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„Der Boxer” im Celler Schlosstheater: beeindruckende deutsche Erstaufführung

Autor:
Meggie Hönig

Rukeli tanzt nicht mehr!

Lustig ist das Zigeunerleben? Wer zu dieser Premiere den Weg ins Theater fand und sich einen entspannenden, unterhaltsamen Freitagabend erhoffte, wurde bitterherb enttäuscht. Mit bis oft über die Schmerzgrenze hinausgehender Brutalität wurde das tragische Schicksal des Boxers „Rukeli” Trollmann als bedrückendes Theaterstück (deutsche Erstaufführung!) inszeniert.

Felix Mitterer, der 1948 geborene und in einfachen Verhältnissen aufgewachsene Autor des Stücks, wird als Österreicher in heimischen Landen gefeiert, sieht sich selbst als Tiroler Heimatdichter und Volksautor. Während seiner Beschäftigung mit der Nazizeit stieß er auf die Lebensgeschichte des als Sohn einer Sinto-Familie 1907 geborenen Johann „Rukeli” Trollmann. Rukeli, was so viel heißt wie „Bäumchen”, wuchs mit acht Geschwistern in der Altstadt von Hannover auf, stand schon mit acht Jahren zum ersten Mal im Ring, gewann alle möglichen regionalen und überregionalen Box-Amateurmeisterschaften und wurde schließlich Profi-Boxer. Ab 1932 „kämpfte er nur noch gegen die Besten”, wie auf den Internet-Seiten des Vereins Rukeli Trollmann e.V. nachzulesen ist. Es gab ihn also wirklich, diesen tanzenden, boxenden Zigeuner. Und vielleicht ist es gerade die Realität dieses Schicksals, das sich im Übrigen ganz hier in unserer Nähe ereignete, die die Intensität des Stücks ausmacht.

Rukeli gewinnt nach einem dramatischen Boxkampf, in dem zunächst sogar der arische Gegner Reinhard Wolf als Sieger nach Punkten erklärt wird, den Meisterschaftstitel, der ihm aber kurze Zeit später „wegen bewiesenem unsportlichem Tanzens” wieder aberkannt wird. Denn Rukeli boxt anders als der deutsche Faustkampf es vorsieht, er tanzt, weich und nach einer eigenen Choreographie, er lacht und provoziert. Und er weiß, wann geschlagen werden muss und wann es besser ist auszuweichen. Aber vor allem: Er ist ein Sinto! Seine Boxtechnik gilt als undeutsch und artfremd. Durch die „Rassenhygienische Forschungsstelle” unter der Leitung des Arztes Dr. Ritter werden alle „Zigeuner” im Reichsgebiet erfasst und als reinrassig oder als Mischling eingestuft. Es kommt zu einem zweiten Boxkampf, zu dem Rukeli, „das Zigeunerschwein” – gedemütigt – mit blondiertem Haar und weiß gepudertem Gesicht erscheint und sich beinahe wehrlos niederschlagen lässt. Dr. Ritter, der „Herr über Leben und Tod”, wie er sich selbst bezeichnet, zwingt Rukeli, sich sterilisieren zu lassen, damit er mit seiner Geliebten und Frau Olga keine Mischlinge zeugen kann. Zunächst wird er als reinrassiger Zigeuner noch zum Wehrdienst einberufen und kommt an die Ostfront, wird aber schon bald aus der Wehrmacht ausgeschlossen. Schließlich wird er verhaftet und wie sein Bruder Stabeli als Häftling 09841 ins KZ eingeliefert, gefoltert und zu Zwangsarbeit verpflichtet. Dort kommt es zum „Endkampf” zwischen seinem Dauerfeind Wolf und ihm. Die Spielregel lautet: Wer verliert, stirbt. Es gewinnt: Rukeli!

Charlotte Koppenhöfer inszeniert mit einem beeindruckcnden Spannungsbogen, der von Anfang bis Ende in Atem hält und schließlich stumm macht. Die Boxkämpfe, unter Mithilfe des Celler Halbschwergewichtsboxers Mick Dettmar einstudiert, geraten in keiner Weise peinlich. Sie werden angedeutet, angespielt – der Sandsack leuchtet blutrot – und dann wie ein Radiokommentar von den am Bühnenrand stehenden Schauspielern mit rasanten, hart ein- und sich überschlagenden Worten bildhaft. Der letzte Kampf allerdings wird mit Fäusten geboxt, bis zum bitteren Ende.

Wunderbar berührend ist die Szene der Hochzeitsnacht mit Rukeli und Olga: ein Apfel als Sinnbild für Leben, Liebe und Fruchtbarkeit, „Ich bin deine Nahrung, du bist meine Nahrung …”. Ergreifend auch der Text der KZ-Überlebenden Ceija Stojka mit dem Auftritt des Mädchens als Schattenfrau, das sich frierend im Körper einer Toten verbirgt und Schutz sucht.

Als starkes Ensemble präsentieren sich alle acht Akteure, präsent von Anfang bis Ende. Auf der weitestgehend dunklen Bühne, die zu Beginn hinter einem dunkeltristen Rolltor verborgen ist, einen indirekt erleuchteten Box„kasten” freigibt, ein hartes, bedrohlich schräg abfallendes Liebeslager bildet und schließlich ein enges, kohlenverstaubtes KZ errichtet (Bühne: Julie Weideli) stehen sie stets im Mittelpunkt. Hervorragend und eindrücklich Tomas Wenzel als Rukelis Bruder Stabeli, bisweilen leicht überzogen und am Schluss doch die ganze Tragik des Boxers Reinhard Wolf herausarbeitend Felix Meyer, rastlos und abwechslungsreich Christoph Türkay als Rukeli. Warum nur bleibt die Sprache auf der Theaterbühne immer Alltagssprache mit all ihrer Undeutlichkeit und zu viel Schoddrigkeit?

Und wie ist es möglich, dass nach diesem entsetzlichen Ende eine kleine Gruppe von Groopies die notwendige Stille des Schlussbildes durch Kreischen, Pfeifen und Klatschen zerstört? Noch hat man die dumpfen Spatenhiebe nicht vergessen, mit denen Rukeli trotz oder wegen seines Sieges erschlagen wird, noch dröhnt der letzte Schuss, mit dem sich Wolf erschießt, im Ohr.

Ein wahrlich sehenswertes, mutiges und das Celler Schlosstheater bereicherndes Stück, das den anhaltenden Schlussapplaus unbedingt verdient hat.

Fotos: Benjamin Westhoff

Foto 1: vorne Christoph Türkay als „Johann ‚Rukeli‘ Trollmann“, hinten links Jürgen Kaczmarek als „Dr. Robert Ritter“ und hinten rechts Felix Meyer als „Reinhard Wolf“
Foto 2: links: Christoph Türkay als „Johann ‚Rukeli‘ Trollmann“, Mitte: Josephine Raschke als „Olga Bilda“ und rechts Felix Meyer als „Reinhard Wolf“
Foto 3: v.l.n.r.: Christoph Türkay als „Johann ‚Rukeli‘ Trollmann“, Felix Meyer als „Reinhard Wolf“, Thomas Wenzel als „Heinrich ‚Stabeli‘ Trollmann“, Tanja Kübler als „Friederike ‚Pessi‘ Trollmann“, Maurizio Micksch als „Heinz Harms“, Josephine Raschke als „Olga Bilda“ und Jürgen Kaczmarek als „Dr. Robert Ritter“.
Foto 4: Christoph Türkay als „Johann ‚Rukeli‘ Trollmann“ und Josephine Raschke als „Olga Bilda“
Foto 5: Felix Meyer als „Reinhard Wolf“ (links) und Christoph Türkay als „Johann ‚Rukeli‘ Trollmann“
Foto 6: v.l.n.r.: Felix Meyer als „Reinhard Wolf“, Christoph Türkay als „Johann ‚Rukeli‘ Trollmann“ und Maurizio Micksch als „Heinz Harms“

Alle Termine und weitere Infos unter: http://schlosstheater-celle.de/

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