Ayad Akhtars „Geächtet” jetzt auch auf der Bühne des Celler Schlosstheaters

Autor:
Meggie Hönig

Nachdenken über sich selbst: Es ist Zeit aufzuwachen.

„»Geächtet« ist eine Komödie über religiöse und ethnische Identität, über Vorurteile in einem vermeintlich weltoffenen Milieu – und damit das Stück der Stunde“, schreibt Spiegel online über die Aufführung dieser „Islam-Komödie“ von Ayad Akhtar am Hamburger Schauspielhaus, die als deutsche Erstaufführung des Broadway-Erfolgs im Januar dieses Jahres den Auftakt gab für die Aufnahme ins Programm deutscher Bühnen quer durch die Lande.

Nun wagte sich auch das Schlosstheater Celle an dieses brisante Stück. Das Stück der Stunde, weil in diesen unseren schwierigen Zeiten der Islam mitten unter ist. Die einen sagen: „Es ist Zeit, dass wir aufwachen, dass der Islam auch zu uns gehört.“ Die anderen halten ihn für eine „rückständige Lebensweise” und für den Untergang unserer Kultur. Klar, dass das Stück polarisiert und polarisieren soll, im Publikum und auf der Bühne.

Lässige amerikanische Musik versetzt uns hinein in die Atmosphäre des american way of life, mitten ins Wohnzimmer eines wohlbetuchten Paares in New York. Mondäne Tapeten, großformatige (angedeutete) Bilder. Monströses Sofa. Opulente Bar mit vielen blankpolierten Gläsern und noch mehr bunten Flaschen. (Bühne und Kostüme: Martin Käser) Emily im silbergrauen, seidenen Hausmantel, zeichnend, malend. Amir im edlen Business-Anzug, dessen Hose er sich aber sogleich auszieht und in Socken, Boxer-Shorts, Hemd und Jacket seiner Frau Emily Modell steht, artig, Sklave seiner Frau, man ahnt den lächerlichen Hanswurst.

Wir erfahren, dass Amir Kapoor in einer renommierten Kanzlei in New York arbeitet, übrigens in einer jüdischen. Er trägt 600-Dollar(!)-Hemden (Wenn sein Hemd auf der Bühne doch auch so schneeweiß und proper und unerschwinglich teuer aussehen würde!) und liebt gutes Essen. Seine pakistanischen Wurzeln hat er jahrelang erfolgreich verleugnet, dank der Namensänderung: Aus einem muslimischen Amir Abdullah ist ein religionsloser Amir Kapoor geworden, ein Apostat, dem es gelungen ist, sich fabelhaft der amerikanischen Gesellschaft anzugleichen. Assimilation statt Integration.

Seine durch und durch amerikanische „weiße“ Frau Emily (Oh my God!) ist Künstlerin, erfolgreich, ihre erste große Einzelausstellung wird ja gerade geplant. Sie hat großes Interesse an muslimischer Kunst entwickelt, ob aus echtem Interesse für diese Kultur oder weil es angesagt, weiß man nicht genau.

Bei einem Abendessen mit dem jüdischen Kurator Isaac und dessen afroamerikanischer Frau Jory, die obendrein Kollegin und vor allem Konkurrentin in derselben Anwaltskanzlei wie Amir ist, gibt es nicht nur total leckeren Fenchel-Anchovis-Salat. Da treffen nun also alle möglichen Kulturen aufeinander. Als es zu einer Diskussion über religiöse, insbesondere über die islamischen Traditionen kommt, eskaliert die Chose. Amir, der gerade noch von den rückständigen Denk- und Lebensweisen der Muslime gesprochen hat und Muslime als Tiere beschimpft, gibt im Verlauf der Diskussion zu, dass er so etwas wie Stolz beim Terroranschlag des 11. September empfunden hat, „Stolz, dass wir endlich siegten“. Ein klammheimlicher Dschihadist also, der merkt, wie tief ihm seine Herkunft doch in den Knochen sitzt und bei dieser Erkenntnis über sich selbst entsetzt ist. Das bringt nicht nur sein Selbstbild ins Wanken, sondern der bisher selbstverständliche Waffenstillstand zwischen diesen vier Mehr-oder-weniger-Amerikanern artet in einen offenen Krieg aus. Amir wird selbst zum Tier, er schlägt seine Frau – er hat Blut an seinen Händen, hasst sich, weint.

Er verliert alles: seine Frau, die ihn verlässt; seinen Job, weil von seiner Kanzlei seine Identität geprüft wird, nachdem er seiner Frau und seinem gläubigen Neffen Abe zuliebe für einen Imam vor Gericht eintritt; seine Wohnung, weil er sie ja nicht mehr bezahlen kann.

So endet das Stück mit abgedecktem Sofa, in Noppenfolie verpackten Bildern, mit Pullover statt blütenweißem Hemd. Was erst so boulevardesk daherkommt, mit locker-leichten Sprüchen und einigen Portionen Selbstironie, stürzt in eine sprachlos machende Traurigkeit.

Nina Pichler inszeniert offensichtlich ziemlich dicht am Text, schlüssig sicherlich, aber ohne große Spannungsbögen. Die großen Themen wie Identität, Religionszugehörigkeit, Migration, Integration und Terrorismus werden angerissen, in teilweise höchst intellektuellen Gesprächen diskutiert – oft wenig glaubhaft. Amir (Felix Meyer) verkörpert zu wenig den selbstbewussten Upper-Class-Businessman einerseits, zu wenig auch den muslimischen Pakistani. Isaac trägt lachhafte Knickerbocker über langen Socken mit dem typischen Burlington-Muster und ein knatschbuntes Jacket – er wirkt wie die Karikatur seiner selbst. Warum tut man das Thomas Wenzel an? Er hat gar keine Chance, authentisch zu sein, weder als Kurator, dem es – na klar – mehr ums Geld als um die Kunst geht, aber vor allem darum, Emily ins Bett zu kriegen. So persönlichkeitslos sieht man Thomas Wenzel sonst nie. Kathrin Steinke Quintana als Jory überrascht mit ihrem Afro-Schopf, sorgt für spontane Lacher im Publikum, genau da, wo es passt. Sie bringt Schwung auf die Bühne. Was für ein Gang in diesen engen, roten Jeans auf hockhackigen schwarzen Stiefeln! Verena Saake als Emily hat am ehesten die Chance zu zeigen, was sie kann. Ihre Emily hat eine Seele, als Künstlerin und als Frau, die eigentlich von zwei Männern enttäuscht und verletzt wird, von Amir und auch von Isaac. Abe wird gespielt von Marius Lamprecht, eigentlich nur eine Nebenrolle, die er aber gekonnt nutzt.

Das eineinhalbstündige „Stück der Stunde“ vergibt viele Chancen, die Thematik weg von den Clintons und Trumps rüberzuholen zu uns, dorthin, wo „du und ich“ Fragen stellen und Antworten suchen, dorthin, wo Ausländerhass Angst macht, Toleranz und ein respektvolles Miteinander notwendig ist. Regt aber immerhin und hoffentlich nachhaltig zum Nachdenken an. Das Publikum dankte mit viel Applaus, verdient in jedem Fall für die Schauspieler.

Foto 1: v.l.n.r.: Katrin Steinke Quintana als „Jory“, Verena Saake als „Emily“, Thomas Wenzel als „Isaac“ und Felix Meyer als „Amir
Foto 2: v.l.n.r.: Felix Meyer als „Amir“ und Verena Saake als „Emily“.
Foto 3: v.l.n.r.: Felix Meyer als „Amir“, Verena Saake als „Emily“ und Marius Lamprecht als „Abe“.
Foto 4: v.l.n.r.: Verena Saake als „Emily“ und Thomas Wenzel als „Isaac“.
Foto 5: v.l.n.r.: Verena Saake als „Emily“ und Felix Meyer als „Amir“.
Foto 6: v.l.n.r.: Katrin Steinke Quintana als „Jory“ und Thomas Wenzel als „Isaac“.
Foto 7: v.l.n.r.: Verena Saake als „Emily“ und Thomas Wenzel als „Isaac“.
Foto 8: v.l.n.r.: Marius Lamprecht als „Abe“ und Felix Meyer als „Amir“.

Alle Fotos: Alex Sorokin

 

Alle Termine und weitere Infos unter http://schlosstheater-celle.de/

 

 

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