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Eberhard Schlotter Stiftung in Celle mit neuer Ausstellung

Autor:
Meggie Hönig

Eberhard Schlotter in Darmstadt

Die Sehnsucht nach Lebensfreude ist anwesend!

„Es beginnt.” So lautet der (halbe) Titel der aktuellen Ausstellung der Eberhard Schlotter Stiftung in Celle. Es beginnt mit der „Stunde Null”, so wie viele Künstler die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg empfunden haben. „Das Licht kam aus dem Westen. Die Dreißigjährigen fingen von vorn an,” formulierte Eberhard Schlotter, den die Zerstörungen des als „Brandnacht” in die Geschichte eingegangenen Luftangriffs am 11. September 1944 in Darmstadt nachhaltig geprägt hatten. Nach seinem Kriegsdienst und der Gefangenschaft in Frankreich ließ er sich 1945 als freischaffender Künstler in Darmstadt nieder und gehörte zum Kreis einer ganzen Reihe hochmotivierter Künstler und Schriftsteller, die sich um einen Wiederaufbau und um neue Impulse für die Kunst bemühten. „Die 50er Jahre – ha! Ein Wiederaufbau, hastig und nervös. Jeder wollte dabei sein.”

In sechs ineinandergreifenden Themenkreisen, durch unterschiedliche, konzeptionell durchdachte Wandfarben gekennzeichnet, dokumentiert diese von Daphne Mattner und Dietrun Otten bestens kuratierte Ausstellung Eberhard Schlotters erste und ungewöhnlich produktive Darmstädter Schaffensphase. Es beginnt „zwischen Elend und Erwartung”, mit wenigen eindrucksvollen Bildern von Flüchtlingen, aber auch Bildern voller Hoffnung auf Zukunft. Erstaunlich farbenfroh vor tiefschwarzer Wand, ist Schlotter doch gerade auch durch seine oft düsteren Szenarien bekannt geworden.

„Sehnsucht nach Lebensfreude” (vor himmelblauer Wand) zeigt sich erst recht beim Thema „zwischen Bauwerk und Bürokratie”. Es geht um den Wiederaufbau der zerstörten Städte. Die nationalsozialistisch geprägte Richtlinie „Kunst am Bau” aus dem Jahr 1934 wurde ungeachtet des bitteren Nachgeschmacks im Jahr 1950 erneuert und gab den Künstlern die Möglichkeit, den Rohbau der wieder aufgebauten Bauprojekte mit Malerei, Mosaiken, Sgraffiti oder Reliefs zu schmücken. Wobei den Künstlern enttäuschenderweise eine gewisse Geringschätzung als bloße Dekorateure entgegengebracht wurde. Nicht nur Schlotter sah dennoch eine Chance, als Künstler bekannt zu werden; auch andere Malerkollegen, fast alle Mitglieder der Neuen Darmstädter Sezession, beteiligten sich an diesem Programm. Wir sehen hier nicht nur Entwürfe für Wanddekorationen von Eberhard Schlotter mit vorwiegend arkadisch-paradiesischen Motiven, sondern auch Werke von Künstlern aus seinem Umfeld wie Ernst Vogel, Helmut Lander und Bruno Erdmann.

Hellgelb geht’s zu „zwischen Saustall und Keller-Club”. Schon einige Jahre, bevor 1952 der Keller-Club als „kulturelles Schlupfloch für Künstler und originelle Geister” von Eberhard Schlotter, Helmut Lortz, Wilhelm Loth und anderen gegründet wurde, war die Idee für einen unabhängigen kreativen Ort im kleinen Darmstädter Stadtteil Arheilgen geboren. Ein umgebauter Schweinestall, der „Saustall”, war Treffpunkt, Wohnatelier, Denk- und Schaffensschmiede für die jungen Künstler. Der Keller-Club galt als Geheimtipp der Darmstädter Künstlerszene, die Gästeliste war groß und reichte von HAP Grieshaber, Alexander Calder, Daniel Spoerri, Willi Baumeister über die Schriftsteller Jean Genet und Eugène Ionesco bis hin zu Vertretern der Neuen Musik wie Karl-Heinz Stockhausen und Journalisten wie Joachim Kaiser und Thilo Koch. Erst als der Club sich zunehmend etablierte und sich auch hier Hierarchien und Empfindlichkeiten breitmachten, kehrte Schlotter diesem Treffpunkt den Rücken und malte enttäuscht das gigantische Bild „Die Aschaffung des Darmstädters.” Auch in diesem Bereich sehen wir Schlotters Werke im Kontext seiner Künsterkollegen wie Helmut Lortz, Bernd Krimmel, Ernst Vogel, Edvard Frank und Carl Gunschmann – allesamt übrigens auf Info-Tafeln mit Kurzbiografie vorgestellt. Wir sind Zeugen der Suche nach einem eigenem Stil, der Aufarbeitung von Werken der europäischen, insbesondere der Pariser Kunstszene. „Darmstadt hatte Atmosphäre, und die großen Ereignisse, die in diesem Jahrhundert stattfanden und uns vorenthalten wurden und verboten waren, mussten aufgearbeitet werden, nachgeholt.” (Eberhard Schlotter)

So finden wir uns im nächsten – strahlendgelben – Bereich „zwischen Beifall und Befreiung” inmitten dieser Spurensuche und Experimentierphase der Darmstädter Künstler zwischen „delacroixschem pathetischem Realismus”, Kubismus, Konstruktivismus und abstraktem Informel. Auch Eberhard Schlotter experimentierte und reduzierte seine Gegenstände auf das Wesentliche.

„zwischen Wahn und Wagnis” (grelltürkis-farbiger Bereich) dokumentiert Schlotters Auseinandersetzung mit den Darmstädter Gesprächen, dem „Kunstkrieg”, der gleichzeitig sowohl inspirierte als auch Streit stiftete und die Kunstszene in zwei Lager spaltete. Farbe wird zu Schlotters wichtigstem Ausdrucksmittel. Schlotter auf dem Weg zur Abstraktion, könnte man denken. Schlotter forderte Toleranz des künstlerischen Ausdrucks, wehrte sich aber dagegen, „in der reinen Abstraktion die allgemeingültige Form modernen Ausdrucks zu sehen” und folgte nicht Will Grohmanns Aufforderung „Herr Schlotter, Sie sind jetzt soweit, Sie müssen abstrakt malen!” Schlotter, der 1955 zum Vorsitzenden der Neuen Darmstädter Sezession berufen wurde, fühlte sich schließlich durch die „mitunter feindselige Auseinandersetzung mit Kritikern und Journalisten” zermürbt und entschloss sich – bestärkt durch seinen Freund Arno Schmidt ­– im Jahr 1956, aus der Sezession auszutreten, Darmstadt zu verlassen und sich im spanischen Altea niederzulassen.

„zwischen Ausbruch und Aufbruch” (mildweiß) entstanden lichthelle, fast blendend helle Werke, die so genannten „leeren Bilder”, typisch mediterrane Motive ohne menschliche Figuren. Über die Darstellung von Schatten versucht Schlotter, das Wahre und Echte zu erkennen. Und erst über die Schatten der Dingwelt tastet er sich wieder an die Schatten der menschlichen Figur heran, schließlich wieder an den Menschen selbst. 1960 kehrt Schlotter nach Deutschland zurück, wird aber sein Leben ab jetzt abwechselnd in Spanien und in Deutschland verbringen.

„es beginnt. die 50er Jahre” – diese Ausstellung zeigt, gut dokumentiert sowohl in einer kleinen Broschüre als auch auf zahlreichen begleitenden Textinformationstafeln, Schlotters künstlerische Entwicklung und Orientierung mit vielen in Celle noch nicht gesehenen Werken, am Beginn der „Stunde Null” und vor allem einmal im Umfeld beispielhafter Werke seiner Künstlerkollegen. Eine Fotoausstellung in den oberen Etagen rundet die Ausstellung ab. Unbedingt sehenswert!

(alle Zitate aus der die Ausstellung begleitenden Broschüre)

Fotos: Hubertus Blume, Ulrich Loeper (C) Landluft-Celle.de, 2016

Die Ausstellung ist bis zum 3. Oktober 2016 zu sehen.
Weitere Informationen unter http://eberhard-schlotter-stiftung.celle.de/Ausstellungen

 

 

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