Webhosting ohne böse Überraschungen - xt:commerce, Template, Hosting und SEO - FIETZ.MEDIEN GmbH

„Hanna will es wissen” auf der Turmbühne des Celler Schlosstheaters

Autor:
Meggie Hönig

Von Religion und Glaube und dem allen

Eigentlich ist das nur eine ganz kleine, alltägliche Geschichte, die da auf der Turmbühne des Schlosstheaters gezeigt wird. Hanna ist elf und ein niedliches Mädchen mit blonden Pippi-Langstrumpf-Zöpfen, Jeans-Kittel und roter Kappe. Sie hat eine Mama und – klar – bestimmt auch einen Papa. Den kennt sie aber nicht. Und ihre Oma, die Mama von ihrer Mama, die sie natürlich auch hat, kennt sie auch nicht. Aber sie hat ein süßes Stoffpony, den Abraham. Und: Sie hat eine beste Freundin, die Mina, die auf einmal ein Kopftuch trägt, mega schön, und das glitzert voll krass, „wegen meinem Glauben”, hat Mina gesagt. Minas Bruder ist beschnitten worden und superstolz, dass er jetzt erwachsen ist.

Und da will es Hanna wissen. Was ist „beschnitten”? Was ist ein Ritual? Mama sagt immer, Kinder brauchen Rituale … Und überhaupt: Was ist das mit Religion und Glauben und dem allen? Ab jetzt ist die Geschichte ganz und gar nicht mehr alltäglich.

Außer dem „Erzähler” (man erkennt sofort die tolle Stimme von Dirk Böther), der Hanna vor allem in ihren Träumen begleitet, hat sie erst mal niemanden, den sie fragen kann. Ihre Mutter hat keine Lust, mit ihr über das Thema Religion zu sprechen. Die glaubt nämlich an nichts, sagt sie jedenfalls. Hanna glaubt aber nicht, dass man an nichts glauben kann. Und weil sie neugierig ist, fängt Hanna an zu recherchieren. Erst mal im Internet. Und dann schafft sie es, dass ihre Mutter (Katrin Steinke Quintana, wunderbar) ihr doch die ganze Geschichte von ihrem Vater erzählt. Er heißt Sinan, lebt in der Türkei, ist Muslim und hat eine andere Frau. Hanna erfährt auch, dass sich deswegen ihre Mama und ihre Oma total zerstritten haben. Oma ist katholisch.

Das sind ganz schön große Konflikte, die in diesem Stück für Kinder (ab acht Jahre) an der Bettkante von Hannas Kinderbett ausgebreitet werden: nicht nur das ganze große Thema Religion, sondern auch die Sehnsucht nach einer intakten Familie, die Verzweiflung, nicht zu wissen, wer der Vater ist und warum die Oma nicht ein einziges mal zu Besuch gekommen ist.

Johanna von Gutzeit hat sich dieses „Recherchetheater für Kinder” ausgedacht und einen – trotz der komplexen Thematik – gut durchdachten Schnelldurchlauf durch alle Weltreligionen entwickelt. Gesehen aus der Perspektive von wissbegierigen Kindern, ohne jede Wertung, Moral und Besserwisserei. Genau das macht dieses Stück so sehenswert, authentisch und spannend.

Sie hat eine Moschee besucht und sich erklären lassen, warum und wie die Muslime beten. Sie hat mit dem evangelischen Pastor Volkmar Latossek gesprochen und erfährt von Pater Thomas Marx der Katholischen Pfarrgemeinde St. Ludwig, was an Jesus toll ist. Doris Schleintz erzählt von der jüdischen Religion und vom Jude sein (einmal Jude, immer Jude). Johanna von Gutzeit hat mit jungen, in Celle lebenden Eziden gesprochen, sogar einen Japaner gefunden, der sich zum Hinduismus bekennt, und lernt, dass Buddha ja gar nicht so dick war, wie er dargestellt wird. All diese Begegnungen sowie viele kurze Interviews mit Menschen aus Celle werden in herrlich unprofessionell scheinenden Filmsequenzen gezeigt, so als hätte man der kleinen Hanna einen Camcorder in die Hand gedrückt. Alle sprechen von Liebe, alle glauben an den gleichen Gott, stellt die israelische Freundin von Hannas Mutter fest. Wie kann Gott es denn zulassen, dass sich die Menschen den Kopf einschlagen? Eine der vielen Fragen, auf die auch Hanna keine Antwort findet. – Aber sie weiß jetzt immerhin, warum Mina ein Kopftuch trägt.

Und dann gibt es ja eben noch diese zwei besonders wichtigen Ereignisse. Sie fährt nach Süddeutschland zu ihrer bayerisch sprechenden Oma (Renate Schulte-Uentrop), dem liebsten Menschen der Welt, und schließlich nach Istanbul zu ihrem Vater (Kaya Oezdamar-Binder). Johanna von Gutzeit kann nicht nur weinen, verzweifelt sein, mit so großen Augen fragen, sondern sich so sensationell freuen, so spontan glücklich sein, dass man sich einfach mitfreuen muss und fast vergisst, dass alles ja „nur” Theater ist.

Dream a little dream of me … sweet dreams that leave all worries behind you. Der Applaus für dieses kleine, große Stück reißt uns aus unseren Träumen, den Traümen von einer schönen Welt, in der alle Religionen neben- und miteinander Platz haben. Unbedingt verdienter Applaus! Nach der Premiere nur von wenigen Kindern, aber von vielen Erwachsenen, vielleicht großen Kindern.

 

Alle Fotos sind von Alex Sorokin und zeigen Johanna von Gutzeit als „Hanna“.
Alle Termine und weitere Infos auf http://schlosstheater-celle.de/
Die ursprünglich geplante Aufführung am 06.10. findet nicht statt. Alle anderen Aufführungstermine bleiben so wie geplant.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hauptnavigation