Webhosting ohne böse Überraschungen - xt:commerce, Template, Hosting und SEO - FIETZ.MEDIEN GmbH

Ritterspiele in Winsen/Aller

Autor:
Redaktion

Deutsche Meisterschaft der Ritterschaften

Die Renaissance des Mittelalters im Celler Land

Ein Bericht von Cosima Bellersen Quirini über die Veranstaltung im Jahr 2012 – Fotos: Hubertus Blume – erschienen in dem Magazin „LANDLUFT – Cellerland Magazin“, Ausgabe 2, 2013

Große Ereignisse müssen sich groß ankündigen. Weithin sichtbar zeigen mannshohe Plakate an allen Ausfallstraßen rund um Celle bereits Wochen vor dem Ereignis das Spektakel an. Autokarawanen schleichen sich zur rechten Zeit auf den Landstraßen 180 und 298, Blechlawinen säumen das grüne Gras am Rande der Aller in Winsen, im westlichen Landkreis Celles gelegen. Stets zu Pfingsten findet die Meisterschaft der Ritterschaften nun bereits zum fünften Mal statt. Neu ist der Schauplatz- die Jahre davor war er Hermannburg, knapp dreißig Kilometer nördlich von Celle gelegen- alt die Idee.

Manfred Angelov

Mitte der Neunziger Jahre gründet Manfred Angelov alias, Hartmann von Aue einen Ritterbund in Celle, der leider viel zu früh verstorben ist – seine Frau Sabine führt nun dieses eindrucksvolle mittelalterliche Spektakel in seinem Geiste fort.

Alles fing mit einer harmlosen Veranstaltung an. Angelov, aktiver und leidenschaftlicher Reiter, wurde zu einem Mittealterspektakel geladen und ‚infizierte’ sich mit dem Bazillus. »Von da an gab es für mich kein Halten mehr«, räumt der Mann lächelnd ein und die blauen Augen leuchten dabei stolz auf. Angelov, als Kind am Fuße einer Burg aufgewachsen und dennoch nicht von Ritterspielen besessen wie manche andere in der Nachbarschaft, sucht in historischen Vorbildern, findet schließlich sein mittelalterliches alter Ego in der Figur (samt den dazugehörigen Farben blau, weiß, silber) des Ritters und Dichters Hartmann von Aue und entlehnt sich seiner als Künstlernamen. Er liest viel zum Thema, authentisch soll schließlich alles sein. Bald darauf organisiert er auch das erste norddeutsche Ritterturnier in der Nähe der Fuhrmannschänke mitten in der Südheide – mit zwei Reitern, einigen Zelten und einer gehörigen Portion Wissen um die damalige Lebensweise.

Angelov betont die Ernsthaftigkeit all derer, die mittlerweile dabei sind oder zumindest zeitweise dazugehören: Der Bund ist eine Plattform für rund hundertfünfzig interessierte Hobbyisten, darunter einige Freiberufler wie Ärzte und Anwälte, aber auch viele Angestellte oder Handwerker. Diese und fünfhundert weitere Veranstalter leihen dem Spektakel Jahr um Jahr Gesicht und Zeit. Für einige Zeit leben sie alle zusammen nach dem Motto ‚So könnte es gewesen sein’. Dazu gehören neben den klar umrissenen Hierarchien, dem streng aufgeteilten Lagerplatz und den beinah martialisch anmutenden Ritterturnieren auch so banale Dinge wie stilechter Kleidung für alle Schichten, Obstteller und Kuchen aufgedeckt darstellen oder Speck und Würste so aufhängen, dass sie sicht- und riechbar von den Zeltdecken baumeln.

Ein wenig Show gehört dazu.

»Ganz genau weiß es ja leider keiner«, so Angelov, »wir versuchen aber, ernsthaft die Kultur des Mittealters nachzuleben.«

Damit ist er mit seinen Leuten nicht allein. Das Mittelalter boomt, egal ob es dabei um große Burgfestivals oder Rittermeisterschaften wie diese geht, die gern auch das Publikum an ihrem Spielen und Leben teilhaben lassen, oder um Gemeinschaften, die lieber im stillen Kämmerlein und ohne öffentliche Showauftritte ihre Rituale pflegen. Zu letzteren zählen auch die Vereinigungen, die im deutschen Ritterbund zusammengefasst sind. Neunzehn Bünde sind es derzeit mit so klangvollen Namen wie ‚Natternberger Ritterbund zu Pledilingen’ oder ‚Tafelrunde der Ritter zu Haldenwang’. Sie alle haben es sich zur Aufgabe gemacht haben, mittelalterliches Brauchtum und mittelalterliche Ideale zu pflegen bis hin zum Eintreten für Freundschaft und Brüderlichkeit, Wohltätigkeit, Heimatliebe und Toleranz. Der erste Bund war die »Wildensteiner Ritterschaft zur blauen Erde«, gegründet 1790 bei Wien, seitdem wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz bis 1935 über 270 Ritterbünde gegründet, davon allein über 170 in Deutschland. 1935 wurden die Ritterbünde in Deutschland verboten, doch nach dem Krieg wurden nach und nach wieder einzelne Ritterbünde ins Leben gerufen, der Ritterbund Hartmann von Aue ist einer der Jüngeren. Ob öffentlich oder geheim, ihnen gemeinsam ist der Wunsch der Mitglieder nicht nur nach mittelalterlichem Lebensstil, sondern auch nach sozialer Auflösung und genügend Abstand von Alltag, Geschäft und Beruf.

Immer mehr stoßen dazu, gern auch mal Leute im Gewande von ‚Kreuzzugbeute’, wie man hier diejenigen nennt, die sich in Form von exotischen Ständen einbringen und damit Besucher und Lagerbewohner gleichermaßen erfreuen. Wenn Mocca oder Orientküche angeboten wird, ist das also durchaus vertretbar und stellt eine kulinarische Erweiterung dar zu Fleischspießen, Fladenbrot und Bratwurst. Überhaupt, die Authentizität spielt eine große Rolle, sei es im Sprachduktus, dem Aussehen oder der ganz allgemeinen Darstellung des Lagers. Die Sprache ist für das moderne Ohr so gewöhnungsbedürftig wie charmant. ‚Hunde, Schafe, Schweine und anderes Getier sind am Stricke zu führen’, so werden Besucher bereits am Eingang ermahnt. Ebenso wie die Sprache sind ganz unmittelalterliche Leckereien wie Zuckerwatte und Softeis mittelalterlich eingebunden, beides ist auf dem Marktplatz zu haben. Die Technik wie Ausschank, Kühlwagen und Ähnliches, ist übrigens bestenfalls zu erahnen. Alles, was nach 21. Jahrhundert aussieht, wird dezent hinter Körben, Tüchern oder Brettern versteckt.

Das Lager will eben echt wirken.

Es ist für die Zeit der Meisterschaft übrigens örtlich wie zeitlich streng eingeteilt- örtlich bestehend aus Stechbahn mit Tribüne, Markt mit Bühnen und Buden, den Pferchen für die Tiere (meist Pferde, Esel und Ziegen), sowie den historischen Lagergassen. Diese wiederum gliedern sich nach den Ständen, deren Krönung die Rittergasse ist, die rechts und links mit bunten Zelten, an deren Spitzen die vielfältigen Banner flattern, beflankt ist. In einer weiteren Gasse präsentieren sich die Handwerker, oft sind es junge und jung gebliebene Leute aus dem Osten Europas, und zeigen ihr Können. Schwertfeger, Bogenbauer, Kettenhemdmacher, Drechsler, Schmiede oder Gewandschneider sind im Lager für einige Tage beheimatet und bieten den Besuchern allzu gern und akribisch Einblick in die alten Gewerke.

Interessierten Besuchern zeigt sich zusätzlich in allen Gassen auf Bannern und an aufgepflockten einfachen Schildern, welche Bewohner hier gerade Heimstatt haben. Man liest von Welfeschen Ministerialen, dem Chevalier Roland d’ Hütkerke, den Gruppen Septima Quercus und Omnigenus Mirabilis, dem Tross Milan oder den Rittern der schwarzen Lanze.

Überall zeigen sich die Menschen in den mittelalterlichen Gewändern. Einfache, in schlichtes graues Leinen gehüllte Waschfrauen sind zu sehen, ebenso Mägde, Knechte, Bettler und Bauersleute und Knappen bis hin zu den Pfaffen, Magiern, den in Samt und Seide gewandeten hohen Herren und den edlen Hofdamen, welche das Gebende stolz erhobenen Hauptes zur Schau tragen.

Ritterturnier und Schwertkampf

Zeitlich ist der Ablauf ebenfalls genau festgelegt von Samstagfrüh bis Montagabend. Die Meisterschaft beginnt mit der Vorstellung der Ritterschaft und verschiedenen Schwertkampfvorführungen. Hier präsentieren sich viele Ritterbünde aus Deutschland- Rosse mit prachtvoller, ja mit ‚Gold und Edelsteinen’ verzierter Kuvertüre (so nennt man die Summe von Umhang, Sattel und Zaumzeug) und Reiter in ritterlichen Monturen, von Recken und Knappen begleitet. Sie zeigen gemeinschaftlich ihr Können in den mittelalterlichen Turnierdisziplinen wie Ringleinstechen, Hälseschlagen, Speerwurf und Rolandreiten. Sie kämpfen um den Sieg, um Ruhm und Ehre, um die Gunst der einen oder anderen edlen Dame im Hofstaat und um den reichlichen Applaus vom Publikum auf der Tribüne, den zu spenden dieses vom Herold eifrig angehalten wird.

Die Besucher erfreuen sich an Spiel und Pracht, aber ebenso auch am Einfachen, das geboten wird. Eine junge Frau darf einen ‚echten’ Helm aufprobieren, die Händler bieten von Schmuck bis Schwerter vielerlei feil, Neugierige können sich ins Zelt der Wahrsagerin wagen oder sich im Bogenschießen und Axtwerfen üben. Kinder dürfen der Märchenerzählerin zuhören, Holz-Karussell fahren oder sich als Sterntaler beweisen, indem sie über eine Hängeleiter klettern müssen, um sich Goldstücke zu angeln. Zigeunerinnen zeigen ihren erotischen Hüftschwung, das Badehaus steht für ein Bad in den großen Holzzubern bereit. Zu Essen gibt es viel und gut, viel zu Schauen erst recht. Im Gegensatz zum Mittelalter jedoch ohne unangenehme olfaktorische Störungen, soviel Moderne darf dann schon sein. Wer mal muss, geht in die Toilettenhäuschen, in sicherer Entfernung in die Büsche oder zu seinem eigenen Wohnwagen, der dezent weit weg vom Geschehen geparkt wird.

Das Spektakel endet mit dem großen Turnier am Montag um den Titel des deutschen Meisters. Alle Wettkämpfe werden nach dem feierlichen Einzug aller Beteiligten vom ‚edlen Hofstaat’ und dem erlauchten Publikum interessiert von der Tribüne aus verfolgt. In den Spielpausen unterhalten Gaukeleien und Konzerte der Musikgruppen LaMarotte, Adivarius und Liudan Incorruptus. Des Abends wird an jedem Tag mit Feuer und Fackelschein dem Lagerleben ultimative Romantik eingehaucht.

Und wie gestaltet sich so ein Lagerleben nun tatsächlich- neben den öffentlichen Veranstaltungen, wenn sich das Publikum zurückgezogen hat und man endlich unter sich ist? Manfred Angelov alias Hartmann von Aue, im echten Leben Keramikermeister in Altensalzkoth und Inhaber des Camelot, einem mittelalterlichen Restaurant in Celle, weiß die Antwort sofort:

»Ritter, die mit der eigenen Familie anreisen, haben meist bereits Frau und Knappen (die dürfen auch weiblich sein) dabei. Andere müssen sich Frauen ausleihen. Ob die eigene oder geliehen, diese führen den Hofstaat zusammen, kochen möglichst mittelalterlich, Hase ist beliebt, ebenso Wildschwein. Sie nähen die Kleider und Kuvertüren für die Pferde, sorgen für eine reine Bettstatt, schüren das Feuer und bekommen die Kinder.« Tatsächlich sind während des Lagerlebens schon Kinder geboren worden, wenn auch nicht direkt auf dem Lagergelände, so doch im nächst gelegenen Krankenhaus.

Akteure

Um möglichst echt in der gewählten Rolle zu wirken, lassen sich viele Männer schon Monate vor den Terminen das Haar wachsen. Manche bedienen sich für ihr aufregendes Aussehen bei Kontaktlinsen mit den Modellnamen Zombie oder Hexer grau wie zum Beispiel die geheimnisvolle und gefürchtete Razziel von Akkon, die dunkel gewandet und mit Dolchen am Hüftgürtel bestückt, als Meuchler und Kämpfer unterwegs ist. Im echten Leben ist sie als Friseurin in Ostfriesland tätig.

Andere benötigen für ihre Rolle viel Theaterschminke wie der Bettler Pepe Penetrantus alias Peter Eberz, der mit furchterregend schwarzem Teint dem Publikum mit zahnlosem Lächeln die leere, von grauseligen Geschwüren entstellte Hand entgegenstreckt. Pepe, Clown, Schauspieler und Zirkuspädagoge, kommt aus Berlin und ist für das Fest auf Gage engagiert. Zehn derartige Veranstaltungen macht er im Jahr mit. Er liebt es, so sagt er, in Charaktere zu schlüpfen, die nichts mehr zu verlieren haben.

Wieder andere schlüpfen ‚nur’ in die Ritterrüstungen- wie ein Hufschmied, der wie die meisten seinesgleichen über die Reiterei den Zugang fand. Lange hat er die Manesse- Sammlung, die Bibel jedes modernen Edelmannes, über mittelalterliche Kleidung, Rüstung und Sachkultur, studiert, ehe auch er für sich mit dem Namen Heinrich Ritter von Boyneburg die passende Identität gefunden hatte.

Vom Säugling bis zum Greis finden sich unter der Lagerbewohnern alle Altersgruppen. Der älteste Turnierteilnehmer ist einundsiebzig Jahre alt, er trägt einen rot – graumelierten Bart, einen weißen Turban mit roter Bandage und reitet einen riesigen Schecken beim Turnier. Dieser und die meisten der vierbeinigen Lagerinsassen sind erstaunlich ruhig und gelassen bei all’ dem Getöse um sie herum. Nur selten muss man als Besucher etwas zurückweichen, um einem gar zu aufgeregten Gaul genügend Raum zu geben.

Fazit

Mit rund 15.000 Besuchern hat das Mittealterspektakel auf den Allerwiesen in Winsen Zukunft. Der Bürgermeister ist zufrieden. Auf die Frage, ob die Gemeinde im nächsten wieder dabei sein will, antwortet er mit einem einfachen ja, definitiv.

»Wohlan, Ihr hohen Weiber und edlen Recken, so sei es in diesem unserem guten Lande und geschehe es auch fürderhin mit Gottes gnädiger Hilfe«.

In 2015 findet das Turnier am 30/31. Mai auf den Allerwiesen in Winsen statt – http://www.ritterbund-celle.de/

Themen:
Raum Winsen

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hauptnavigation