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„Die Zeitung“ – zum Jubiläum der CZ eine Uraufführung am Celler Schlosstheater

Autor:
Meggie Hönig

Ein herzlicher Geburtstagsglückwunsch

„Es hat sich vieles verändert.“ Das ist eine Feststellung, die man gewöhnt ist, von Vertretern der eher älteren Generation zu hören. Meist verbunden mit einem tiefen Seufzer, hochgezogenen Augenbrauen und gerunzelten Stirnfalten. Hier, an diesem Uraufführungspremierenabend im Celler Schlosstheater, steht er ziemlich am Anfang des Stücks „Die Zeitung“, dem Gratulationsgeschenk der Celler Theaterleute an die Cellesche Zeitung. Denn die feiert, wie jeder in Celle weiß, ihren 200. Geburtstag.

Das Stück beginnt in der Zukunft, genauer gesagt: im Jahr 2067, also exakt 50 Jahre nach unserer Gegenwart. Ja, man prostet sich zu, aber mit Bedenkenträgermiene, denn nichts ist mehr so wie früher, und die Zukunft scheint weiß Gott nicht auf Rosen gebettet. Die Verlegerin hat sich eine App, eine Anwendung, programmieren lassen, die die Zeitung wieder nach vorne bringen soll – aber es eben nicht wirklich tut. Die junge Verlegerstocher, die Journalistin werden möchte, stellt allerlei naive Fragen, die angehende Journalisten im wirklichen Leben wohl eher nicht stellen würden. Sie möchte aber vor allem die Zeitung retten.

Jedenfalls hat man nun also den Konflikt, den laut Andreas Döring, dem Intendanten des Schlosstheaters und dem Autor des Geburtstagsstücks, jedes gute Theater braucht. „Der Konflikt hier wird konstruiert, es geht um den gegenwärtigen Fortbestand der Zeitung in der Zukunft.“

Nun ja, eine Zukunft ohne Vergangenheit ist nicht denkbar und natürlich eine Zukunft nicht ohne Gegenwart. Und so wechseln die Perspektiven und man pendelt auf der Bühne durch die Zeiten, von der Zukunft in die Vergangenheit und die Gegenwart und wieder zurück oder nach vorn. In grelles Licht getaucht erscheint die Zukunft, sanfte, warme Töne schmeicheln der Vergangenheit.

Wie bei Geburtstagsreden üblich, wird viel von der Vergangenheit erzählt, wir erfahren die ganze, ohne Zweifel spannende Historie der CZ. Von der ersten Ausgabe als „Zelleschen Anzeiger“, die dann als „Cellesche Zeitung und Anzeigen“ erschien. Von der Gründerfirma Schweiger und Pick. Vom ersten Redakteur Beneken, einem Pfarrer aus Nienhagen. Von der Übergabe der Geschäfte an Schweigers Tochter Johanna Heuer, die später die Geschäfte an ihren Schwiegersohn Georg Heinrich Pfingsten übertrug und der Zeitung mit der Aufteilung in „Lokales“, „Aus der Provinz“ und „Rundschau“ ihre Struktur gab, die die CZ im Wesentlichen bis heute beibehalten hat. Eine gute Portion Lokalkoloriert und -witz– bis in die Gegenwart mit ECE-Für-und-Wider-Diskussionen und Schützenplatz-Parkplatz-Problemen – gehört dazu, denn die Geschichte der CZ ist nicht denkbar ohne die Geschichte der Stadt.

Zurück in die Zukunft: Die App hat sich längst verselbständigt, sie macht, was sie will, schreibt die Artikel selbst, analysiert das Konsumverhalten der Abonnenten, filtert raus, was der Leser nicht lesen will. „Die Anwendung wacht über uns wie ein Gott.“ Um die Zeitung, die es nur noch online gibt, zu retten, kommt die Verlegerstochter auf die Idee, die App abzuschalten und die alte Rotation wieder aus der Mottenkiste zu holen. Doch: Die App lässt sich nicht abschalten und die Rotation gibt nach kurzfristigem Anlaufgetöse den Geist wieder auf.

Eine nette, eigentlich unterhaltsame Geschichte, die Andreas Döring und Harald Wolff, der ausführlich recherchiert und intensive Gespräche mit den Verlegern, Redakteuren und anderen „Zeitungsleuten“ geführt hat, sich ausgedacht haben und die von Eberhard Köhler, dessen Name durch die Inszenierung von „Terror“ in Celle nicht ungeläufig ist, in Szene gesetzt hat. Eine nette Geschichte, die leider überfüllt ist von Klischees und einigen Ungereimtheiten. Wer von uns ist denn zum Beispiel in der Lage, sich einigermaßen plausibel eine Zukunft in 50 Jahren vorzustellen? Das was hier als Zukunft suggeriert wird, ist längst Gegenwart. Autos fahren führerlos, Apps und andere computergesteuerte Programme sind oft intelligenter als wir Menschen, die sie erschaffen haben, Roboter zeigen so etwas wie Gefühle und Algorithmen manipulieren unsere Denkweisen … Die Gedanken über journalistische Arbeit und ihren Anspruch bleiben an der Oberfläche. „Der Blick muss frei sein auf die unverbaute Wahrheit.“ Wenn man denn immer wüsste, was die Wahrheit ist?

Dennoch: Gute Unterhaltung bietet dieses Stück allemal. Allen fünf Akteuren macht es ganz offensichtlich großen Spaß, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen und sich durch die Zeiten hindurch immer wieder zu verändern. Verena Saake ist wunderbar vor allem als Johanna Heuer und Verlegerin Pfingsten, Irene Benedict ist frech, frisch, kokett, neugierig und bringt viel Schwung in die Chose. Thomas Wenzel, Ulrich Gall und Philipp Leenders zeigen nicht weniger Spielfreude. Die Bühne und die gesamte Ausstattung (Vesna Hiltmann) ist – wie so oft am Celler Schlosstheater – faszinierend. Auf und ab schwebende riesenlange Neonröhren, emotionale Lichteffekte, Videoprojektionen auf zerknittertem Zeitungspapier und ein Feuerwerk zum Schluss. Am schönsten sind die großen Pappkartons, die man immer anders auf- und zuklappen kann, die Räume bilden, Maschinen sind und die sogar beinahe tanzen können.

Überhaupt das Tanzen! Es gibt Tanzszenen (Choreographie Darya Barabanova), gleich zu Beginn, immer wieder, manchmal unvermittelt eingestreut in die Handlung und natürlich ganz zum Schluss, nach dem ersten zögerlichen Beifall noch einmal mit viel Schmiss und Schwung. Fast zauberhaft die Choreographie beim Wäscheaufhängen im historischen, vernebelten Celle, als gerade einmal wieder „Schwärze“ gemacht wird. Tanzen können die Schauspieler, allen voran Irene Benedict. Gute Unterhaltung – und zwischendurch ein bisschen Zeit zum Träumen, rückwärts in die Vergangenheit und nach vorne: „Erheben wir die Gläser. Stellen wir uns die Zukunft vor!“ Herzlichen Glückwunsch!

Foto 1 v.l.n.r.: Ulrich Gall, Verena Saake, Thomas Wenzel, Philip Leenders und Irene Benedict
Foto 2 v.l.n.r.: Thomas Wenzel, Irene Benedict und Ulrich Gall
Foto 3 v.l.n.r.: Thomas Wenzel, Philip Leenders, Irene Benedict und Ulrich Gall
Foto 4: Verena Saake
Foto 5 v.l.n.r.: Ulrich Gall, Irene Benedict und Verena Saake
Foto 6 v.l.n.r.: Philip Leenders, Thomas Wenzel und Ulrich Gall
Foto 7 v.l.n.r.: Ulrich Gall und Irene Benedict
Foto 8 v.l.n.r.: Thomas Wenzel und Ulrich Gall
Foto 9 v.l.n.r.: Verena Saake und Irene Benedict
Foto 10 v.l.n.r.: Irene Benedict, Thomas Wenzel und Verena Saake

Alle Fotos: Foto: Alex Sorokin

 

Alle Termine und weitere Informationen unter schlosstheater-celle.de

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