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Otto Haesler – Bauhaus in Celle

Autor:

Architekt mit Visionen

von Ralf Eibl

Otto Haesler war weltweit gefeierter Architekt des Neuen Bauens, Visionär und Vorbild. Viele seiner wegweisenden Bauten stehen in Celle und werden doch erst langsam wieder entdeckt.

Wulf Haack

Wer als Fremder das Altstadtpflaster von Celle zum ersten Mal betritt, wähnt sich recht schnell im Fachwerk-Wonderland. Wandelt man jedoch mit gewisser Hartnäckigkeit weiter, bekommt man den Eindruck, man habe ein Trojanisches Architekturpferdchen betreten. „Wir haben mehr Moderne als Weimar und Dessau zusammen. Leider spricht sich das nur langsam rum“, sagt Wulf Haack. Der 1940 geborene Haack spielte in der Celler Lokalpolitik jahrelang das Enfant terrible und er schaffte es, wegen eines erbitterten Streits über die Ästhetik und Notwendigkeit eines Shopping-Centers, aus der CDU ausgebürgert zu werden, also ein ausgezeichneter Stadtführer mit Fliege am Kragen und Schalk im Nacken. Und er ist seit langem in der Otto-Haesler Stiftung engagiert.

Otto Haesler

Otto, wer bitte nochmal? – wird sich auch so mancher architektonisch Vorgebildete jetzt fragen. Einst galt er als wichtigster Wohnungs-Baumeister der Welt, noch vor Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius. Doch anders als seine Kollegen geriet Otto Haesler über viele Jahrzehnte ziemlich in Vergessenheit. Das liegt zum einen sicherlich daran, dass Haesler seine progressiven Planungen in der niedersächsischen Provinz verwirklichte. Aber es lag wohl auch ein wenig an der Cellern selbst. „Das Interessante für mich ist, dass es immer noch gebildete Einheimische gibt, die nicht wissen, dass hier Bauhausarchitektur steht“, sagt Haack mit einem spöttischen Funkeln in den Augen.

Vor 80 Jahren in Manhattan widmet das Museum of Modern Art unter dem Rubrum „International Style“ der Architektur eine Großausstellung. Und ebenfalls 1932 schreibt der amerikanische Architekt Philip Johnson im Vorwort des Katalogs: „Otto Haesler ist der bedeutendste Siedlungsarchitekt in Deutschlands, vielleicht in der Welt.“ Wie konnte man den nur übersehen?

Geboren 1880 in München, wuchs Haesler in Passau auf. Nach einer Maurerlehre und ersten beruflichen Blaupausen als Bauzeichner zog er 1903 nach Frankfurt, wo er für das Architekturbüro von Ludwig Bernoully Bürohäuser plante. 1906 gewann Haesler die Ausschreibung für den Erweiterungsbau des „Berliner Warenhauses“ von Neumann Freidberg, das in Celle Am Markt stand. Und in der Folge ließ er sich in Celle nieder. Seine eigenen Villenaufträge waren noch ganz im Heimatstil zu Hause. Doch nach dem Ersten Weltkrieg fand Haesler zunehmend zu seiner Berufung: die Wohnungsnot der Weimarer Republik auch konzeptionell zu lösen. Und konnte auch damit in Celle überzeugen.

Italienischer Garten

Wir fahren mit Haack in die südöstlich von der Altstadt gelegene Anliegerstraße Italienischer Garten, die mit ihren zwar bunten, aber dennoch streng ineinander geschobenen Kuben so gar nicht an unser Lieblingsland im Süden erinnert. Immerhin strahlt uns die Siedlung mit den 80 bis 100 Quadratmeter großen Wohnungen abwechselnd in Blau, Weiß und Rot an. Haack ist dennoch nicht ganz zufrieden: „Die Siedlung ist zwar baulich so gut wie unverändert, die Farbigkeit entspricht jedoch nicht mehr dem Original.“

Otto Haesler hatte mit einem strengeren Fassadenanstrich in „Blau-Grau-Rot“ die Bedeutung von Farbe für die Architektur betont. Haesler ließ den Hallenser Maler Karl Völker die Fassadengestaltung umsetzen. Die Fachpresse urteilte 1926 zufrieden: „Darin liegt die Eigentümlichkeit des farbigen Celle begründet, daß hier neben Fachwerk- und Putzhäusern aus vielen Jahrhunderten auch neuzeitliche Architekturformen erfolgreich koloristisch behandelt wurden.“ Der Italienische Garten ist heute vor allem auch bei jungen Familien sehr begehrt, die sehr zufrieden wirken, wenn sie ihre einst von reaktionären Kräften als „Klein-Marokko“ verunglimpften Bauwerke verlassen, und Gärten haben sie auch. Fazit: In der ersten bunt gestalteten Siedlung der Architekturgeschichte lebt es sich immer noch ziemlich kommod.

St. Georgsgarten

Weiter geht’s in Bauhaus-Boomtown Celle: Auch mit der Siedlung Georgsgarten betrat Haesler städtebauliches Neuland. Heute wäre eine energetische Sanierung dringend geboten, aber dann würden wohl die Mieten steigen und so gesehen ist den heutigen Bewohnern wohl ziemlich schnuppe, dass hier eine Architekturikone nur oberflächlich erhalten wird. Zu seiner Entstehung im Jahr 1927 war der Georgsgarten eine vorstädtische Oase – mitsamt angegliedertem Kindergarten (inklusive Planschbecken!) und 100 Nutzgärten (angelegt vom Worpsweder Landschaftsarchitekten Leberecht Migge).

Haesler hatte die Wohnblocks erstmals mit der Schmalseite in parallelen Zeilen zur Straße ausgerichtet, damals städtebaulich eine Revolution. Der Werbegrafiker und Verkehrsplaner Walter Dexel hob 1928 auch beeindruckt hervor: „Zwischen ruhigen, durchsonnten Grünstreifen liegen nun die Wohnungen!“ Ins trübe, gegenwärtige Bild passt, dass die großen, wegweisenden Leuchtkästen mit der Hausnummer der jeweiligen Wohnzeilen verschwunden sind. Zu recht mahnt Wulf Haack nicht nur hier eine Rekonstruktion an, da diese Orientierungshilfen noch immer für gelungenes Design stünden.

Blumläger Feld

Haesler, der in Celle nicht unumstritten war, wen wundert dies angesichts des Fachwerk-Kerns, nahm nun endgültig Fahrt auf. 1928 notierte er, angesichts einer Kontroverse um seine Architektur: „ich schreibe klein, weil ich der meinung bin, daß die menschen nur dann innerhalb der fortschreitenden zivilisation bestehen können, wenn sie rechtzeitig unnötig ballast abstoßen.“ Schrieb´s und plante noch radikaler, und zwar so kompromisslos, dass man auch Angst davor bekommen konnte. Die Siedlung Blumläger Feld wurde 1931 fertiggestellt und bestand aus zwei parallel verlaufenden 220 Meter langen, zweigeschossigen Wohnzeilen. Gewaltige Riegel von außen, die auch im Innern ein gewisses Agressionspotenzial bargen.

Gerade einmal 43 Quadratmeter Platz war in den Wohnungen für vier Personen vorgesehen, Haesler setzte hier Schlaf- und Kinderzimmer auf sechs Quadratmetern Grundfläche durch, was selbst wohlgesinnte Mitstreiter des Neuen Bauens in Aufruhr versetzte. Die Bewohner des Blumläger Feldes rückten also wie im Kaninchenstall zusammen, waren jedoch wahrscheinlich keineswegs unglücklich darüber. Denn in der Weimarer Republik waren laut Zensus eine Million Haushalte ohne eine eigene Wohnung. Und ein Bett in einer winzigen Wohnung war für die meisten allemal erträglicher als keine Wohnung. Doch diese maximierte Anhäufung von Miniwohnungen war auch ein Grund, warum das Ensemble als Denkmal nicht erhalten werden konnte. Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert waren die Behausungen einfach nicht mehr vermietbar.

Haesler Museum

Hingegen durfte sich die Haesler-Stiftung im ehemaligen, original gebliebenen Waschhaus der Siedlung einquartieren. Hier werden mit Leidenschaft und Liebe sämtliche Details der Originalwohnungen gesammelt. Von der Brotdose bis zum Klappbett scheint alles vorhanden. „Ich habe in Lauben und Kellern gestöbert, inseriert, gefragt und online gesteigert. Wir können heute zeigen, was es nicht mehr gibt. Nämlich eine Original-Bauhaus-Arbeiterwohnung, eingerichtet wie zum Start der Siedlung, eine Flüchtlingswohnung und eine Wohnung im Stil der Fifties.“ Am besten packt man für den Besuch von Haacks Steckenpferd gleich die eigenen verwöhnten Gören ein, damit sie mal lernen, wie man sich auf sechs Quadratmetern arrangiert.

Altstädter Schule

Wir passieren nur kurz (in Celle kann man sich dies ja leisten) die Wohnhaussiedlung Waack, in der Haesler das Einfamilienhaus in eine zweigeschossige Etagenwohnung übersetzte, und wenden uns vielmehr seinem opus magnum, der Altstädter Schule, auch Glasschule genannt, samt Direktoren- und Rektorenhäusern zu. Dieses 1928 eingeweihte Gebäude kann sich rühmen, etwas Einzigartiges gewesen zu sein: Kein burgähnlicher Repräsentationsbau mehr, der irgendwie als Schule herhalten musste. Einfach alles – Form, Farbe, Material, Anordnung – wurde hier der Funktion untergeordnet: dem Lehren und Lernen.

Das Konzept war so intelligent, dass sich nach der Eröffnung die Architektur-Touristen quasi die Gropius-Türklinken in die Hand gaben. Da unter dem Ansturm der Schulbetrieb zu leiden drohte, wurde wenige Monate nach Eröffnung bereits ein Eintrittsgeld von 50 Pfennig erhoben. Der Erlös sollte zum Kauf von Wandschmuck für die Schulwände herhalten. Selbst zwei Jahre später war der Bau immer noch ein Blockbuster. Die Celler Volkszeitung notierte am 27. Mai 1930, dass die neue Volksschule von 8000 auswärtigen Gästen besichtigt worden sei, „und zwar waren es nicht nur Gäste aus der engeren Heimat, sondern aus dem ganzen Reichsgebiet, sowie aus Frankreich, England, Dänemark, Russland und anderen Staaten!“

Zwei Dinge zogen die Besucher damals besonders in ihren Bann: Die riesige Aula, die von oben mit Hilfe riesiger Glasprismen-Deckenelemente auf natürliche Weise illuminiert wurde. Und die ebenfalls von Haesler entworfenen Stahlrohrschulmöbel, seinerzeit eine absolute Attraktion. Das gab es bis dato nur an amerikanischen Schulen – und wer war da schon. Leider sind die Prismen im Eingangsbereich und in der Sporthalle heute nicht mehr sichtbar – sie müssen rekonstruiert werden. Da sind sich fast alle einig. Wulf Haack würde sich gleich noch mit der Motorsäge an die von den Nazis gepflanzte Camouflage heranwagen, mit der die „bolschewistischen Bausünden“ versteckt werden sollten. „Die Blutbuchen schmälern einfach den Gesamteindruck“, sagt Haack. Aber fälle in Deutschland einer mal einen Baum.

Otto Haesler

So gibt es für modernistische Bewahrer in Celle auch weiterhin gut zu tun. Auch an der bundesrepublikanischen Wahrnehmung darf noch gefeilt werden. Nach der Adelung in New York 1932 kam der Fall. Haesler war so von sich überzeugt, dass er die Idee hatte, Häuser per Katalog verkaufen zu wollen. Nur leider war der eigentlich tolle Gedanke seiner Zeit um dreißig Jahre voraus. Die Gestaltung des Kataloges besorgte übrigens Kurt Schwitters – nur Häuser verkaufte Haesler trotzdem kein einziges. Davon ist er pleite gegangen. Und damit nicht genug. 1933 kam auch noch ein Berufsverbot. Gropius hatte später noch versucht, ihn nach England in die Emigration zu holen, doch Haesler konnte kein Englisch und hatte drei Kinder zu versorgen. Er verließ Celle nach Eutin in die innere Emigration und hielt sich mehr schlecht als recht über Wasser. Ab 1945 ließ er sich in der Sowjetischen Besatzungszone nieder, bekam dort zwar allerlei Orden und konnte sich doch nicht mit dem sozialistischen Kollektiv arrangieren – zu groß das eigene Ego.

Das Ende war tragisch aber irgendwo auch dramaturgisch konsequent. Der Baumeister hatte seine letzten Lebensjahre in Wilhelmshorst, einer Waldgemeinde bei Potsdam verbracht. Mit seiner zweiten Frau wollte er noch ein Siedlungshaus nach eigenen Plänen bauen. Doch er fällt in die eigene Baugrube, holt sich eine fatale Erkältung und stirbt am 2. April 1962. Die junge Witwe schließt die Lücke irgendwann mit einem Nullachtfünfzehn-Fertighaus aus DDR-Produktion. Mittlerweile pilgern die ersten Architektur-Aficionados nach Potsdam, um dort Haeslers angebliches Wohnhaus zu besichtigen und sind ganz enttäuscht, was sie dort vorfinden. Würden sie doch alle besser mal nach Celle fahren. http://www.otto-haesler-stiftung.de/Person

Fotos: Stadtarchiv Celle

 

 

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