Webhosting ohne böse Überraschungen - xt:commerce, Template, Hosting und SEO - FIETZ.MEDIEN GmbH

Eine Familie – Premiere im Schlosstheater Celle

Autor:
Meggie Hönig

Die Familie – Hölle auf Erden

Jasper Brandis inszeniert Tracy Letts‘ Erfolgsstück

 

„Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre Art unglücklich (Leo Tolstoi in Anna Karenina).“ Wenn Familien aber so unglücklich sind wie in Tracy Letts‘ Erfolgsstück „Eine Familie“, das gestern Abend im Celler Schlosstheater Premiere feierte, verschlägt’s einem regelrecht die Sprache. Selbstmord, Alkohol, Tablettenabhängigkeit, Drogen, Selbstzerstörung, Ehebruch, Kindsmissbrauch, Inzest, unerfüllte Liebe, Verzweiflung, Schuld und Lügen, Lügen, immer wieder Lügen – erstaunlich, dass „Eine Familie“ (im Original „August: Osage County“, 2008 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet) trotz dieser apokalyptischen Zustände seit seiner Premiere ein Riesenhit am Broadway war und auch auf deutschsprachigen Theaterbühnen immer wieder gern gegeben wird. Aber unglückliche Familien sind eben – nicht nur auf der Bühne, sondern auch im wirklichen Leben – dramaturgisch dankbar und unterhaltsam.

Die Geschichte beginnt mit Beverly, dem Oberhaupt des Familienclans der Westons mit ihrem Zuhause in der viel zu heißen, öden Wüste von Oklahoma. Beverly, eigentlich Professor und Dichter, ist inzwischen hauptberuflich Säufer. „Das Leben ist sehr lang“, seufzt er mit T. S. Eliot – und verschwindet spurlos. Violet, seine Frau, hat – böse Zungen behaupten vom Gift- und Galle-Schlucken – Mundhöhlenkrebs und ist tablettensüchtig. Die drei Töchter, alle schon in den Vierzigern, sind längst aus dem Haus. Weil Beverly nicht wieder auftaucht, wird die ganze Familie zusammengetrommelt. Sie alle versammeln sich im Elternhaus: Barbara mit ihrem Nicht-mehr-Ehemann und ihrer pubertierenden, kiffenden Tochter. Ivy, die mittlere Tochter, die heimlich in Charles verliebt ist, den sie für ihren Cousin hält. Und Karen, die Jüngste, frisch verlobt mit einem Kompromiss-Mann, der lieber einer 14-Jährigen hinterhersteigt. Und dann sind da noch die Schwester von Violet mit ihrem Mann und eben jenem „Little Charles“, der das Produkt einer unmoralischen Liaison zwischen Beverly und Violets Schwester ist – und das von Bev eingestellte indianische Hausmädchen. Sie alle sind sich fremd geworden, glauben ihre Geheimnisse zu haben, aber Violet „verheimlicht keiner etwas”. Mit untrüglichem Instinkt deckt sie alle bisher gut versteckten Wunden auf, um tief und mit einer unerhörten Boshaftigkeit darin zu bohren, lässt auch nicht locker, als Beverlys Selbstmord bekannt wird. Willkommen zu Hause! Der Leichenschmaus endet in einer Katastrophe, die Psychoschlacht nimmt ihren Lauf. Violet wird auf Entzug gesetzt, Barbara übernimmt das Ruder („Ich bin die Starke!“), ähnelt mehr und mehr ihrer verkommenen, Schlafanzug und Bademantel tragenden Mutter – und alle haben jetzt erst recht Zeit und Muße, sich mit ihren Lebenslügen zu beschäftigen und die Verschlimmerung ihrer eigenen Probleme auf die Spitze zu treiben. Es wird gejammert, gelallt, geohrfeigt, gekreischt, reichlich „gottverdammte Scheiße“ geschrien und Geschirr zertrümmert …

Auf einer bewusst reduzierten, dunklen Bühne (Marina Stefan, Bühne und Kostüm) mit einem zentralen drehbaren Haus, so dass immer wieder neue Einblicke in das öde Landhaus „sechzig Meilen nordwestlich von Tulsa, Oklahoma“ gezeigt werden können, inszeniert Jasper Brandis, durch Arbeiten an vielen deutschen Theatern längst nicht mehr unbekannt, diese Familientragödie mit genau dem Tempo, das Tracy Letts vorsieht. Blitzschnell verändert er Tempo, Tonlagen, Stimmungen und Themen, untermalt mit passenden emotionalisierenden amerikanischen Songs – das engagierte und von Anfang bis Ende geforderte Ensemble reagiert mit rasiermesserscharfen, passgenauen Dialogen. Großartig, nuancenreich, manchmal tragikomisch Katrin Steinke Quintana als Violet, herausragend und unbedingt glaubwürdig Eva-Maria Pichler als Barbara.

”This ist he way, the world ends“, liest Johnna, das Indianermädchen, aus dem Buch, das Beverly ihr kurz vor seinem Selbstmord geschenkt hat. Hatte man sich mehr Anlässe zum Lachen gewünscht und mehr Broadway-Soap erwartet (ja, ein bisschen Klamauk war auch dabei), war die Betroffenheit und Sprachlosigkeit angesichts dieses Abgesangs auf alle menschlichen Werte um so größer. Es dauerte folglich eine Weile, bis das Premierenpublikum die Leistungen der Schauspieler mit sehr differenziertem Applaus belohnte – und schließlich bei der anschließenden Premierenfeier die Sprache doch wieder fand.

Weitere Termine:

http://www.schlosstheater-celle.de/de/programm/premieren14-15/eine-familie.htm

alle Fotos: Benjamin Westhoff

Foto 1 (v.l.n.r.): Katrin Steinke Quintana, Verena Saake, Ingeborg Stüber

Foto 2 (v.l.n.r.): Eva-Maria Pichler, Katrin Steinke Quintana

Foto 3 (v.l.n.r.): Morgane Ferru, Katrin Steinke Quintana

Foto 4 (v.l.n.r.): Ulrich Gall, Eva-Maria Pichler

Foto 5 (v.l.n.r.): Morgane Ferru, Verena Saake, Eva-Maria Pichler

Foto 6 (v.l.n.r.): Morgane Ferru, Katrin Steinke Quintana, Verena Saake, Eva-Maria Pichler

Foto 7 (v.l.n.r.): Johann Schibli, Morgane Ferru, Ulrich Gall, Eva-Maria Pichler, Michèle Breu, Josephine Raschke

Foto 8 Ensemble (v.l.n.r.): Johann Schibli, Morgane Ferru, Thomas Wenzel, Jürgen Kaczmarek, Ingeborg Stüber, Katrin Steinke Quintana, Verena Saake, Ulrich Gall, Eva-Maria Pichler, Josephine Raschke, Michèle Breu

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Hauptnavigation