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Ibsens Volksfeind im Celler Schlosstheater

Autor:
Meggie Hönig

Was nützt dir denn das Recht, wenn jemand anderes die Macht hat?

„Wie im richtigen Leben” – mit diesen oder ähnlichen Worten verließen die Zuschauer am neulichen Premierenabend das bedauerlicherweise diesmal nicht komplett gefüllte Schlosstheater. Wie im richtigen Leben, mit einer geradezu erschreckenden Aktualität zeigte sich „Ein Volksfeind”, ein Lust- oder Schauspiel, das Ibsen 1882 veröffentlichte und seinem Verleger als „diesmal ein freundliches Stück …, das von Staatsministern und Großhändlern sowie deren Damen gelesen werden kann und vor dem die Theater nicht zurückschrecken brauchen” beschrieb.

Nun ja, ganz so freundlich geht es in diesem sehr politischen Sumpf aus Lügen und Intrigen nicht zu: Wahrheit gegen wirtschaftlichen Profit, Gesundheit gegen Gier nach Geld und Macht, Verantwortung gegen Eitelkeiten.

Eine Stadt befindet sich dank der Errichtung eines Thermalbades gerade auf dem Weg zum wirtschaftlichen Erfolg, die dafür Verantwortlichen, nämlich der Badearzt Dr. Thomas Stockmann und der Stadtrat Peter Stockmann auch. Die beiden Brüder könnten nicht unterschiedlicher sein, der eine eher Idealist, lebensfroh und mit Frau und Kind, der andere Realist, asketisch, sich selbst nichts gönnend, alleinstehend, einsam. Die beiden haben trotz des gemeinsamen Projektes nicht viel miteinander zu tun. Eines Abends schaut Peter Stockmann aber doch wieder einmal bei seinem Bruder Thomas vorbei, es findet gerade ein Essen statt, zu dem auch die beiden Redakteure der Lokalzeitung, Billing und Hovstad, eingeladen sind. Thomas erhält ein offensichtlich lang ersehntes Schreiben mit den erschreckenden, ja geradezu dramatischen Ergebnissen seiner Analysen des Thermalwassers. Schon lange hat er Krankheitsfälle beobachtet und daraufhin das Wasser untersuchen lassen. „Das ganze Bad ist eine Pesthöhle”. Die Wasserleitung muss verlegt werden, das Bad saniert, um die Gesundheit der Badegäste nicht länger zu gefährden. Hovstadt und Billing wollen dazu gleich eine einschlägige Notiz in der Zeitung veröffentlichen. „Werde ich jetzt berühmt?” fragt Dr. Stockmann. Ach, diese Eitelkeiten! Auch bei dem, der sich gern als Guter und als für das Wohl anderer verantworlich sieht.

Eitelkeiten und Eigennutz überall: Hovstadt geht es um die Aufwertung seiner Presse und seiner eigenen Person. Ja, der „Sumpf” muss trockengelegt werden! Das ist seine einmalige journalistische Chance. Dem Verleger und Vorstand des Hausbesitzervereins Aslaksen, der in diese Szene auch noch hineinplatzt und sich Thomas mit seiner angeblichen Unterstützung schleimig-ölig-widerlich anbiedert, geht’s um steigende Einnahmen für seine Hausbesitzer – und natürlich für sich selbst. Thomas will und soll einen Artikel schreiben, in dem er nicht nur der Verunreinigung des Thermalwassers den Kampf ansagt, sondern der „Reinigung der Gesellschaft”. Ja, Thomas ist der Volksfreund!

Das Blatt wendet sich, als der Stadtrat vorzurechnen beginnt, was eine Sanierung kosten würde und welche Konsequenzen die damit verbundene Schließung des Bades hätte: Ruinierung des Ansehens der Stadt, Steuerhöhung für jeden einzelnen, demzufolge Image- und Beliebtheitsverlust der dafür Verantwortlichen, Ende der Politikerkarriere! Leserverlust für die Zeitung, weniger Anzeigenkunden – Ende der Journalistenkarriere! Die Gesundheit der Kurgäste interessiert keinen (mehr). Die ehemals Verbündeten verbünden sich gegen Thomas. Der Artikel soll nicht gedruckt werden, Thomas soll die schon publizierten Ergebnisse der Wasseranalyse widerrufen.

Wie im richtigen Leben! Bis hierhin, bis zur Pause, baut die Regie unter Nina Pichler langsam, aber stetig Spannung auf, die in der persönlichen Abrechnung der beiden Protagonisten gipfelt. Sie verwendet eine in jüngster Zeit von Florian Borchmeyer für Thomas Ostermeier und die Berliner Schaubühne entwickelte Fassung, die Ibsens Stück in unsere Gegenwartssprache übersetzt. Ja, das geht. Meistens, jedenfalls. Verleitet aber auch dazu, zu wenig Wert auf die feinen, leisen Zwischentöne Ibsens zu legen, zu wenig zwischen laut und leise, gut und böse zu differenzieren.

Nina Pichler arbeitet – ebenso wie Bühne und Kostüm (Lilith-Marie Cremer) – mit denselben starken Kontrasten, die Ibsens Stück durchgängig beherrschen. Thomas Stockmann leger, in dunkler Hose, Hemd und Jacke, Peter Stockmann überelegant im strahlend weißen, unbequemen Anzug. Kühl, unpersönlich-stylisch ist das kastenförmige Mobiliar vor verzerrenden, vergrößernden, gleißend-blendenden Spiegeln, in denen sich die orange-farbene Bluse von Thomas’ Frau als einziger, fröhlicher Farbklecks potenziert. Und sie – bestens gespielt von Eva-Maria Pichler – ist wohl auch die einzig wirklich Menschliche in diesem ganzen Stück. Nämlich eine emanzipierte Frau in diesem ganzen von Männern dominierten Getümmel, sie ist stark ohne persönliches oder politisches Kalkül.

Nach der Pause verwandelt sich der Theaterraum in eine Volksversammlung, vor der Thomas Stockmann eine Rede hält. Mit lautstarken, nicht nur regiemäßig vorgesehenen Zwischenrufen, sondern auch sehr spontanen des nun sehr engagierten Publikums. Dr. Stockmann ist nämlich gekommen, nicht um „über die Schweinerei da unten in der Badeanstalt zu reden”, sondern weil er eine Entdeckung gemacht hat: „die Entdeckung, dass unsere sämtlichen geistigen Lebensquellen vergiftet sind, dass unsere ganze bürgerliche Gesellschaft auf dem verpesteten Boden der Lüge ruht.”

Und: „Die Mehrheit hat die Macht – leider -, aber das Recht hat sie nicht.“ Dr. Thomas Stockmann wird zum Volksfeind. Und darin gefällt er sich. „Soll doch dieses ganze Land ausgerottet werden.” Er ist ohnmächtig vor Wut, ist leidenschaftlich davon besessen, ein Feind der Mehrheit zu sein. „Ihr könnt mich wohl niederschreien, aber Ihr könnt mich nicht widerlegen. … Die Minderheit hat immer recht.”

Dass Thomas Stockmann seinen Job und damit seine Existenz verliert, ist fast überflüssig zu erwähnen. Offen bleibt dagegen, was denn schließlich mit dem Thermalbad passiert. Und auch das ist wie im richtigen Leben.

Der Applaus gehört unbedingt Dirk Böther als Dr. Stockmann, der hier ein extrabreites Spektrum verschiedenster Emotionen überzeugend zeigen kann, von naiv-kindlich, übermütig, verzweifelt, leidenschaftlich, eitel, verbissen, wutentbrannt. Und in gleichem Maß Ulrich Gall als Stadtrat Peter Stockmann, der eine andere Palette vollflächig ausbreitet: als Einsamer, Introvertierter, Eitler (klar, er auch), Machtbesesser – und doch nie als ein ganz Böser.

Für Johanna von Gutzeit als Billing, Gintas Jocius als Hovstadt, Felix Meyer als Aslaksen und Jürgen Kaczmarek hat der Volksfeind leider nur mehr oder weniger herausfordernde Nebenrollen übrig, ohne diese großartigen Schauspieler wäre diese Aufführung allerdings um einiges ärmer.

Sehr nachdenkenswerte Texte zu dieser nachdenkenswerten Aufführung gibt’s wie immer im Programmheft.

Alle Fotos: Benjamin Westhoff:
Foto 1 v.l.n.r.: Dirk Böther als „Thomas Stockmann“, Johanna von Gutzeit als „Billing“, Felix Meyer als „Aslaksen“, Ulrich Gall als „Stadtrat“ und Gintas Jocius als „Hovstad“.
Foto 2 v.l.n.r.: Gintas Jocius als „Hovstad“, Eva-Maria Pichler als „Frau Stockmann“, Dirk Böther als „Thomas Stockmann“ und Johanna von Gutzeit als „Billing“.
Foto 3: Ulrich Gall als „Stadtrat“.
Foto 4: Eva-Maria Pichler als „Frau Stockmann“.
Foto 5 v.l.n.r.: Dirk Böther als „Thomas Stockmann“, Felix Meyer als „Aslaksen“ und Johanna von Gutzeit als „Billing“.
Foto 6 v.l.n.r.: Gintas Jocius als „Hovstad“, Johanna von Gutzeit als „Billing“, Ulrich Gall als „Stadtrat“ und Felix Meyer als „Aslaksen“.
Foto 7 v.l.n.r.: Eva-Maria Pichler als „Frau Stockmann“ und Jürgen Kaczmarek als „Morton Kiil“.
Foto 8 v.l.n.r.: Dirk Böther als „Thomas Stockmann“ und Gintas Jocius als „Hovstad“.

Weitere Infos und alle Termine unter http://schlosstheater-celle.de/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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