Eine „Alte Liebe” im Malersaal des Celler Schlosstheaters

Autor:
Meggie Hönig

„Sind wir eigentlich glücklich?” Diese Frage steht im Mittelpunkt des eher zarten Zwei-Personen-Stücks „Alte Liebe”, das derzeit im Malersaal des Schlosstheaters Celle gegeben wird und nach dem gleichnamigen Dialogroman von Elke Heidenreich und ihrem Ex-Mann Bernd Schroeder von Patrizia Schuster als Theaterversion eingerichtet und auch von ihr inszeniert wurde.

Lore und Harry sind seit über vierzig Jahren verheiratet und lieben sich, eigentlich, mal mehr, mal weniger. Ein altes Ehepaar also, beide über sechzig, das auf eine lange gemeinsame Vergangenheit zurückblickt – Szenen einer Ehe. Lore, passionierte Bibliothekarin und immer noch beschäftigt, weil, wie sie meint, unersätzlich, hadert damit, dass Harry, früher verbeamteter Architekt, sich inzwischen in seinem Garten verkriecht und – noch viel schlimmer ­ – Golf spielt. Die bevorstehende dritte (!) Hochzeit der auch schon nicht mehr ganz jungen Tochter Gloria sorgt nun für ausreichend neuen Gesprächsstoff und für so etwas wie eine Aufarbeitung der langen gemeinsamen Vergangenheit.

Da wird gestichelt, gepöbelt, gegrummelt, gegrantelt, nachdenklich die Stirn gekräuselt, der Kopf geschüttelt und manchmal auch gepoltert. Alte Eifersüchteleien bekommen neues Futter, alte Liebschaften werden zugegeben. Ja, zwischendurch platzt eben auch mal der Kragen. Ein bisschen wenigstens … Aber eigentlich plätschert die ganze Geschichte so vor sich hin ohne allzu große Emotionsausbrüche. Lore in der einen Ecke, mit einem Sessel vor hautfarbenen Vorhängen, daneben ein Tischchen mit Teekanne und -tasse aus weißem Porzellan und einer Schale mit Äpfeln, alles tonlos Ton in Ton wie übrigens auch Lores farb- und formlose Kleidung. In der anderen Ecke Harry, in einem angedeuteten Garten mit Blumen in Herbstfarben, auf einer Bank sitzend und – natürlich – Bier trinkend, mit mausgrauer Kappe, in grauer Hose und ebenso grauer Jacke über einem fast ein wenig zu bunt daherkommenden Hemd.

Kostüme, Bühne (beides Anika Klippstein) und Regie sind perfekt auf einander abgestimmt und zeigen die Eintönigkeit des immer gleichen Tagesablaufs und der immer gleichen Gespräche über die Vergangenheit (Weißt du noch …?), Todesfälle und die Tochter Gloria, zeigen die Langeweile, die sich inzwischen schon sehr breit gemacht hat, die Bedeutungslosigkeit der immer gleichen Rituale und die Unfähigkeit zu starken Emotionen. Szene reiht sich an Szene, unterbrochen allenfalls durch eine kurze Zwischenmusik oder die unangenehmen Geräusche, wenn Lore wieder mal einen Apfel in mundgerechte Stücke schneidet (Messer auf Porzellan). Mal reden die beiden mit sich selbst, mal mit dem anderen, mal über den anderen, mal gar nicht und warten auf oft vergeblich auf eine Reaktion des anderen. Eine einfühlsame Inszenierung des leisen (Zwischen-)Töne.

So ist das eben, wenn man alt wird. „Sind wir eigentlich glücklich?” Die Einladung zur Hochzeit der Tochter ist nun einerseits Auslöser für etwas heftigere Sticheleien, aber auch für viele Fragen: Was ist passiert? Mit ihr, der Tochter? Mit uns? Und war das jetzt das Ende? Soll es immer so weiter gehen? Oder kommt da doch noch was? „Meine Seele hat ständig Hunger”, sagt Lore.

Eigentlich will keiner der beiden, weder Lore und schon gar nicht Harry, zu dieser Leipziger „Fürstenhochzeit” fahren, aber gerade die gemeinsame Abneigung gegen diesen neureichen, untersetzten Kotzbrocken schweißt die beiden wieder etwas zusammen. Und sie fahren hin, Lore in hochhackigen Schuhen, Harry im Anzug und neuem Hemd. Sie tanzen die jungen Schnösel in Grund und Boden, machen sich heimlich davon und ab ins Hotelzimmer, wie in alten Zeiten. „Ich kann’s noch, was?”, fragt Harry hinterher. „Du blöder, alter Angeber. Ja, du kannst es noch”, antwortet Lore. Ein altes Ehepaar, das auf einmal wieder weiß, warum sie es die ganze Zeit miteinander ausgehalten haben. Sie lieben sich. Immer noch.

Klischees, Sentimentalitäten – davon gibt es reichlich. Ober ohne die könnte das Stück nicht funktionieren. Die sind notwendig zur Wiedererkennung von Ähnlichkeiten (Sind oder werden wir nicht alle ein bisschen Lore und Harry?), sie dienen neben den witzig-spritzigen Dialogen auch der Unterhaltung, die das Theaterpublikum mit Recht erwarten darf.

Katrin Steinke Quintana und Johann Schibli machen dieses alte Ehepaar lebendig und liebenswert, authentisch, eindringlich, arbeiten die kleinen feinen Pointen passgenau heraus – in keiner Weise aufgedreht oder übertrieben. Der reichliche Applaus galt vor allem ihrem überzeugenden Spiel, sicher auch dem unterhaltsamen, munteren, melancholischen, leicht verdaulichem Inhalt.

Gern würde man jetzt auf der „Alten Liebe”, dem ausgedienten Schiff in Köln-Rodenkirchen, auf dem sich Elke Heidenreich und Bernd Schroeder immer noch manchmal treffen, ein Glas Bier oder Wein zusammen trinken.

Alle Fotos: Benjamin Westhoff
Mit Katrin Steinke Quintana als „Lore“ und Johann Schibli als „Harry“.

Weitere Informationen und alle Termine unter http://schlosstheater-celle.de/

Für folgende Termine(jeweils 20 Uhr) gibt es noch noch Restkarten:
27.10. | 29.10. | 01.11. | 05.11. | 07.11. | 12.11. | 14.11. | 20.11. | 21.11. | 16.12 | 28.12. | 29.12.2015

Themen:
Celle · Malersaal

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