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Celle – Leben mit Fachwerk

Autor:
Redaktion

Neues Leben für altes Fachwerk

Ein Bericht von Iha von der Schulenburg; Fotos: Hubertus Blume

Sie sind alt, krumm und schief. Sie können hohe Kosten verursachen. Sie widersetzen sich so manchen Gesetzen der Logik. Und trotzdem lieben wir sie. Oder gerade deshalb. Alte Fachwerkhäuser sind nicht nur schön, sie scheinen eine Seele zu haben, die uns berührt. Sie atmen sogar. Ihre Geschichte und ihre Geschichten bewahren sie in ihren bejahrten Wänden, ihren knarzenden Treppenstufen und verborgenen Winkeln. Und manchmal geben sie eines ihrer vielen Geheimnisse preis…

Die Überraschung wartet im ersten Stock. Von außen ist noch nicht zu ahnen, was sich hinter der schönen Fassade des alten Fachwerkhauses am Großen Plan 23 abspielt. Es gehört zwar nicht zu den prächtigsten Celler Schmuckstücken, aber diese Hausanlage ist eine der wenigen, die in ihrer ursprünglichen, über dreihundert Jahre alten Form erhalten ist. Mit seinen zart verzierten Eckständern schmiegt sich das Haus harmonisch in die Reihe des Großen Plans ein. Die grüne Farbe des Erdgeschosses wird verziert von roten und goldenen Streifen an den hölzernen Vorsprüngen der Fassade (im Fachjargon: Geschossvorkragungen). In Gold prangt über der dem Eingang „Goldschmied Karl Bade“.

Die Hausherrin Susanne Bade führt ihre beliebte Goldschmiede mit Leidenschaft, mit dem Geschäft und ihrem großen Haus ist sie seit ihrer Kindheit verbunden. Sie erzählt, dass der hohe Ahornbaum, der hoch aus dem schmalen dreistöckigen Innenhof herausragt, zur Geburt ihres Vater vor einhundert Jahren gepflanzt wurde. Als „das teuerste Subjekt des Hauses“ bezeichnet sie ihn liebevoll, denn alljährlich müssen Dachdecker seine Blätter aus den Regenrinnen entfernen. Aber den Baum fällen wegen der hohen Kosten? Das kommt überhaupt nicht in Frage, „dann würden wir unsere Verbindung nach unten kappen“, sagt sie. Frau Bade ist hier so fest verwurzelt wie ihr Baum. Sie ist hier aufgewachsen und das Haus ist voller Erinnerungen für sie.

Viele der über zwanzig Räume hatten schon immer einen eigenen Namen, sonst hätten sich die Familienmitglieder so manches Mal verfehlt. Der „Pferdestall“ liegt auf der Hinterseite des Innenhofes. Auf dem Weg zur Straße mussten die Pferde durch den Flur geführt werden. In der „Werkstatt“, dem Herzstück des Hauses, wird auch heute noch Schmuck angefertigt, an traditionellen Werkbänken des frühen 20. Jahrhunderts.

Die Wände zeigen die Spuren des früheren Werkstatt-Lebens: Mitte des letzten Jahrhunderts saßen hier nämlich Großvater Bade und sein Freund, der Maler Erich Klahn gesellig beisammen. Irgendwann beschlossen die beiden, dass die nackten Wände gut ein paar Pinselstriche vertragen könnten.

Und so zeichnete Herr Klahn den „Tanz um das Goldene Kalb“ und „Moses mit den Gesetzestafeln“ in Rot und Goldbronze an die Wand. Gegenüber, in die „unanständige Ecke“, kamen sehr sparsam bekleidete Rheingold-Töchter. Und einen Holzbalken verzieren und Adam und Eva, die Scham züchtig von einem Holzlöffel verdeckt. Man ahnt, dass die Herren ihren Spaß hatten!

Nicht ganz so viel Spaß hatte später Susanne Bades Mutter mit diesen Wänden. Denn es ging ihnen schlecht. Im Nebenhaus hatte nämlich der Besitzer für sein Autohaus ein Glasdach über den Innenhof errichten lassen. Und er hatte auch die „Zwische“, den schmalen Raum zwischen den Häusern überdacht. Durch diesen Luftspalt „atmen“ die engstehenden Fachwerkhäuser, er ist überlebenswichtig für sie. Nur wenige Jahre nachdem der Nachbar sein Glasdach gebaut hatte, waren genau an dieser Wand die jahrhundertealten Ständer in Bade´s Haus verfault und mussten ausgetauscht werden. Den gemalten Geschichten drohte der Untergang.

In einem aufwändigen Verfahren wurden sie auf Baumwollstoff kopiert und – nachdem die Ständer ausgetauscht waren – wieder aufgebracht. Frau Bades Mutter musste für die ganze Angelegenheit damals einhunderttausend Mark berappen – wovon die Stiftung Denkmalschutz etwa zwanzigtausend Mark übernahm.  Zur kostspieligen Restaurierung sagt Susanne Bade ohne Gram „Wir sind sechs Tage im Betrieb. Und sonntags in der Kirche. Wir brauchen kein Haus auf Mallorca.“ Und damit spielt sie auch auf das an, was sich in den oberen Geschossen gerade abspielt: Das ehemals großbürgerliche Haus sieht aus wie eine Ruine.

Man betritt zunächst den Flur, der wegen seiner vielen Zimmertüren, die wie Abteile abzweigen, früher „D-Zug“ genannt wurde. Und im Zimmer namens „Kegelbahn“ würde eine Kugel auch heute noch in die Ecke rollen, so abschüssig ist der Boden. Aber wo früher einmal teure Tapeten die Wände zierten, ist nun der gesamte Putz abgeklopft und liegt als Lehmhaufen am Boden. Die hölzernen Laibungen um die Fenster mussten raus, weil Schädlinge, „ungebetene Gäste“ wie Frau Bade sie nennt, sie angefressen hatten. An manchen Stellen kann man bis ins Freie schauen.

Eine Kernsanierung ist hier im Gange, so hat es die ganze Familie Bade beschlossen. Insgesamt ist das Haus in einem erstaunlich guten Zustand, seine Erbauer vor drei Jahrhunderten hatten gute Arbeit geleistet. Allerdings wurde es bei Ostwind nie wärmer als 18 Grad. Das soll nun anders werden, mit kuscheliger Isolierung und neuen Fenstern. Denkmalschutz und Brandschutz haben da natürlich auch ein Wörtchen mitzureden.

Das Feindbild vom „bösen“ Denkmalschutz hat Frau Bade nicht. Im Gegenteil, sie sagt „Wenn es die Denkmalpflege nicht gäbe, würden unsere Städte ganz anders aussehen“. Mit mindestens 400.000 € Umbaukosten muss sie rechnen, die Stadt gibt den Höchstsatz von 150.000 € für Denkmalspflege dazu. Wenn es fertig ist, sollen in den oberen Etagen einmal Mieter einziehen, die respektvoll mit dem Haus umgehen.

Diese Baustelle wird nicht morgen fertig und auch nicht übermorgen. „Bei einem Haus, das 325 Jahre alt ist, bin ich nur ein kleiner Teil im Zeitlauf“ sagt Frau Bade.

Ihr Architekt Andreas Brüggemann aus Celle hat sich spezialisiert auf  Denkmalpflege. Er ist auch Vereinsvorsitzender des „Kulturkreis Fachwerk im Celler Land e. V.“, einer Informationsquelle für Fachwerkinteressierte. Immerhin kann Celle mit etwa 350 Objekten das größte Fachwerk-Ensemble Europas aufweisen. „Es gibt mal einen Riss, es fällt mal was runter, es ist schief. Ein Fachwerkhaus muss man leben wollen“ sagt der Architekt. Viele alte Häuser sind durch Rauhfaser-Tapeten und Acryl-Farben in die Knie gezwungen worden. Heute renoviert man mit Rücksicht auf den Feuchtigkeits-Austausch.

Auch ein paar Meter vom Großen Plan 23 entfernt, in der Bergstraße 48, ist Andreas Brüggemann der zuständige Architekt. Noch vor einem halben Jahr stand hier nur noch ein Skelett vom Haus. Die Gefache waren leer und an der hinteren Ecke stand das vorher abgesunkene Fundament auf Stelzen.

Andreas Brüggemann steckt einen Zollstock in einen Balken. Staub bröckelt heraus. Auch dieses Holz muss erneuert werden. Früher hat man gut erhaltene, wertvolle Balken und auch Steine weitergegeben, wenn der Rest eines Haus nicht mehr zu halten war. So bestand ein neues Haus manchmal aus verschiedenen alten Häusern.

Das Haus in der Bergstraße 48 ist eine große Herausforderung für Handwerker, weil das Fachwerk sehr in Mitleidenschaft gezogen ist. Jörg Leitenberger, dessen Zimmereibetrieb aus Eschede schon viele Fachwerkhäuser in ein neues Leben zimmerte, hat seine besten Spezialisten auf diese Baustelle geschickt. „Es ist selten, dass man bei einer so umfangreichen Sanierung auch noch gute Handwerkskunst anwenden kann.“ Zum Beispiel sind an den kaputten Stellen kunstvoll Ersatzhölzer eingesetzt worden, sogar die Maserung ist nachgefräst.

Die heutige Eigentümerin, Barbara Hofmann-Weseloh, bekam das Haus von ihren Eltern übertragen, die es vor fünfzig Jahren gekauft hatten. Das Erdgeschoss der Bergstraße 48 war nacheinander an ein Brauhaus, eine Weinstube, ein Tanzlokal, eine Schlachterei und zuletzt an ein China-Restaurant verpachtet. Erst jetzt konnte mit der Sanierung begonnen werden, weil alle Mietverträge im ganzen Haus ausgelaufen waren. Frau Hofmann-Weseloh liebt die besondere Atmosphäre des Hauses und möchte es wieder zu einem Schmuckstück machen, für spätere Generationen, die wissen sollen, was ein Denkmal ist.

In fast jedem Raum sind auch hier Lehmputzberge aufgehäuft. Spezialisten wie Malermeister Toni Kopmann aus Celle kennen sich gut aus mit dem alten Baustoff. „Ich verwende nur wirklich reinen Lehmputz. Die unterschiedlichen Farben kommen aus unterschiedlichen Schichten der Erde, nicht durch Pigmente.“ Erklärt Toni Koopmann, der sein Wissen in vielen Seminaren erweitert und schon viele Wände mit Lehm verputz hat. Heute wird Lehm gerne mal als High-Tech-Material deklariert. Auf der Architektur-Biennale 2016 in Venedig wurde er sogar als „Baumaterial der Zukunft“ ausgestellt. Dabei ist es sehr altes – nun wiederentdecktes – Wissen, dass Lehm Feuchtigkeit am besten aufnimmt und wieder abgibt. Und wiederverwendbar ist er eben auch – daher die Haufen in jedem Raum.

Zu Anfang der Sanierung gab das Haus ein paar Überraschungen preis: Hinter den Tapeten kamen vergilbte Handwerker-Quittungen von 1969 zum Vorschein: Stundenlohn sechs D-Mark! Unter dem Dach gab es kleine tapezierte Dachkammern. Hier müssen die Engländer nach dem Krieg „Displaced Persons“ untergebracht haben, also Zwangsarbeiter, ehemalige Häftlinge oder Kriegsgefangene, die aus Bergen-Belsen kamen. Dann gibt es hier Balkenkonstruktionen, die jeden Statiker vor Rätsel stellen: eigentlich können sie gar nicht halten. Aber sie tun es. Und die beiden Dachstühle offenbaren, dass das Haus eigentlich zwei Häuser sind, über ein großes Dach verbunden.

Das Miteinander in Celle muss zur Bauzeit der Innenstadt sehr freundschaftlich gewesen sein: Es gibt, wie hier in der Bergstraße, viele „gefangene Grundstücke“, das heißt, der Hinterhof ist nur über den Weg des Nachbarn zugänglich. Auch Wasserläufe gehen manchmal zum Nachbarn rüber, bis heute ist das so. Man redete eben miteinander. Und muss es auch heute tun, das verlangen diese Häuser. Für das immerhin 500 Quadratmeter große Erdgeschoss hält Frau Hofmann-Weseloh schon Ausschau nach einem Mieter. Mietbeginn? Da sagt sie im Hinblick auf die Handwerkskunst geduldig  „Es ist eben fertig, wenn es fertig ist.“

Wann das Fachwerkhaus auf dem Gelände der Lindhorst Unternehmensgruppe in Winsen/Aller fertig sein würde, stand von vorneherein fest. Seniorchef Jürgen Lindhorst führte den großen Firmenkomplex schon immer mit klarer Ansage. Insgesamt eineinhalb Jahre waren geplant – und wurden auch eingehalten.

Das ist nicht viel Zeit, wenn man ein ganzes Haus an einen anderen Ort versetzt und es dann auch noch umfangreich umbaut.

Die Lindhorst Gruppe – in vierter Generation in Landwirtschaft, Immobilien, Pflege- und Gesundheitszentren tätig – hätte für dringend benötigte Konferenzräume und Kantine einfach neu bauen können. Nun aber liebt Jürgen Lindhorst, der in Winsen aufgewachsen ist, altes Handwerk und die jahrhundertealte Bauweise seiner Heimat. Und er hatte sich in die Idee verliebt, auf dem modernen Betriebsgelände ein altes Fachwerkhaus aufzubauen. Also wurde eine Annonce aufgegeben.

Aus dreißig Angeboten suchte Familie Lindhorst dieses Haus in Lachendorf aus, um es vor dem Verfall zu retten. Es stand nicht unter Denkmalschutz und war sogar umsonst zu haben. Denn der Eigentümer sparte auf diesem Weg die Abrisskosten von etwa 30.000 Euro.

Balken um Riegel, Stiele um Strebe wurde abgetragen. Ein halbes Jahr lang lag das Haus in Einzelteilen, sorgfältig durchnummeriert auf dem Hof der Zimmerei Niebuhr Holzbau in Celle. Alexander Niebuhr ist auch Bau-Ingenieur und hatte schon Erfahrung mit dem Umzug ganzer Fachwerkhäuser. Nach einem halben Jahr Planungsphase begann der Wiederaufbau in Winsen. „Wir haben einzelne Bandelemente auf unserem Werkplatz vorgefertigt und dann zusammengefügt“ beschreibt er das Verfahren.

Nicht nur, dass der eine oder andere Balken erneuert werden musste, der Bauherr hatte auch genaue Vorstellungen von seinem neuen, alten Haus: Die Abstände der Stützpfeiler sollte verbreitert werden, um größere Freiflächen zu bekommen. Um die Statik zu erhalten waren dafür dickere Träger nötig. Kräftige Karwenzmänner aus dem eigenen Lindhorst-Wald stützen nun die Decke. Und für mehr Helligkeit sollten die Fenster bis zum Boden reichen. Um das ursprüngliche Aussehen dadurch nicht zu sehr zu verändern bekamen sie Stalltüren vorgesetzt. Und so kam ein Sonderwunsch zum anderen, was diesem Haus zu einem großzügigen modernen Inneren verhalf. Inklusive Kamin, High-Tech Kantinen-Küche – und Donnerbalken. Naja, zumindest äußerlich sehen sie so aus. Neben den eckigen Firmengebäuden strahlt das prachtvolle Fachwerkhaus nun eine Würde aus, die wohl kein modernes Haus erreichen kann.

Wenn Jürgen Lindhorst durch das wiederbelebte alte Haus geht, spürt man seine Begeisterung. Er hat hier gewissermaßen die Inschrift an den Balken seines Fachwerk-Wohnhauses verwirklicht: „Dat Ole ehrn – Dat Neie leern.  Dat Gaude mehrn  – Das Slechte wehrn“

So schön alles bis jetzt klang –  ein Fachwerkhaus kann auch eine Last sein. Wenn man nämlich die Fehler falscher Sanierungen ausbaden muss. So erging es zum Beispiel dem Autohaus Schmidt und Söhne mit dem Jessen-Haus in der Hannoverschen Straße. Lange war es ein bröckelnder Schandfleck im Celler Stadtbild gewesen.

Robert van`t Noordende, Geschäftsführer des Autohauses, erzählt, dass die Firma das Haus eigentlich abreißen wollte. Die Sanierungskosten wären an dieser lauten Hauptverkehrsstraße nicht durch Miete zu finanzieren. Abreißen? Da gab es Ärger mit dem Denkmalschutz. Also wurden jahrelang Rücklagen gebildet und vor der großen Sanierung wird erstmal das Notwendigste gemacht. „Wir wollten unbedingt heimische Handwerker beschäftigen“ sagt  Robert van`t Noordende, die Zimmerei „Holzwerk“ von Jörg Reinstorf aus Celle bekam den Auftrag.

Die Fachwerkwände sind nun ausgebessert und die Zimmerleute haben Holznägel eingehauen, wo vorher Metallnägel das Eichenholz zerstört hatten. Eine Folge unsachgemäßer Sanierung. Jörg Reinstorf beschäftigt in seinem „Holzwerk“ knapp vierzig Zimmerer und Dachdecker. Altbausanierungen sind seine Hauptarbeit. „Wenn unsere Altvorderen nicht so viel vom Bauen verstanden hätten, hätten die Häuser nicht 300 Jahre gehalten“ sagt er mit Respekt. Bei der Sanierung seines eigenen Fachwerkhauses fand Jörg Reinstorf übrigens ein altes Bajonett, unter der Holztreppe versenkt. Ihm hat er einen Ehrenplatz verschafft: es ist nun sichtbar, er hat es unter einem Bodenglas auf Samt gebettet.

Was kaum jemand zu sehen bekommt, ist das Innenleben des sanierten Hauses beim Autohaus Schmidt und Söhne in der Hannoverschen Straße: Hinter frisch saniertem Gefache und in fein vertäfelten Wänden befindet sich hier nun das wohl luxuriöseste Reifenlager Deutschlands.

Sicher wäre es oft billiger, ein neues Haus zu bauen, als ein altes Fachwerkhaus zu sanieren. Aber es ist gut, dass es Menschen gibt, die jahrhundertealte Handwerkskunst zu würdigen wissen und dieses Kulturgut für die nächsten Jahrhunderte bewahren.

(C) landluft-celle.de 2018

Themen:
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