann Schibli, Rasmus Max Wirth, Thomas Wenzel, Dirk Böther
Foto 4 v.l.n.r.: Johann Schibli, Rasmus Max Wirth
Foto 5 v.l.n.r.: Rasmus Max Wirth, Johann Schibli
Foto 6 und 7: Ensemble
Foto 8 v.l.n.r.: Rasmus Max Wirth, Tanja Kübler, Johann Schibli, Thomas Wenzel, Dirk Böther

 

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