Bargfeld – Lese-Konzert mit Hermann Wiedenroth und Isabel Maretón-Achsel, Landkreis Celle

Autor:
Redaktion

Leidenschaft und Emotion unter alten Eichen

Eindrücke von Rolf-Dieter Diehl

BARGFELD. Die Fähigkeit, das Innere zu öffnen und „selbstvergessen zu lauschen“, kommt uns Menschen zunehmend abhanden. Während wir zu allen Tageszeiten und von allen Seiten mit Musikkonserven „bedudelt“ werden, verlernen wir, unsere Ohren und uns selbst den inhaltsschönen Dingen des Lebens zu öffnen und hinzugeben. Umso willkommener sind konzertante Veranstaltungen, in deren Verlauf wir unbeschwert in uns, in die Musik und in die Stille dazwischen hineinhören und unseren ganz persönlichen Empfindungen und Gedanken dabei freien Lauf lassen können. Eine wunderbare Gelegenheit dazu bot sich am Sonntag den rund einhundert Zuhörern in „Roses Gutsscheune“ in Bargfeld, einem von alten Eichen umgebenen romantischen Anwesen. In einer gelungenen literarisch-musikalischen Mischung aus Leidenschaft und Emotion – romantisch, sinnlich und voll Poesie – boten Isabel Moretón-Achsel, Konzert-Harfenistin aus Hannover und Hochschuldozentin von internationalem Rang, und der heimische Rezitator Hermann Wiedenroth dem Publikum eine dreistündige Collage aus Harfenzauber und Wortwitz, in der eine poesievoll-träumerische Klangwelt auf erheiternd-ironische Verse traf.

Moretón-Achsel zog auf ihrer zu herrlichem Klangzauber fähigen Konzertharfe einen anspruchsvoll unterhaltsamen Querschnitt von der Renaissance bis zur Gegenwart, von Antoine Francisques Reigentänzen „Pavane et Bransles“ über die galante c-Moll-Barock-Sonate von Sophia Dussek-Corri und die pittoresk-tonmalerische Konzertetüde „Au Matin“ von Marcel Tournier bis zu den „Haikus for the Harp“ der zeitgenössischen Komponistin Susann McDonald. Es war ein Genuss, ihr farbenfroh perlendes, temperamentvoll ausgefeiltes und leidenschaftlich gestaltendes Fingerspiel auf den 47 Harfensaiten zu beobachten. Da gingen virtuose Passagen und Momente erfüllter Schlichtheit nahtlos ineinander über. Zarte Flageoletts zusammen mit sphärisch flirrenden Glissandi und rauschhaften Arpeggien vereinten sich dabei zu einer ungemein poesievoll-träumerischen Klangwelt. Sie schöpfte quasi aus dem Vollen, pflückte üppige Töne ebenso aus den Saiten wie zarteste Klanggespinste und verknüpfte tonales Raffinement mit fantastischem Esprit. Bis ins kleinste motivische Detail zeichnete sich ihr Spiel durch die adäquat nuancierte Farbigkeit dynamischer Schattierung und eine eindrucksvolle Präzision aus, wobei sie das Saitenkleid ihres „himmlischen“ Instrumentes mitunter wie einen filigranen Fächer auszubreiten wusste. Ihr ausgeprägtes Stilgefühl erwies sich als dabei zuverlässiger Garant für organisch fließende musikalische Abläufe, nicht zuletzt bei Carlos Salzedos modernem „Chanson dans la Nuit“, das sich mit seinen außergewöhnlichen, teils perkussiven Klängen als ungemein reich an Akzenten und Effekten erwies.

Im literarischen Programmteil erwies sich der Bargfelder Archivar und Verleger Hermann Wiedenroth einmal mehr als gewiefter Rezitator, der aus jeder kleinen Geschichte und aus jedem Gedicht ein spannendes Hörspiel zu gestalten versteht. Mit wohl gesetzten Worten servierte er den gespannt lauschenden Zuhörern im Wechsel mit Moretóns musikalischen Vorträgen hintergründig-humorvolle, aber auch nachdenkenswerte Sommerlektüre von Kurt Tucholskys „Feldfrüchte“ bis zu Mascha Kalékos „Eigenbrötlers Feriensolo“. Darunter auch Friedrich von Hagedorns „Die Landlust“ mit der sinnesübenden Anregung, „die Anmuth zu empfinden, die Land und Feld umgibt“ in einer natürlichen Umgebung, „wo dem Hirten Natur und Lust ersetzet, was ihm an Kunst gebricht“, und „wo Gesundheit und Vergnügen Aug’ und Herz belebt“. Auch Erich Kästners spöttelnd-ironisches Gedicht „Der Juli“ hatte es buchstäblich in sich, wo dort, wo „verborgen im Korn, auf zerdrücktem Mohn“ für „ein zerzaustes Pärchen das Märchen beginnt“, während die Bauern an Menschen, die „die Welt für ein Bilderbuch mit Ansichtskartenserien“ halten, „zu sehenswerten Preisen die Natur vermieten“, inclusive „den Blick auf die Kuh auf der Wiese“. Da hatten die begeisterten Zuhörer in der Pause und auch noch lange nach Ende der Veranstaltung bei kulinarischen Häppchen und einem guten Glas Wein genügend Anregungen für Gedankenaustausch und charmante Plaudereien mit- und übereinander.

Fotos: Martin Jähnichen
(C) landluft-celle.de

 

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