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Die Lutter – Perlenbach der Südheide

Autor:
Redaktion

Ein Bericht von Florian Friedrich

Seine Naturschönheiten machen das Celler Land zu etwas ganz Besonderem. Die Heidebäche, Moore und Bruchwälder sind Refugien für selten gewordene Tier- und Pflanzenarten, die andernorts längst ausgestorben oder stark gefährdet sind. Mit großem Aufwand werden hier Lebensräume für die Zukunft bewahrt.

Eine wahre Erfolgsgeschichte des Celler Landes ist das Naturschutzgebiet Lutter. Der kleine Heidebach entspringt bei Weyhausen und mündet nach etwa 26 Kilometern bei Jarnsen in die Lachte. Bemerkenswert ist seine gute Wasserqualität. Darauf weist auch bereits der Name des Baches hin. Lutter bedeutet im Mittelhochdeutschen so viel wie: lauter, hell, rein oder sauber. Als Flussname kommt er recht häufig vor.

Die namensgebende Reinheit des Lutter-Wassers geriet in der Vergangenheit jedoch unter Druck. Zwar wurde sie nicht durch Industriebetriebe verunreinigt, denn solche gibt es an den Ufern der Lutter nicht. Aber das Wirken der Menschen vor Ort hatte dennoch negative Auswirkungen auf Flora und Fauna. Das Wasser des Baches wurde bereits seit dem Mittelalter gestaut, um es für den Antrieb von Mühlrädern zu nutzen und Fischteiche anzulegen. Die typischen Erlenbruchwälder und Niederungsmoore wurden trockengelegt und genutzt, um in der nährstoffarmen Heidelandschaft ein Auskommen zu erwirtschaften. Was sich nicht als Weide oder Wiese eignete, wurde mit Fichten aufgeforstet. Diese menschlichen Kulturmaßnahmen veränderten das empfindliche Naturgefüge und brachten einige der hier lebenden Arten in Bedrängnis.

Das Verschwinden der Erlen beeinflusste beispielsweise die Lebensgrundlage des Schwarzstorchs, denn das ins Wasser gefallene Laub der Erlen ist ein wichtiger Teil der Nahrungskette. Bachflohkrebse ernähren sich davon. Sie wiederum werden von der Bachforelle gefressen, die dann dem Schwarzstorch als Nahrung dient. Auch das Überleben anderer Arten hängt von diesem System ab.

Charakteristisch ist hierfür die Bestandsentwicklung der Flussperlmuschel. Im Naturschutzgebiet Lutter kommt ihr eine besondere Bedeutung zu. Das Tier mit dem wissenschaftlichen Gattungsnamen Margaritifera (die Perlen tragende) hat einen besonders anfälligen Entwicklungszyklus. Neben guter Wasserqualität benötigt die Flussperlmuschel einen grobkiesigen Bachgrund. Für die Vermehrung spielen Bachforellen eine entscheidende Rolle. Dr. Reinhard Altmüller ist der Initiator der Lutter-Renaturierung. Er erläutert einige interessante Zusammenhänge: „Nach dem Schlüpfen müssen die winzigen Muschellarven nach dem Zufallsprinzip an die Kiemen der Forellen gelangen. Dort werden sie im Zuge der Wundheilung vom Kiemengewebe überwachsen und leben für zehn Monate als Parasiten vom Fischblut. Am Ende dieses Lebensabschnittes sind die Jungmuscheln einen halben Millimeter groß. Sie fallen von ihren Wirtsfischen ab und sinken auf den Bachgrund. Dort, zwischen Kieseln und Steinen, verbringen die Jungmuscheln rund sieben Jahre ein sehr verstecktes Leben. Dann ist ihre harte Schale schließlich auf etwa drei cm Länge herangewachsen und sie zeigen sich am Bachgrund.“

Aus dem strömenden Wasser filtern sie fortan ihre Nahrung und wenn die äußeren Umstände passen, kann die Flussperlmuschel über 100 Jahre alt und bis zu elf Zentimeter groß werden. Eine Perle bilden dabei nur wenige Muscheln. Schätzungsweise kommt etwa eine auf 500 bis 1.000 Muscheln.

In alter Zeit waren diese Perlen eine begehrte Kostbarkeit und das Sammeln der Muscheln war verboten – beziehungsweise dem Herzog vorbehalten. Die Muschelbestände genossen einen besonderen Schutz. Als beispielsweise die Pächter der Lachendorfer Papiermühle 1669 und noch einmal 1714 den Antrag stellten, die baufällige Mühle an der Lachte abzureißen und stattdessen an der Lutter neu aufzubauen, wurde ihnen das von der Obrigkeit untersagt. Grund dürften vor allem die Muschelbestände gewesen sein.

Der Bestand an Flussperlmuscheln in der Lutter ging in unserer Zeit stark zurück. Hauptgrund hierfür war die Verstopfung des Lückensystems im Bachgrund durch unnatürlichen Sandeintrag, was neben den Jungmuscheln auch der Forellenbrut schadete. Während in den 1930er-Jahren noch etwa 50.000 Altmuscheln im Bach gezählt wurden, waren es bei einer Bestandserhebung durch Wolf-Dietrich Bischoff und Rainer Dettmer im Jahr 1982 gerade einmal noch rund 2.700 Exemplare.

Trotz sofort begonnener Bemühungen, durch künstlichen Besatz mit Jungmuscheln den Bestand zu stabilisieren, schrumpfte er weiter bis zum Tiefststand von etwa 1.800 Tieren im Jahr 1994. Als Hauptproblem wurden nun die eingebrachten Sandmengen entlarvt und man begann mit großem Aufwand, die Natürlichkeit der Bachlandschaft wieder herzustellen, das Artensterben aufzuhalten und den negativen Trend umzukehren. Um dabei erfolgreich zu sein, wurde das Naturschutzvorhaben an der Lutter großflächig angegangen. Das gesamte Bachsystem sollte schrittweise wieder in eine landschaftstypische und natürliche Form gebracht werden. Mehr als 1.100 Hektar Flächen wurden zu diesem Zweck angekauft und für mehr als 500 Hektar Nutzungsrechte erworben. Die Landschaft kann sich nach der Nutzungsaufgabe in den sensiblen Bereichen wieder dynamisch und natürlich entwickeln. Menschliche Einflüsse sollen im Naturschutzgebiet Lutter minimiert werden. Dafür mussten Stauanlagen rückgebaut und Sandfänge angelegt werden, um den enormen Sandeintrag zu stoppen. Abwässer von landwirtschaftlichen Flächen fließen nun nur noch geklärt in die Lutter.

Das geschützte Kerngebiet umfasst eine Fläche von etwa 2.500 Hektar, das entspricht 25 Quadratkilometern. Dazu gehören ebenso die Nebenbäche Ahrbeck, Schmalwasser und Köttelbeck und auch die begleitenden Au- und Bruchwälder sowie die nahen Moore und Quellbereiche. Weil das Naturschutzgroßprojekt eine nationale Bedeutung hat, wurde es entsprechend mit Fördermitteln des Bundesumweltministeriums finanziert. In der Zeit von 1989 bis 2004 wurden 16,8 Millionen Euro investiert. Ein großer Anteil wurde für den Kauf von Flächen aufgewendet. Dreiviertel der Summe übernahm das Bundesumweltministerium. Das Land Niedersachsen beteiligte sich mit 15 Prozent der Fördersumme. Den Rest finanzierten die Landkreise Gifhorn und Celle, durch deren Landschaft die Lutter und ihre Nebenbäche fließen.

Nach über 20 Jahren intensiver Arbeit spricht der vorzeigbare Erfolg des Naturschutzgroßprojektes für sich. Kristallklares Wasser und vergleichsweise geringe Abflussschwankungen prägen heute wieder den Bachlauf. Mehr als 220 Pflanzen- und Tierarten leben im Bereich der Lutter – über 160 von ihnen gelten als gefährdet beziehungsweise als vom Aussterben bedroht. Darunter sind gefährdete Insekten, wie die Scharlachlibelle und die Grüne Keiljungfer. Bedrohte Vögel, wie Schwarzstorch, Seeadler und Kranich finden hier wieder Nahrung und Rückzugsraum. Im Bach fühlen sich nun auch Bachforelle, Bachneunauge, Groppe, Elritze und der Fischotter wohl. Das Wunderbarste aber ist, dass der Bestand der Flussperlmuschel in der Lutter seit Jahren wieder wächst. Nach dem Tiefststand im Jahre 1994, als nur noch etwa 1.800 Muscheln im Bach lebten, werden nun wieder deutlich über 10.000 Exemplare gezählt, mit steigender Tendenz. „Diese positive Entwicklung ist einmalig in ganz Europa und zugleich Lohn und Bestätigung für den betriebenen Aufwand und für das großartige Engagement des gesamten Lutter-Teams“, freut sich Reinhard Altmüller.

Nicht nur die Tierwelt profitiert davon. Zwar hat die Ungestörtheit der Natur an der Lutter oberste Priorität, nach Ablauf des geförderten Großprojektes ist aber auch für zeitgemäßes Naturerleben gesorgt. Im Naturpark Südheide haben Interessierte die Möglichkeit, zu Fuß oder mit dem Fahrrad diese einzigartige Naturlandschaft zu entdecken. Der Lutter-Radwanderweg bietet zwei Varianten: Die Nord-Tour „Vom Schatz der Lutter und kleinen Monstern“ hat auf einer Länge von 40 Kilometern insgesamt elf Stationen und die Rundtour Süd „Von zauberhaften Wesen und fliegenden Edelsteinen“ bietet bei einer Länge von 31 Kilometern zwölf Stationen, an denen Naturbegeisterte Wissenswertes vermittelt bekommen. Die erläuternde Broschüre ist in den Rathäusern und Tourismusinformationen der Region erhältlich.

Die Naturschutzbemühungen gehen indes weiter. Um die Wanderbewegungen der Fische zu ermöglichen und der wachsenden Flussperlmuschelpopulation weiteren Lebensraum anzubieten, werden jetzt Abschnitte der Lachte renaturiert. Seit 2009 steht auch die Lachte unter Naturschutz und durch die Reaktivierung von Altarmen und das Einbauen von Kiesbänken werden hier neue Möglichkeiten für den Artenschutz geschaffen. Eine wahre Erfolgsgeschichte des Celler Landes findet somit eine sinnvolle Fortsetzung.

Florian Friedrich arbeitet in Celle als freier Autor und Kulturlandschaftsforscher
Fotos: Hubertus Blume

(C) www.landluft-celle.de, 2017

 

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